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Theologe prangert den Verlust von kulturellem Zusammenhalt an

Wie stehen Sie zum Christentum? Dieser Theologe ist der Meinung, dass uns der Glaube in der heutigen Zeit fehlt.

Armin Sierszyn hat schon einige Bücher geschrieben. Für sein neustes hat er sieben Monate investiert.

Foto: Luca Da Rugna

Theologe prangert den Verlust von kulturellem Zusammenhalt an

Von Kelten, Römern bis nach Kempten

Der Professor für Theologie und langjährige Pfarrer von Bauma, Armin Sierszyn, blickt kritisch auf den Zeitgeist. Sein neustes Buch verdeutlicht, wie das Christentum das Oberland über 1700 Jahre prägte.

Vor Hunderten von Jahren entstand im Oberland Gemeinde um Gemeinde. In jeder davon machte eine Kirche den Anfang, legte den «Grundstein» für die Ortsentstehungen. «Nun ist die Kirche eine aus der Mode gekommene Institution», sagt Armin Sierszyn. Er sitzt in der Küche seines Elternhauses in Vorder Bettswil, abgelegen auf der Hochebene über der Gemeinde Bäretswil.

Sein Blick richtet sich auf sein neustes Buch, er wirkt nachdenklich. «Das Christentum an sich wäre noch immer der eigentliche Kitt, der das Gefühl von Zugehörigkeit stiftet und den Zusammenhalt fördert.»

In seiner Kindheit waren im kleinen Weiler 25 Bauern aktiv, heute sind es noch deren fünf. «Die Zeiten haben sich geändert, doch die fundamentalen Bedürfnisse der Leute ändern sich nie», ist der Theologe und Seelsorger überzeugt. War dies ein Anstoss für sein neues Buch «Christus im Zürioberland – 1700 Jahre Christentumsgeschichte»? In Teilen ja.

Positiv und aktiv

Obschon sich die Umgebung und die Zeiten um den ehemaligen Pfarrer und Professor geändert haben, blickt der 82-Jährige zufrieden auf sein bewegtes Leben zurück. Nun freut er sich auf die Momente, die sein Lebensabend noch für ihn bereithält. «Ich gebe meinen Enkeln regelmässig Nachhilfe, das hält mich auf Trab», sagt er mit einem Lächeln. Nebenbei schreibt Sierszyn in nächtlichen Stunden – meist über Heimatkunde.

Eine Landschaft und ein Bauernhof.
Auf dieser abgelegenen Hochebene in Vorder Bettswil lebt Armin Sierszyn auf dem Hof seiner Eltern.

Für sein neustes Buch, das mehr als 270 Seiten zählt, hat er gerade einmal sieben Monate aufgewendet. «Ich habe viel Zeit, meinen Passionen wie dem Schreiben und der Vermittlung von Wissen nachzugehen.»

Im Sommer hält er sich beim Heuen auf dem Familienhof fit. Auch sonst ist Sierszyn ein umtriebiger Zeitgenosse. Er referiert an verschiedensten Anlässen über Theologie, Geschichte und Heimatkunde.

Eigenverschuldete Selbstauflösung?

Wenn er in die Theologie abtaucht und unweigerlich auf die Kirchen zu sprechen kommt, meint er nur: «Schon Jesus hat seine Standpunkte unbeirrbar vertreten und damit provoziert.» Wer aus seiner Sicht zu sehr anpasst, verliert nach und nach sein Profil. Zumindest gilt das für den derzeitigen Zustand der Kirchen. Dabei, so ist er überzeugt, spielten sie einst eine solch eminente Rolle und trugen dazu bei, dass das Oberland zu dem werden konnte, was es heute ist.

«Mit der stetigen Anbiederung an den modernen Zeitgeist und den hochgejubelten Individualismus ist das Grab der Kirchen schon halb ausgehoben», sagt Sierszyn bewusst provokant. Man versuche im Trend zu bleiben und den Zugang zu den Steuertrögen möglichst nicht zu verlieren. «Die Tendenz ist schon seit 50 Jahren erkennbar und hat den Kirchen mehr geschadet als genützt.»

Etwas Sehnsucht nach Vergangenheit

Hört man Armin Sierszyn so zu, könnte man meinen, dass für ihn früher alles besser war – oder zumindest einiges. Er erinnert sich, dass die Kirche früher als Bindeglied zwischen den Menschen fungierte, die Pflege von alten Menschen organisierte und sich um Familien und Kinder in Not kümmerte. Zumindest war es in seiner Kindheit noch so. «Zu dieser Zeit wirkten allein in vielen Gemeinden und Spitälern mehrere hundert Diakonissen.»

Damals sei die Opferbereitschaft für die Gemeinschaft entschieden grösser gewesen. «Der Säkularismus mit liberaler Prägung vertritt eher das Ich als das Wir, deshalb ist der Zusammenhalt zerfallen.»

Ein Herr steht in einem Zimmer voller Bücher.
Der Theologe liest und schreibt viel. Daneben unterrichtet er seine Enkel und legt auf dem Hof gerne mal Hand an.

Der Theologe möchte indes keineswegs nur murren: Als er in den Achtzigerjahren Schulpräsident in Bäretswil war, fiel ihm auf, wie die Individualisierung aufkam und stetig stärker wurde. Das habe auch Gutes hervorgebracht, ist er überzeugt. «Für die Schüler war das gut, ihre Talente und damit ihre Entwicklung wurde mehr berücksichtigt.» Hingegen sei allgemein die Tendenz gestiegen, dass sich jeder in seinem Mikrokosmos verbarrikadiere.

