Weshalb nur wenige Schüler aus dem Bezirk Hinwil ins Gymi gehen
Gymi-Prüfung am Montag
Für viele Jugendliche kommt mit der Gymi-Aufnahmeprüfung am Montag ein entscheidender Tag auf sie zu. Doch wer schafft es letztlich ans Gymnasium?
Heute gilts ernst, zumindest für gut 8500 Schüler im Kanton. Denn diese Jugendlichen absolvieren die gymnasiale Aufnahmeprüfung. Auf dem Plan stehen Deutsch und Mathematik. Wer die Prüfung besteht, sichert sich einen Platz an einem der Gymnasien. Im Oberland sind dies die Kantonsschulen Uster und Zürcher Oberland in Wetzikon.
Voraussetzung dafür ist, dass der Schnitt der Vornoten und der Prüfung über der Note 4,75 liegt. Und die Prüfung hat es in sich. Neben Textverständnis, Grammatik und einem Aufsatz sind die Rechenkünste der Jugendlichen gefragt.
Doch wie viele schaffen es letztlich ans Gymnasium? Wir nahmen die Aufnahmequoten der Region, die vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt herausgegeben werden, mal genauer unter die Lupe. Überraschend erschien, dass zwischen den Bezirken Hinwil, Uster und Pfäffikon markante Unterschiede auszumachen waren.
Bei den einen beliebt, für die anderen uninteressant
2024 hatten nur 8,5 Prozent aller Sechstklässler im Bezirk Hinwil eine bestandene Gymi-Prüfung. Die übrigen 91,5 Prozent beinhalten auch Schüler, welche nicht an die Prüfung antraten. Damit bildete Hinwil gar das Schlusslicht im Kanton. Anders ausgedrückt, gingen von hundert Schülern gerade mal acht ins Langzeitgymnasium über.
Zum Vergleich: Im Bezirk Pfäffikon waren es 11, in Uster 16. Prozentual gerechnet, wechselten in Uster doppelt so viele Schüler als in Hinwil nach der sechsten Klasse an eine Kantonsschule. Uster übertraf damit gar den kantonalen Schnitt.
Dieses Bild zeichnete sich auch bei den Quoten zur Aufnahmeprüfung aus der zweiten und dritten Oberstufe ab. Allerdings glückten aus diesen Schulstufen bedeutend weniger Jugendlichen die Prüfung.
Welche Schüler sich für die Aufnahmeprüfung interessieren
Doch weshalb gibt es so markante Unterschiede in der Region? Liegt es am fehlenden Interesse der Hinwiler, oder sind die Schüler aus dem Bezirk Uster schlichtweg ehrgeiziger oder intelligenter?
Das liess sich aus den Daten nicht eindeutig entschlüsseln. Allerdings war auffällig, dass vergleichsweise wenig Schülerinnen und Schüler aus dem Bezirk Hinwil die Aufnahmeprüfung überhaupt probierten. Letztes Jahr versuchten gerade mal 17 Prozent der Sechstklässler den Sprung an eine Kantonsschule. Die Quote sank über die letzten Jahre.
Blickt man auf den Bezirk Uster, so zeigt sich hier ein anderes Bild. Im Verhältnis zu allen Sechstklässlern interessierten sich dort 2024 bedeutend mehr Jugendliche für den Übertritt ans Gymi. In der Zahl waren es fast 30 Prozent.
Pfäffikon bewegte sich mit 21,5 Prozent im Mittelbereich, der Kantonsschnitt lag bei 27,7 Prozent.
Die Schüler werden beeinflusst
Das Interesse am Gymi variiert in der Region demnach stark. Die Gründe dafür sind vielseitig, wie Jürg Schoch, Präsident des Vereins Chance+ und ehemaliger Direktor des Zürcher Gymnasiums unterstrass.edu, erklärt. Neben gesellschaftlichen und geografischen Faktoren würden die Jugendlichen stark von ihrem persönlichen Umfeld beeinflusst.


«Werden die Jugendlichen von Menschen aus dem nahen Umfeld dazu ermutigt, die Gymi-Prüfung zu versuchen, hat das einen grossen Effekt.» Das können beispielsweise Verwandte oder Kollegen sein. Letztere entfalten mitunter die grösste Wirkung, da man mit seinen Kollegen weiterhin in die Schule gehen will. «Bei Jugendlichen bedeutet Dazugehören alles», sagt Schoch.
Er macht ein fiktives Beispiel: Eine Schülerin geht mit ihrer Clique – bestehend aus sechs weiteren Mädchen – in dieselbe 6. Klasse. Sie unternimmt viel mit ihren Freundinnen, sei es in den Pausen oder in der Freizeit. Von den sieben Kolleginnen entscheiden nun fünf, sich für die Aufnahmeprüfung anzumelden. Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt auch sie an eine Kantonsschule gehen will, steigt gemäss Schoch deutlich.
