Das Ende für die Fundgrube voller Geschichten in Saland
Brocki schliesst für immer
Eine Ära geht zu Ende: Nach 24 Jahren schliesst das Brockenhaus Saland im März. Betreiberin Sonja Kistler blickt auf eine bewegte Zeit zurück.
Die alte Holztreppe, die ins Brockenhaus in Saland führt, ächzt unter jedem Schritt. Die Stufen sind abgetreten, speckig von Jahrzehnten des Kommens und Gehens. Doch jetzt liegt eine eigentümliche Stille über dem Ort.
Der grosse Raum ist halb leer. In den Regalen, einst vollgestopft, klaffen jetzt grosse Lücken. In einer Ecke stehen vereinzelte Möbel, ihre Oberflächen sind mit einer feinen Staubschicht überzogen. Daneben parkt ein alter Kinderwagen, gefüllt mit ausrangierten Puppen. Auf einem Tisch liegt ein Haufen undefinierbarer Gegenstände – ohne Ordnung, ohne Besitzer.
Es ist unübersehbar: Die Tage des Brockenhauses sind gezählt. Ende März schliesst es endgültig. Das gesamte Gebäude und Gelände an der Juckernstrasse in Saland wurde verkauft. Der neue Besitzer plant, im historischen Gebäude der Weberei Jucker Wohnungen zu errichten.
«Wie eine grosse Familie»
Noch hat aber Sonja Kistler das Sagen. Sie führt das Brockenhaus seit 24 Jahren; für sie ist es im Laufe der Zeit zu einem zweiten Zuhause geworden. «Meine Kundinnen, Kunden und ich, wir waren wie eine grosse Familie», erzählt die 74-Jährige.
Im Laufe der Jahre ging hier nicht nur Ware ein und aus – es wurde auch gelebt. Kontakte wurden gepflegt und Freundschaften geschlossen. «Ich habe hier viel gelacht, manchmal aber auch geweint», erinnert sich die Seniorin.
«Mir war es immer wichtig, ein Brocki zu führen, das anders ist als alle anderen.» Verkauft wurde stets alles zu einem günstigen Preis; Geld stand für Kistler nie an erster Stelle. «Die Ware sollte für alle erschwinglich bleiben.»



Nach dieser Philosophie lebte sie über all die Jahre hinweg. Dann kam die Pandemie. Zweimal musste Kistler ihr Brockenhaus schliessen, die Kundschaft blieb aus. «In dieser Zeit entdeckten viele den Onlinehandel für sich. Zwei Klicks, und am nächsten Tag ist die Ware da – bequemer geht es nicht», sagt sie. Zudem steige die Nachfrage nach neuwertigen Produkten. Für ein Brockenhaus sei es schwierig geworden, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten.
Und als ob die Pandemie nicht schwer genug zu meistern war, ereilte Sonja Kistler kurz darauf der nächste Schicksalsschlag: Ihr Mann Bernhard verstarb. Nach langjähriger gemeinsamer Führung des Brockenhauses stand sie plötzlich allein da. «Das war viel für mich», sagt die Seniorin mit stockender Stimme. Tränen steigen ihr in die Augen.
Ihre Freude an der Arbeit im Brocki Saland habe sie jedoch nie verloren. Auch nicht, als vergangenen September die Kündigung ins Haus flatterte. «Klar, es tut weh – ich habe das jetzt so viele Jahre gemacht. Aber irgendwann ist es auch mal gut», sagt Kistler. So blickt die Seniorin dem Ende mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen.
Letzte Fundstücke
Ihre Grosszügigkeit bewahrt sie sich bis zuletzt. Alles, was noch da ist, kann gratis oder für eine kleine Spende mitgenommen werden.
Viele Kundinnen und Kunden nutzen diese Gelegenheit, um ein letztes Mal nach Schätzen in Saland Ausschau zu halten. So auch Nina und Mirella aus Winterthur. Sie schieben zwei gut gefüllte Einkaufswagen durch die langsam leer werdenden Gänge des Brocki.

Immer wieder bleiben die beiden stehen, nehmen alte Vasen, Bilderrahmen oder Bücher in die Hand und beäugen sie. Manche Fundstücke wandern in den Wagen, andere stellen sie zurück.
«Wir haben hier so oft nach Schätzen gestöbert», sagt Mirella mit einem wehmütigen Lächeln. «Und fast immer welche gefunden», ergänzt ihre Begleiterin.
Für sie war das Brocki Saland mehr als nur ein Laden – es war eine Fundgrube voller Geschichten. «Ich liebe Dinge mit Vergangenheit, denen ich dann neues Leben einhauchen kann», erzählt Mirella, die als Kunstschaffende arbeitet. Nina, Dekorateurin von Beruf, nickt zustimmend.
Auch die Betreiberin Sonja Kistler sei ihnen ans Herz gewachsen. «Sie war immer so grosszügig und herzlich», erinnern sich die beiden. «Es tut weh, dass dieses Brocki jetzt schliessen muss», sind sich die Winterthurerinnen einig.
Aus dem Tösstal über den Atlantik
Eine ältere Dame, beladen mit ihren letzten Funden, drückt Sonja Kistler eine Zehnernote in die Hand. «Danke, dass Sie das all die Jahre gemacht haben. Wir werden Sie vermissen. Alles Gute für Sie!» Kistler lächelt und bedankt sich herzlich.
In den vergangenen 24 Jahren durfte sie viele bereichernde Begegnungen erleben. Einmal sagte eine Kundin zu ihr: «Frau Kistler, Sie wissen gar nicht, wie viel von Ihnen in meinem Zuhause steht!»
Neben ihren treuen Stammkunden aus der Region begrüsste sie auch immer wieder Gäste aus aller Welt. «Polen, Bulgarien, England oder die USA – von überallher habe ich Menschen kennengelernt.»
Ein Besucher aus den USA ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. «Er hat hier einen Bauernschrank gekauft, ihn in dutzende Einzelteile zerlegt und im Flugzeug mit in die Staaten genommen.» Irgendwo in Amerika steht nun also ein Schrank aus dem Brocki Saland – ein Gedanke, der Kistler mit Freude erfüllt.
Noch bis Ende März ist das Brocki Saland geöffnet – oder so lange, bis alles übrig Gebliebene ein neues Zuhause gefunden hat. Was bis dahin nicht weg ist, muss Kistler entsorgen. Selbst nimmt sie kein physisches Erinnerungsstück mit. «Ich wüsste gar nicht, welches», sagt sie. Und überhaupt: «Ich trage alle Erinnerungen an diese Zeit in meinem Herzen.»
Das passiert auf dem Juckern-Areal
Das Brockenhaus Saland befindet sich hinter den Mauern der einstigen Weberei der Familie Jucker. Im Frühling 2021 hat Hans-Felix Jucker die J. Jucker AG in neue Hände übergeben. Bei den neuen Besitzern handelt es sich um eine Investorengruppe, als Verwaltungsratspräsident tritt Marco Brunner auf.
Die Firma J. Jucker AG bleibt aber unter dem bisherigen Namen bestehen. Die ehemalige Weberei soll zu Wohnraum umgenutzt werden. «Ein entsprechender Gestaltungsplan ist in der Vorprüfung», so Brunner. Dieser wird voraussichtlich Mitte Jahr der Gemeindeversammlung vorgelegt. Läuft alles nach Plan, sollen die umfassenden Sanierungsarbeiten schon vor Ende Jahr beginnen. (tas)
