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So wütete der Orkan «Lothar» vor 25 Jahren im Oberland

Am 26. Dezember 1999 riss der Lothar-Sturm nicht nur Bäume aus, er kippte auch Segelschiffe um und sorgte für Zittermomente auf der Autobahn. Oberländer erinnern sich.

Die Sturmschäden von «Lothar» am Benkelsteg unterhalb der Looren verhinderte die Fahrt nach Maur.

Foto: Beatrice Weyrich / Museen Maur, Archiv Ortsgeschichte

So wütete der Orkan «Lothar» vor 25 Jahren im Oberland

Kurz vor der Jahrtausendwende

Oberländerinnen und Oberländer erinnern sich an stürmische Weihnachten. Am 26. Dezember 1999 riss der Wintersturm «Lothar» nicht nur Bäume aus, er kippte auch Segelschiffe um und sorgte für Zittermomente auf der Autobahn.

Leichter Schneefall, der Geruch vom saftigen Braten im Ofen und ungeduldige Kinder um den Weihnachtsbaum – so stellen sich wahrscheinlich die meisten besinnliche Weihnachtstage vor. Am 26. Dezember 1999 – vor 25 Jahren – flogen stattdessen am zweiten Weihnachtstag Bäume durch die Luft, und die Blumentöpfe vom Nachbarn waren im eigenen Garten zu finden.

Der Orkan «Lothar» trieb sein Unwesen in der ganzen Schweiz. Er wird nicht ohne Grund oft als Jahrhundertsturm bezeichnet. Laut der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft war «Lothar» der heftigste Wintersturm in Europa und der Schweiz, was die Waldschäden betrifft.

Der Sturm verursachte gemäss einer damaligen Mitteilung der SDA auch im Kanton Zürich schlimme Schäden. 100’000 Kubikmeter Holz seien zu Boden gefegt worden, was zirka 160 durchschnittlichen Hallenbäder-Becken entspricht.

Versicherungen rechneten allein für die Schäden an Gebäuden schweizweit mit einer Summe von insgesamt 235 Millionen Franken. Auch das Oberland blieb vom Orkan nicht verschont.

Bis in den Frühsommer 2000 dauerten die Aufräumarbeiten damals an. Und bis heute hinterliess der Sturm und seine Schäden einen bleibenden Eindruck bei den Oberländerinnen und Oberländern.

Umgekipptes Segelschiff

«Sinus» – so heisst ein Segelschiff – hatte sich den zweiten Weihnachtstag in seiner Winterpause in Fällanden wohl auch anders vorgestellt. Umgekippt wartet das Segelschiff auf Hilfe. Sein Besitzer, Marc Vollmer, weilt derzeit im Waadtland in den Weihnachtsferien. Als er am Telefon vernahm, dass sein Schiff durch die Sturmböen umgekippt sei, traute er zuerst seinen Ohren nicht.

«Mitsamt Anhänger?», fragte sich der Präsident vom Segelclub oberer Greifensee. «Und das mit einem Gewicht von über einer Tonne und mit einem so tiefen Schwerpunkt durch den Kiel?» Obwohl es für Vollmer sehr schwer vorstellbar war, machte er sich am nächsten Tag auf den Weg zurück nach Zürich. Damals besass man noch keine Smartphones, mit denen man sich Fotos hin und her schicken konnte.

Man sieht ein umgekipptes Segelschiff auf einem Anhänger.
Das über eine Tonne schwere Segelschiff «Sinus» kippte mitsamt Anhänger durch die Sturmböen um.

Und tatsächlich lag das Segelschiff samt Anhänger auf der Seite. Dies, obwohl es gut gesichert an der Hausmauer, eigentlich geschützt vom Wind, stand. «Die Kraft des Windes muss wirklich enorm gewesen sein», erinnert sich Vollmer. Zuerst versuchte er mithilfe von Freunden, das Boot mit zwei Autos und Seilen wieder aufzustellen. Erfolglos. Das Schiff war zu schwer. Vollmer musste einen Autokran auftreiben, um seinem «Sinus» wieder auf die Beine – oder besser gesagt auf die Räder – zu helfen.

Nachdem das Boot endlich wieder aufgestellt war, überprüfte Vollmer, ob durch den Sturz irgendwas kaputtgegangen ist. Durch die Blache war das Schiff aber so gut geschützt, dass es nicht einmal einen Kratzer aufwies. Glück im Unglück für «Sinus».

«Die Bäume sind einfach eingeknickt wie Zündhölzer»

Man sieht das Portrait einer Person.
Mano Reichling war am Sturmtag für den «Zürcher Oberländer» im Einsatz.

