Die diplomierte Märchenerzählerin aus Bubikon
Zwischen Klassenzimmer und Märchenbühne
Märchen erzählen ist mehr als Worte: Nina Schmid-Kunz aus Bubikon lässt Geschichten lebendig werden – und inspiriert ihre Zuhörerinnen und Zuhörer, Jung und Alt.
Sie hebt die Augenbrauen, streckt die Arme in die Höhe und bückt sich kurz darauf tief dem Boden entgegen. Nina Schmid-Kunz ist an diesem Nachmittag ganz in ihrem Element. Die Zuhörerschaft im Alterszentrum Breitenhof in Rüti hat sie in ihren Bann gezogen. Zwischen ihren Erzählungen sorgen Ehemann Johannes an der Geige und Florian Pezzatti am Akkordeon für musikalische Unterhaltung.
Die 61-Jährige aus Bubikon ist ausgebildete Märchenerzählerin. Ihre zweieinhalbjährige Ausbildung absolvierte sie bei der Märchenstiftung Mutabor mit Sitz im bernischen Trachselwald. «Erzählen ist eine traditionelle Kunst. Es braucht dafür sowohl Hintergrundwissen im Bereich der Märchenkultur, als auch langjährige Übung mit der Wahl der Märchen, dem Einsatz der Stimme und der Auftrittsdramaturgie», heisst es auf der Homepage von Mutabor.
Und weiter ist dort zu lesen: «Dabei ist jeder Auftritt anders, ob im beruflichen Umfeld, auf der grossen Bühne, im pädagogischen Bereich oder in Altersinstitutionen – jede Situation verlangt nach einer individuellen Form der Erzählkunst. Das macht das Erzählen so spannend, aber auch anspruchsvoll.»
Im Saal des Breitenhofs fesselt Nina Schmid-Kunz weiterhin die Zuhörerinnen und Zuhörer. In breitem Bündnerdialekt erzählt sie von einer unglücklichen Prinzessin, die so viel weint, dass ganze Wassermassen aus dem königlichen Schloss fliessen. Der König verspricht dem, der den Weinkrampf seiner Tochter stoppt, die Hälfte seines Königsreichs. Zudem darf er die Prinzessin heiraten.
Ein Schneider, Schuster und Schmied erzählen der Weinenden je eine Geschichte, bis diese schliesslich keine Tränen mehr vergiesst. In den drei Erzählungen geht es um eine Quelle, welche die Jugend zurückbringt, wenn man daraus trinkt. Und um einen Fuchs, der mit seinem buschigen Schwanz fischt – sowie um ein Zaubertöpfchen, das für Reichtum und Wohlstand sorgt. Am Schluss macht der Schmied das Rennen um die Königstochter. «Der hat ihr einfach am besten gefallen – so habe ich mich auch entschieden», sagt sie und erntet einen grossen Lacher.
«Ich bin zügellos, laut und heftig», sagt die Märchenerzählerin nach ihrem Auftritt im Gespräch mit dem «Regio». Sie erzähle die Märchen nicht Wort für Wort, wie es andere machten. «Ich merke mir den Ablauf der Story anhand von Bildern, die ich im Kopf abgespeichert habe.» Sie gehe beim Erzählen richtig mit – sei es mit ihrer Mimik oder Gestik.
Hauptberuflich unterrichtet sie in Hinwil an der Primarschule Meiliwiese Textiles und Technisches Gestalten. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin widmet sie sich der Erzählkunst: 2009 schloss sie ihre Ausbildung als Märchenerzählerin bei der Märchenstiftung Mutabor ab. Seither begeistert sie ihr Publikum regelmässig bei Veranstaltungen – etwa am Weihnachtsmarkt in Küsnacht, bei einem Anlass für freiwillige Helfer am Universitätsspital Zürich oder am traditionellen Fest «Adventskrippe und Weihnachtskalender» in Adliswil.
Skurrile Gestalten aus ihrem Heimatort
Sie habe nicht gerne Märchen, welche die Moralkeule schwingen. Doch Märchen vermitteln durchaus eine Botschaft. Die Geschichten bestünden grundsätzlich aus sieben Erzählstufen.
Am Anfang gebe es einen Mangel. Der Held mache sich auf den Weg. Dabei trifft er unterwegs auf einen Helfer. Es kommt zu einer brenzligen Situation, in welcher der Held kämpfen muss. Danach macht er sich auf den Rückweg. Es kommt zur Auflösung des Problems und schliesslich gibt es im siebten Schritt ein Happy End.
«Vor allem Kinder sehen, dass sie in einer schwierigen Situation nicht alleine sind. Wenn wie in den Märchen ein Helfer mitmischt, kann ein Problem gelöst werden», sagt Nina Schmid-Kunz, die übrigens auf die Märchenbibliothek von Andrea Studer schwört. Diese besitzt in Wetzikon rund 3000 Märchenbücher. Studers Märchen-Lesebibliothek ist nach persönlicher Vereinbarung und während Erzähl-Veranstaltungen geöffnet.
Bei ihrem Auftritt in Rüti erzählt die gebürtige Bündnerin auch ein Märchen aus ihrem Heimatkanton. Ein einfältiger Sohn wird mehrmals auf den Markt geschickt, um einzukaufen. Aber jedes Mal vergeigt er die Aufgabe. «Ich bin in einem kleinen Dörfchen aufgewachsen, mit einigen skurrilen Gestalten. An diese erinnere ich mich, wenn sich solche Märchenfiguren darstelle», sagt sie mit einem Lächeln.