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Gesellschaft

Er kämpft seit über 40 Jahren gegen die Oberlandautobahn

Uwe Scheibler war 1982 Präsident der Natur- und Heimatschutzorganisationen. Der Lückenschluss ist seitdem Dauerthema.

Eine Autobahn löst für Uwe Scheibler das Verkehrsproblem im Oberland nicht. Trotzdem sieht er Handlungsbedarf.

Foto: Bettina Schnider

Er kämpft seit über 40 Jahren gegen die Oberlandautobahn

Umweltschützer Uwe Scheibler

Bei Anliegen, die Uwe Scheibler wichtig sind, hat er einen langen Atem. Das zeigt sein Widerstand gegen die Oberlandautobahn. Er hat aber Alternativen im Ärmel – und ist nicht müde, für sie einzustehen.

«Die Lösung der Verkehrsprobleme in Aathal und Wetzikon ist dringend.» Dieser Satz steht nicht etwa in einem Flyer des Vereins Zusammenschluss Oberlandstrasse, sondern in einer Stellungnahme von Umweltschutzorganisationen an den Regierungsrat – aus dem Jahr 1982.

Uwe Scheibler war damals Präsident der Zürcher Natur- und Heimatschutzorganisationen und damit mitverantwortlich für den Brief. Das Thema Lückenschluss war auch schon zu jener Zeit ein Aufregerthema.

«Damals fuhren noch 16’000 bis 18’000 Fahrzeuge durchs Aatal und Unterwetzikon», sagt der 67-Jährige. Heute seien es pro Tag 28’000 bis 30’000. «Die Belastung ist in den letzten Jahren immer grösser geworden», sagt er und fügt an, «wäre man doch nur vor 40 Jahren auf unsere Vorschläge eingegangen, es wäre schneller und billiger gewesen.»

Nicht durchs Moor

Für die Umweltschützer war bereits damals klar, dass die Oberlandstrasse unbedingt durchs Aathal führen muss – mit lokalen Umfahrungen. «Wir schlugen dem Regierungsrat eine Umfahrung Aathal und einen Tunnel in Unterwetzikon vor», erinnert sich der ausgebildete Landschaftsplaner.

Gehör fand ihr Anliegen nicht. Aber auch über 40 Jahre später ist der Lückenschluss der Oberlandautobahn noch Jahre entfernt. Und er rückte am Sonntag wohl noch in weitere Ferne: Obwohl es bei der Abstimmung zum Autobahnausbau zwar nicht direkt um die Oberlandautobahn ging, könnte das Nein an der Urne dennoch für Verzögerungen sorgen. Aktuell geht das Bundesamt für Strassen noch von einem Baustart frühestens in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre aus.

Dass das Projekt ins Stocken kam, liegt aber auch an Scheibler und seinen Mitstreitern. Denn der Kanton hielt bis 2012 an einer Streckenführung für die Oberlandautobahn fest, die durch die Moorlandschaft bei Wetzikon und Hinwil geführt hätte.

Seit 1987, mit der Annahme der sogenannten Rothenthurm-Initiative, stehen wichtige Moorlandschaften aber unter besonderem Schutz. Zahlreiche Umweltverbände zogen deshalb gegen das Strassenbauprojekt bis vor Bundesgericht – und erhielten 2012 recht.

Immer in der Minderheit

«Wir haben bereits vor 50 Jahren gesagt, dass eine Autobahn durch eine Moorlandschaft nicht geht», sagt der Wetziker Naturschützer. «Aber der Kanton wollte mit dem Kopf durch die Wand», kommt Scheibler zum Schluss und fügt an: «Es ist schwierig, wenn die Behörden jahrelang auf falschen Lösungen beharren, anstatt auf andere Varianten einzugehen.»

Von der ursprünglichen Idee der Naturschützer ist Scheibler auch 40 Jahre nach dem Schreiben an den Regierungsrat weiterhin fest überzeugt. «Sie ist günstiger und schneller umsetzbar als ein Autobahnprojekt», betont er.

Bereits 2011, als der geplante Richtplaneintrag für die Oberlandautobahn zu reden gab, weibelte die Organisation Lebensraum Oberland (LEO), deren Vorstandsmitglied Scheibler heute ist, erneut für eine Umfahrung des Aatals und einen Kurztunnel in Unterwetzikon.

Auch kurz vor der Abstimmung über den Ausbau der Nationalstrassen Ende November verschickte der Verein wieder eine Mitteilung, um erneut auf sein Anliegen aufmerksam zu machen.

