«Als jemand selbst gebackene Guetsli deponiert hat, haben wir ein Auge zugedrückt»
Madame Frigo in Effretikon
In Effretikon steht seit drei Monaten ein Kühlschrank von Madame Frigo. Mitinitiantin Christine Gerber zieht eine erste Bilanz.
Christine Gerber beugt sich tief über ein Schubladenfach. «Ein Päckchen Säuglingsmilch von Bimbosan», murmelt sie, «da scheint ein Baby auf Beikost umgestiegen zu sein.» Sie wirft einen Blick aufs Verbrauchsdatum: «Alles im grünen Bereich, es darf bleiben.»
«Öffne mich!»: Das steht auf dem Holzschrank im Velounterstand der Katholischen Kirche St. Martin. Wer der Aufforderung folgt, sieht sich einem Kühlschrank von Madame Frigo gegenüber. Der gemeinnützige Verein stellt diesen als Tauschplattform für nicht selbst verwertete Lebensmittel zur Verfügung. Schweizweit gibt es bereits mehr als 150 Standorte, seit dem 11. September 2024 nun auch in Effretikon.
Freiwillige kontrollieren im Turnus
«Ein Drittel aller Lebensmittel landet in der Schweiz im Abfall», sagt Christine Gerber. «Unser Ziel ist es, diese vor der voreiligen Entsorgung zu retten.» Die Effretikerin ist Mitglied des Forums 21. Der Verein setzt sich für nachhaltige Entwicklung ein und hat den öffentlichen Kühlschrank gemeinsam mit den beiden Landeskirchen und der Stadt lanciert.
Betreut wird er von Freiwilligen. Diese kontrollieren drei- oder viermal die Woche, ob der Inhalt den Vorschriften entspricht, und sie sorgen für Sauberkeit.

«Aktuell sind wir zwölf Leute», erzählt Christine Gerber, während sie kurz mit einem feuchten Lappen ein Kühlschrankfach auswischt. Die einen sind einmal pro Woche im Einsatz, andere zweimal pro Monat. Wie viele Lebensmittel seit September gerettet wurden, kann sie nicht beziffern. «Es ist aber immer ein reges Bringen und Holen, und das Angebot ändert sich täglich.»
Nun öffnet sie eine Käseschachtel: «Ich überprüfe, ob der Inhalt noch originalverpackt ist.» Angebrochene Packungen seien nicht erlaubt, man sei aber nicht dogmatisch. Gerade bei Kafi-Kapseln gebe es oftmals Fehlkäufe, das merke man meistens erst, wenn die Packung bereits offen sei. «Und als zu Weihnachten jemand selbst gebackene Guetsli deponiert hat, haben wir natürlich ein Auge zugedrückt.»
Fleischwaren hingegen würden konsequent entfernt. «Möglicherweise war die Kühlkette unterbrochen.» Unverarbeitetes Obst und Gemüse sei hingegen willkommen.
Oftmals finde sie auch Non-Food-Artikel wie Duschmittel oder Bodylotion. «Vielleicht sollten wir einen weiteren Schrank danebenstellen und ihn mit ‹Madame› oder noch besser ‹Madame et Monsieur› anschreiben.»
Stadträtin liefert Überschuss aus dem Garten
«Bringt ihr oder holt ihr?», fragt Brigitte Röösli. Die Stadträtin ist auf dem Weg zum Stadthaus. Sie könne unmöglich am Kühlschrank vorbeigehen, ohne jeweils kurz einen Blick hineinzuwerfen, erklärt sie ihre Anwesenheit. Dafür sei sie viel zu «gwundrig». Die SP-Politikerin begleitet das Projekt als Vorsteherin des Ressorts Gesellschaft. «Auch bei uns leben Menschen mit kleinem Budget, die froh sind, wenn sie sich hier bedienen können», sagt sie.

Der Standort des Kühlschranks sei ideal, nur ein paar Schritte vom Einkaufszentrum Effi-Märt entfernt und doch diskret. «Es gibt Menschen, die Hemmungen haben, sich zu bedienen.» Und ja, auch sie habe schon Lebensmittel mitgenommen, wenn es gerade gepasst habe. Sie sei aber in erster Linie Lieferantin: «Wenn unser Gemüsegarten mal wieder Vollgas gibt, bringe ich Voriges.» Die Äpfel im Gemüsefach stammten übrigens auch aus einem Garten in Effretikon.
«In der Rappenhalde stehen auch immer mal wieder Obst und Gemüse zum Mitnehmen an der Strasse, kürzlich erst zwei grosse Kisten mit Bananen», fällt Christine Gerber ein: «Das wäre doch auch ein Fall für Madame Frigo. Ich versuche mal herauszufinden, wer das ist.»
Als die Fotografin zur Kamera greift, um ein paar Bilder zu schiessen, nimmt sie rasch noch eine Zitrone aus ihrer Umhängetasche und legt sie in den Kühlschrank. «Mein Mann und ich sind für ein paar Tage nicht daheim, wäre doch schade, wenn sie in der Zeit vergammelt.»