Mano Reichling war 1999 Fotograf für den «Zürcher Oberländer». Am 26. Dezember hatte er aber einen freien Tag. «Wir waren gerade beim Mittagessen, als es auf einmal zu stürmen begann», erinnert sich der heute 72-Jährige. Als es nicht aufhörte, entschied er sich: «Jetzt gehe ich auf die Piste!» Seine Mission: Den Sturm in Fotos einfangen.

«Bei einem Haus in Fehraltorf wurde ich das erste Mal fündig», sagt Reichling. Es lagen Ziegel am Boden, und kurz darauf war auch die Feuerwehr vor Ort. «Ich fragte, ob es auch im Wald Schäden gibt.» Die Feuerwehrleute bejahten dies, rieten ihm aber davon ab. Reichling liess sich aber nicht beirren: «Ich brauchte ja einfach Bilder, da hat mir niemand dreinzureden.»

Und bei einem Waldstück entdeckte er dann ein Auto, das von einem umgestürzten Baum getroffen wurde. Später fuhr er weiter nach Uster, um auch dort die Sturmschäden auf einigen Fotos festzuhalten. «Es war sehr eindrücklich, aber auch beängstigend, wie einfach alles geknackt hat», hält Reichling heute fest. «Die Bäume sind einfach eingeknickt wie Zündhölzer.»

Man sieht eine mit Bäumen übersähte Strasse und ein Haus, von dem Ziegel heruntergefallen sind.
Die Strasse zwischen Gutenswil und Fehraltorf, abgedeckte Dächer und umgeworfene Gegenstände in Fehraltorf: Mano Reichling hielt die Sturmschäden mit seiner Kamera fest.

Etwa vier Filmrollen hat Mano Reichling am 26. Dezember durchgeschossen. Nach getaner Arbeit machte er sich auf den Weg in die Redaktion, um die Fotos zu entwickeln und einen kleinen Text zu schreiben. Das ganze Ausmass des Jahrhundertsturms konnte er am Tag des Geschehens noch nicht abschätzen. «Es war viel, viel schlimmer, als ich angenommen hatte.»

Auch in den Tagen nach dem Sturm war Reichling als Fotograf im Einsatz, um die Aufräumarbeiten zu dokumentieren. Dabei wurde ihm das Ausmass der Schäden erst bewusst: «Das hat mich teilweise schon etwas mitgenommen.»

Unfreiwillige Cabriofahrt

Beat Zimmermann, Leiter Archiv Ortsgeschichte der Museen Maur, war gerade als junger Bub mit seiner siebenköpfigen Familie unterwegs mit dem Wohnmobil. Seine Familie fuhr an diesem Sonntagmorgen von Würenlos über die Autobahnen N1 und N7 zu einem Besuch in den Thurgau. Sein Vater meinte später, wenn ihm bewusst gewesen wäre, wo er da durchfährt, wären sie zu Hause geblieben.

Sie hatten sich während der Windspitzen im schlimmsten Bereich des Sturms befunden. Rechts der Autobahn entlang auf der Höhe von Effretikon fielen die Bäume im Wald reihenweise um. Seine Schwester glaubt sich sogar an Bäume zu erinnern, die hinter ihnen auf die Autobahn fielen. Zimmermann kann das weder bestätigen noch widerlegen, da er in der Mitte sass und von seinem Platz aus nicht aus dem Fenster sah.

So oder so sei es aber brandgefährlich geworden: Mitten auf der Autobahn bei Winterthur riss der Sturm die Dachluke auf, deren Regenabdeckung durch die einströmende Luft fortgerissen wurde. Zimmermann musste die Dachluke während der Fahrt bei etwa 60 km/h wieder zuziehen, damit sie nicht auch noch abgerissen wurde. Nach dieser Horrorfahrt konnten sie den Rückweg erst antreten, nachdem sich der Sturm wieder gelegt hatte.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Man sieht das Portrait einer Person.
Heidi Vogt war 1999 Stadträtin in Uster.

Vom Sturm besonders getroffen wurde die Stadt Uster. Die damalige Stadträtin Heidi Vogt (SP), verantwortlich für das Ressort Sicherheit, kann sich noch gut an die turbulenten Tage erinnern. Sie war von 1994 bis 2002 Mitglied der Ustermer Exekutive.

«Ich weiss noch, wie ich am Stephanstag mit meiner Familie am Fenster stand und wir alle bange nach draussen blickten.» Es war klar: Da kommt ein schlimmer Sturm auf sie zu.

Noch bevor ihr Feuerwehr-Pager, den sie als zuständige Stadträtin ebenfalls bei sich trug, sie alarmierte, machte sie sich auf den Weg ins Feuerwehrdepot. «Und dort waren schon viele Leute.»

Zusammen mit Vertretern des Feuerwehrkommandos wollte sich die Städträtin auf einer Rundfahrt ein erstes Bild der Lage machen. «Noch heute habe ich vor Augen, wie die Strasse von Uster nach Gutenswil einfach zugedeckt war mit Bäumen, die Strasse hat man gar nicht mehr gesehen.»