Ist Scheibler nicht langsam müde, gegen Windmühlen zu kämpfen, nachdem seine Vorschläge nie auf breites Interesse gestossen sind? «Mit Natur- und Landschaftsschutz ist man immer in einer Minderheitsposition», erwidert er trocken. «Wir sind nicht diejenigen, die etwas entscheiden, aber immerhin haben wir die Moorlandschaft bisher als Naturschutz- und als Erholungsgebiet erhalten können.»

Nicht für den Schwerverkehr

Er sieht es als Aufgabe von Organisationen wie LEO, zur Meinungsbildung beizutragen und Vorschläge zu machen. «Dann läuft der übliche Prozess in einem demokratischen Rechtsstaat, und es kommt leider selten so raus, wie wir das gerne wollen.»

Ans Aufgeben denkt Scheibler trotzdem nicht – und zückt dazu die aktuelle Karte mit möglichen Varianten für die Oberlandautobahn. Noch ist der Fächer von möglichen Varianten breit. «Aber es sind Ideen dabei, die wir bereits seit Jahrzehnten propagieren.»

So zum Beispiel eine Umfahrung im Aatal – und auch eine Tunnellösung. «Einfach mit einem längeren Tunnel als wir damals gefordert haben», meint Scheibler.

Eine Karte mit 5 Weg- und Tunnelvarianten zwischen Uster Ost und Hinwil.
So sieht der aktuelle Variantenfächer des Astra aus.

Als Befürworter einer Autobahn sieht sich Scheibler aber nicht. «So erzeugt man nur mehr Schwerverkehr aus dem Raum Süddeutschland in Richtung Lombardei», ist er überzeugt. Für den Schwerverkehr soll die Verbindung gar nicht erst attraktiv werden.

In seiner Vorstellung wäre der Lückenschluss damit keine eigentliche Oberlandautobahn, sondern eine Verbindungsstrasse für den regionalen Verkehr – auf zwei Spuren beschränkt. «Für Leute, die von Uznach nach Uster wollen», nennt Scheibler als Beispiel.

«Ideen einbringen, Ideen aufzeigen»

Ob seine Ideen einst Anklang finden, ist offen. Auf Anfrage erläutert Daniel Baldenweg, EVP-Gemeinderat von Gossau und Präsident der Regionalplanung Zürcher Oberland (RZO), dass der Lösungsvorschlag des Vereins LEO in der Regionalplanung kein Thema ist. Zum Inhalt der Forderungen will sich Baldenweg deshalb auch nicht äussern.

Scheibler betont jedoch, dass er und seine Mitstreiter regelmässig den Kontakt zu wichtigen Entscheidungsträgern suchen. «Wir haben eine Korrespondenz mit dem Baudirektor, suchen den Kontakt mit Nationalräten aus der Region und weiteren Exponenten.» Wo immer möglich, will sich der Verein einbringen.

Aber ist ein Strassenbauprojekt überhaupt je im Sinn der Umweltschützer? Er grinst, als er diese Frage hört. «Eigentlich wollen wir gar keine neuen Strassen», betont Scheibler. «Aber die Gemeinden müssten ihren hausgemachten Verkehr anders gestalten.»

Idealerweise wäre der Lückenschluss gar nicht nötig. Aber er sieht die Notwendigkeit eines Kompromisses, um die bestehenden Verkehrsprobleme zu verringern.

Perspektivenwechsel für Wetzikon

Doch für ihn ist klar, dass der Lückenschluss – egal in welcher Form – kein Allheilmittel ist. «Es wäre ja schön, wenn ein Deus Ex Machina alle Probleme löst, aber dem ist nicht so.» Scheibler wünscht sich deshalb einen Perspektivenwechsel – auch in seinem Wohnort Wetzikon.

«Wir brauchen eine Verringerung des motorisierten Verkehrs», betont Scheibler. Er ist überzeugt: «Die Überlastung mit Staus bekommen wir nur in den Griff, wenn wir die motorisierte Mobilität herunterfahren und mit anderen Verkehrsarten ersetzen.»

Doch dafür braucht es auch die notwendige Infrastruktur, beispielsweise sicherere Velowege. Scheibler hofft nun, dass der Wetziker Stadtrat dies in der laufenden Ortsplanungsrevision ebenfalls genügend berücksichtigt. So viel ist bereits klar: Er wird den ganzen Prozess kritisch verfolgen und seine Ideen einbringen.

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