Den Römern sei Dank

Doch nun weg von den Ansichten des Autors und hin zu ein paar historischen Fakten, von denen Armin Sierszyn in seinem Buch unzählige detailliert aufrollt.

Obwohl die Römer dem christlichen Glauben zunächst nicht anhingen, ermöglichten sie der Religion die Verbreitung über Europa hinaus. «Der Bischof Irenäus von Lyon sagte im Jahr 180, dass die Welt durch die Römer Frieden finde und den Christen erlaube, überall hinzureisen», erzählt der Theologe. Das prägte einige Jahrhunderte später auch das beschauliche Oberland.

Im 2. und 3. Jahrhundert ist die Region noch mit römischen Villen und grossen Bauernhöfen übersät, die von Römern und Kelten gemeinsam betrieben werden. Das einzige Dorf ist das mittlerweile 3000-jährige Kempten.

Die Römer bauen an ihrer Heeresstrasse, die vom Obersee über Winterthur bis zum Rhein führt, einen Palast mit Bodenheizung. Der Palast ist mehr als eine Villa, es ist eine Raststätte für Kaufleute, Soldaten und Reisende, die in Kempten einkehren.

Eine Burgruine.
Das Römerkastell ist wohl das bekannteste «Überbleibsel» der Römer im Zürcher Oberland.

Erst im 4. Jahrhundert wenden sich die Menschen im Oberland schliesslich dem christlichen Glauben zu. Ab dem Jahr 680 entstehen die ersten Kirchen in Illnau, Dürnten und Wila.

Nach 700 kommen Pfäffikon, Bäretswil, Hinwil und Gossau dazu. Auch in Rüti wird der Glaube vom Schuster Berchthold gestärkt, der Scharen von Bauern zum Gebet in seiner Stube versammelt.

Hunderte Jahre später, im 16. Jahrhundert, zieht die Reformation durchs Land und führt zu Bauernrevolten. «Weg mit den Grundzinsen!», lautet ihre Losung.

Da sie sich von der ungeliebten Stadt Zürich loskaufen wollen, stürmen 1200 Bauern im April 1525 die Klöster Rüti und Bubikon. Ihr Wunsch, aus dem Oberland einen eigenen Kanton zu gründen, geht nicht in Erfüllung.

Ein Kloster gemalt in einem alten Buch.
Das ehemalige Kloster Rüti wurde einst von Bauern während der Reformationszeit gestürmt.

Übrigens: Auch die Alemannen wirkten im Oberland. Die erste urkundliche Erwähnung der Gemeinde Hinwil lautete «Hunichinwilare», so hiess der damalige Hof des Alemannen Hunicho.

Als dieser um das Jahr 700 mit seinem Gefolge in die Region des künftigen Hinwil zieht, stand da bereits eine in Trümmer liegende römische Villa auf einem kleinen Hügel.

Im 8. Jahrhundert veranlasste das Kloster St. Gallen, dass auf ebendiesem Hügel die erste Hinwiler Kirche gebaut wurde – auf dem Sandsteinfundament besagter Villa, die im Gegensatz zur Kirche über eine Hypokaust-Heizung verfügte.

Wohlstand und Sucht

Jahrhunderte später war die Besiedelung durch die Christen weit fortgeschritten und die Gesellschaft sesshaft. Nach und nach entwickelten sich die einzelnen Gemeinden. Im 18. Jahrhundert hielt ein relativer Wohlstand dank der Spinnradindustrie Einzug.  Was nicht nur zu Vorteilen führte.

«Von 1750 bis 1850 gab es eine jämmerliche, regionale Trunksucht, die viele Existenzen zerstörte», erzählt Sierszyn. Vor allem Schnaps wird getrunken. Die Arbeiter tragen ihren Sold direkt in die Wirtshäuser. 1762 wird in einem Kirchenprotokoll geklagt: «Wie die Leut am Sonntag vor der Predigt da und dorten Tresterwasser trinkind und dann in der Kirch so jämmerlich zum Mund ausstinkind, dass man es nebed inen nit erleiden möge.»

Hilfe fanden viele Süchtige erst im christlichen Glauben. «Das ist rational nicht erklärbar, aber allein an der oberen Töss wurden 100 Familien durch eine Hinwendung zu Christus saniert», erklärt der Autor. Dazu hätten sich eigentlich Unbeteiligte stark für die Heilung von Süchtigen eingesetzt.

«Simeon Diener aus Steg war einer von ihnen. Er gründete 1894 die erste Trinkerheilstätte auf christlicher Basis, das heutige Altersheim Blumenau in Bauma.» Diener war selbst Alkoholiker, der sein Erweckungserlebnis und die mit dem Glauben verbundene Suchtbefreiung mit andern teilen wollte.

Tausend Menschen sangen an Silvester 1900 in der Kirche in Bauma und dankten Gott. Auch wer nicht gläubig sei, meint Sierszyn, müsse sich die christliche Religion so erklären: «Das Christentum war und ist durch das Engagement der Menschen sichtbar, nicht durch die Kirchen an sich.»

Wohl auch deshalb hat sich der Religionsexperte in vielen Nächten darangemacht, das Christentum und dessen für die Region so prägende Wirkung zu Papier zu bringen. Sierszyn blickt durch sein Küchenfenster in die vernebelte Landschaft und ist sich alles andere als sicher, ob dies sein letztes Werk bleiben wird.

Das Buch «Christus im Zürioberland – 1700 Jahre Christentumsgeschichte» ist für 39 Franken erhältlich. Kontaktieren Sie Armin Sierszyn direkt unter der Telefonnummer 044 939 15 33 oder bestellen Sie das Buch im ZO-Shop.

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