Am 26. Dezember war das ganze Ausmass der Schäden – vor allem in den Wäldern – aber noch gar nicht fassbar. Die Aufräumarbeiten dauerten mehrere Tage, und die Feuerwehr war im Dauereinsatz. «Wir hatten einen Krisenstab und trafen uns in dieser Zeit mindestens einmal täglich für eine Besprechung.» Dabei ging es oft darum, die Einsätze zu priorisieren.

Nicht nur die Feuerwehr, auch die Polizei war in diesen Tagen gefordert. «Sie musste vermehrt kontrollieren, denn man empfahl der Bevölkerung, sich von den Wäldern fernzuhalten», erinnert sich die ehemalige Politikerin.

Die Tage nach dem Sturm seien sehr intensiv gewesen. Vogt «Als Stadträtin erlebt man immer mal wieder anstrengende Phasen», sagt sie. «Aber an einen so grossen Notfalleinsatz wie beim Sturm ‹Lothar› kann ich mich nicht erinnern.»

Bis heute ist sie den verschiedenen Einsatzkräften sehr dankbar für die geleistete Arbeit. «Die sind wirklich ‹ad Seck gange›, über ihre Grenzen hinaus.»

Winterferien gestrichen

Für Landwirt Beat Trüb aus Ebmatingen bedeutet die Winterzeit eigentlich Ferienzeit, in der er sich vom Sommerstress erholen kann. Doch «Lothar» machte ihm damals einen Strich durch die Rechnung. Und noch heute badet Trüb Schäden vom Orkan aus.

Der Sturm richtete vor allem in seinen zwei Waldstücken einen grossen Schaden an. Äste und Baumstämme flogen auf seine Felder. Schulklassen und Nachbarn kamen Trüb bei den Aufräumarbeiten, die bis in den Frühling andauerten, auf seinen Feldern und Wäldern helfen.

Etwa ein Drittel Wald wurde ihm durch den Orkan zerstört. Einer seiner Wälder war damals erst 50-jährig und hätte eigentlich noch 30 Jahre weiterwachsen müssen. Doch durch den Sturm wurden viele Bäume zerstört. Wegen des Durcheinanders wuchsen viele Babybäume ganz nah aneinander, was ohne Eingreifen zu einem instabilen Wald geführt hätte.

Denn die Wurzeln und Stämme heranwachsender Bäume benötigen genügend Platz. Damit die jungen Bäume nicht zu nah beieinander heranwachsen, muss Trüb mithilfe eines Försters noch heute alle fünf bis sechs Jahre das Gelände prüfen. «Jetzt nach 25 Jahren Erholung können wir den Wald wieder anfangen zu nutzen und Brenn- und Schnitzelholz gewinnen», sagt Trüb.

Geahnt, und trotzdem überrascht

Man sieht das Portrait einer Person.
Jan Koop war von 1994 bis 2002 Kommandant der Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg.

Der Sturm «Lothar» hat Jan Koop, damals Kommandant der Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg, nicht völlig überrascht. «Es gab ja eine Warnung», sagt er.

Und so hat er sich zusammen mit anderen diensthöheren Angehörigen der Feuerwehr bereits vor dem Mittag am 26. Dezember im Depot versammelt, um sich für einen möglichen Einsatz vorzubereiten. «Zuerst ist man immer koordiniert, und dann kommt die Chaos-Phase, alles kommt miteinander rein.»

Als der Sturm über das Tösstal fegte, zog er vor allem das Pirg in Turbenthal und die Luegeten in Wildberg besonders stark in Mitleidenschaft. «Dort sind viele Bäume umgeknickt und haben teils auch Strom- und Telefonleitungen getroffen», erinnert sich Koop.

Zum Glück konnte die Feuerwehr auf zahlreiche Fachkräfte in den eigenen Reihen zurückgreifen, die sich mit der nötigen technischen Ausrüstung an die Behebung der Schäden machten. Dazu gehörte auch, die Strassen von den Bäumen zu befreien. «Wir hatten in diesen Tagen auch eine sehr gute Zusammenarbeit und viel Unterstützung durch die Forst- und Landwirtschaft», betont der ehemalige Kommandant.

Koop kann sich bis heute gut an den Einsatz erinnern. «Was mir besonders geblieben ist, ist diese beeindruckende Wucht des Sturms.» Einzelne Schneisen seien komplett verwüstet gewesen, während ein paar Meter daneben scheinbar nichts zu Schaden ging.

Besonders wichtig war es, die Prioritäten richtig zu setzen. Auf einem Flipchart im Feuerwehrdepot wurde die Planung vorgenommen.

Auch wenn der Einsatz viel Kraft gefordert hatte, steht für Koop bis heute etwas anderes im Vordergrund: «Es gab keine Verletzten und keine Unfälle.»

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