Des Weiteren tragen die Schulen entscheidend dazu bei, für welchen Weg sich Jugendliche entscheiden. Einerseits hängt dies von der Förderung talentierter Schüler ab, andererseits von den Lehrpersonen. «Diese können motivierend, aber auch hemmend auf die Jugendlichen einwirken», sagt Schoch.
Die Bodenständigen machen eine Lehre
Die Lehrpersonen, wie auch die Eltern und andere Menschen im Umfeld der Schüler prägen sich zudem gegenseitig durch ihre Haltungen. Welche Meinung die Gesellschaft in einer Region vom Gymnasium hat, beeinflusst wiederum die Entscheidung der Jugendlichen. «In ländlichen Gebieten herrscht eher der Konsens, dass man erst mal eine Lehre absolvieren soll», sagt Schoch.
In urbaneren Gemeinden hingegen wohnen tendenziell mehr Eltern, die selbst den akademischen Weg durchliefen und ihre Kinder für denselben Weg motivieren. Zusätzlich beeinflusst die finanzielle Situation der Familie die Entscheidung massgebend. «Je privilegierter eine Familie ist, desto eher versuchen die Kinder auch die Aufnahmeprüfung.»
Dies bestätigt das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons, welche jährlich die Quoten der Aufnahmeprüfungen herausgibt. «Die Schulkarrieren der Kinder orientieren sich stark am Elternhaus», begründet das Amt die unterschiedlich hohen Quoten in den Bezirken.
Wieso gerade Hinwil tiefe Quoten aufweist
Die Aufnahmequoten der einzelnen Gemeinden aus dem Bezirk Hinwil stellt das Amt jedoch aus rechtlichen Gründen nicht zur Verfügung. Diese wären für eine detaillierte Analyse zentral, um die Gemeinden zu eruieren, die auffallend tiefe Quoten aufweisen. Jedoch könnte man aus den Daten Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen, da manche Schulgemeinden im Bezirk Hinwil sehr klein sind.
Nichtsdestotrotz gibt es einen Faktor, der regionale Unterschiede erklären könnte. Laut Schoch wirkt sich neben den gesellschaftlichen Faktoren auch die Distanz zur nächstgelegenen Kantonsschule auf die Quoten aus. Je weiter weg sich ein Gymnasium befindet, desto häufiger entscheiden sich Jugendliche dagegen. «Dies könnte bei den Gemeinden in Richtung Tösstal eine Rolle spielen», sagt Schoch.
So etwa in Wald und Fischenthal. Zwischen beiden Gemeinden und der Kantonsschule Zürcher Oberland liegt jeweils eine andere Gemeinde. Der Schulweg für die Jugendlichen beläuft sich – je nach Verbindung und Wohnort – auf gut eine halbe Stunde.
Schülerinnen und Schüler aus Bubikon oder Rüti benötigen für ihren Schulweg von Bahnhof zu Bahnhof vergleichsweise unter zehn Minuten.
Es kommt nicht nur auf das Köpfchen an
Für diese Einflüsse kann ein Schüler also nichts. Allerdings hört man in der Gesellschaft doch gerne mal Sätze wie: Die Leistung ist von den Schülern selbst abhängig. Mit dem nötigen Effort, etwas Grips und Durchhaltewillen könnte es so mancher Jugendliche ans Gymi schaffen.
«Doch diese Persönlichkeitsmerkmale werden», sagt Schoch, «stark vom Umfeld geprägt.» So erhalten nicht alle Jugendlichen dieselbe Unterstützung in der Prüfungsvorbereitung, oder sie werden zu Hause weniger stark gefördert. «Je mehr die äusseren Faktoren positiv wirken, desto weniger ist die Eigenleistung der Schülerinnen und Schüler nötig.»
Das Mittelschul- und Bildungsamt spricht sich indessen für die Aufnahmeprüfung aus, weil alle Schüler die gleiche Prüfung absolvieren und diese einheitlich korrigiert und benotet werde. «Für das Bestehen müssen alle Kandidatinnen und Kandidaten die gleiche Leistung erbringen», schreibt das Amt. Das Aufnahmeverfahren habe sich bewährt.
Die gute Nachricht für die Schülerinnen und Schüler, die am Montag die Gymi-Prüfung absolvieren: Im Schnitt besteht jeder zweite Prüfling. Hier sind kaum regionale Unterschiede auszumachen. Eine Hinwiler Schülerin hat aus statistischer, rechnerischer Sicht also vergleichbare Erfolgschancen wie ein Schüler aus Uster.