«Mit Charlotte Lindholm würde ich ermitteln»
Ehemaliger Mordermittler aus Wetzikon
Im kantonalen Morddezernat gelang es Jürg Jordi dank seiner Akribie unzählige Fälle erfolgreich abzuschliessen. Nun löst er auf eigene Faust Vermisstenfälle im Ausland und stillt dabei seine Reiselust.
Viele bearbeitete Kriminalfälle sind dem Kommissar im Ruhestand noch immer omnipräsent. Mit Blick auf die heutige Ermittlungsarbeit wundert er sich über Kommissare, die kaum Zeit am Tatort verbringen. Denn wer den Tatort nicht kenne, der verstehe auch die Tat nicht.
«Sie nennen mich alle nur JayJay», sagt Jürg Jordi salopp auf der Couch in seinem Wohnzimmer, von wo aus er ein herrliches Panorama bis in die Alpen geniesst. Seinen Spitznamen benutzen nicht nur Leute aus dem engsten Umkreis, sondern auch Staatsanwälte, Gerichtsmediziner oder ein ehemaliger Obergerichtspräsident, mit dem er sich nach langjähriger «Zusammenarbeit» noch immer gern auf einen Schlummertrunk trifft.
Die beiden sind sich übrigens darüber einig, dass es so etwas wie Zivilcourage nicht mehr gibt. «Die Leute schauen auf ihr Handy, während daneben jemand abgestochen wird.»
Wenn man ihn so privat trifft, fehlt es einem etwas an Vorstellungskraft, um zu glauben, dass dieser 72-jährige Herr über 15 Jahre lang bei streng strukturierten Befehlsausgaben über das komplexe Vorgehen bei Mord- und Totschlagfällen kommandierte. Er wirkt und spricht schlicht zu freundlich.
In dieser Szenerie möchte man sich als Gesprächspartner am liebsten nur zurücklehnen und aufmerksam seinen unzähligen Geschichten lauschen – keinen fiktiven, sondern realen, teils schwerverdaulichen Kapitalverbrechen. «Zu Toten hatte ich stets eine gute Beziehung, denn sie lügen nicht.»
Der Polygraf und die Polizei
Jordis berufliche Laufbahn beginnt in den siebziger Jahren, als der damalige Jungspund seine Ausbildung zum Polygrafen beim «Zürcher Oberländer» beginnt. Nach seinem Berufsabschluss inklusive Berufsmatura zieht es den jungen Mann in die USA, Mittel- und Südamerika, wo er über zwei Jahre herumjobt und Lebenserfahrung sammelt, die ihm in seinem späteren Leben von Nutzen sein würde.
Auch das Private kam dabei nie zu kurz – und kommt es heute noch weniger. Denn geblieben sind regelmässige Reisen nach Nord- und Südamerika, insbesondere Montana. Dort führte er in früheren Urlaubszeiten sogar sogenannte Cattle Drives als Cowboy durch.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz, die er eben «doch zu sehr schätzt», folgt fast nahtlos der Einstieg bei der Kantonspolizei, wo er die Grundausbildung absolviert und sich seine Intuition für die Kriminalpolizei bemerkbar machen. «Im Polizeiapparat entscheiden sich die eigenen Wege in der Regel früh, und ich hatte das Privileg, nach meinem Dienst bei der Sicherheitspolizei als Sekretär bei der Staatsanwaltschaft die entsprechende Luft schnuppern zu können.»
Ein langer Weg
Jordi sammelte Erfahrungen im Strafrecht und erlernte Einvernahme-Taktiken. Die Zeiten hätten sich geändert. «Früher gestanden Täter ziemlich schnell. Heute leugnen sie hartnäckig, selbst wenn man sie mit dem Messer in der Hand neben einer Leiche erwischt.»
Nach drei Jahren bei der Justiz erfolgte der übliche Werdegang über eine Landstation in Wetzikon mit der sehr intensiven Fahndungs- und Ermittlungstätigkeit bei der Betäubungsmittelabteilung am Flughafen. 25 Jahre später und mit einem bereits prall gefüllten Rucksack an Erfahrungen wechselte er schliesslich mit 49 Jahren zum Morddezernat.
Heute leugnen sie hartnäckig, selbst wenn man sie mit dem Messer in der Hand neben der Leiche erwischt.
Jürg Jordi, ehemaliger Mordermittler
Jordi hatte Glück, denn es war gerade eine Stelle frei: «In diesen Abteilungen ist die Luft dünner, das war schon klasse, dass ich auf direktem Weg ans Ziel gelangte.» Angenehmer Nebeneffekt: Nebst dem Prestige verfügen Mordermittler über einen höheren Dienstgrad als die meisten Kriminalermittler, was die Einteilung in eine höhere Besoldungsklasse mit sich bringt.
Gefühle zurückstecken
Über die vielen Jahre im Dezernat konnte Jordi die Erfahrung machen, dass Polizisten auch nur gewöhnliche Menschen sind. «Ich hatte gute Aufklärungsquoten, was ab und zu auf die eine oder andere Art honoriert wurde.» Doch wehe dem, der einmal keinen Erfolg habe. «Entweder ist man der Depp oder von Neidern umgeben, der Grat ist ziemlich schmal.»
Dazu sei er für den Erfolg gerne an die Grenzen gegangen und durch oft unkonventionelles Vorgehen zur Lösung des Falls gelangt, was nicht immer von allen goutiert wurde. «Bei Tötungsdelikten kann es schon vorkommen, dass man 48 Stunden und länger im Einsatz steht.» Fragen wie «Bist du müde?» gebe es in den entscheidenden Stunden unter Kollegen eigentlich nicht. Zu sehr stehe der Fall im Mittelpunkt. Im Team verlaufe die Arbeit strickt hierarchisch, was nötig sei, bei Meinungsdifferenzen aber zu Spannungen führe.
«Hinzu kommt der verständliche Druck der Angehörigen.» Diesen habe er sich ab und an auch selbst geschaffen, als er Eltern rückblickend vielleicht zu früh versprach, den Schuldigen zu finden. Zu Hause konnte er derweil mit der Familie meist nicht über seine Fälle sprechen und wollte das auch gar nicht. «In hohen Belastungsphasen pflanzte ich mich auf die Couch und schaute fern, das half am besten.»
Trotz seinem Beruf schaltet er auch jetzt noch ab und an den «Tatort» am Sonntagabend ein. «Die meisten Fälle sind unrealistisch und viel zu rasch gelöst.» Ohnehin kaufe er den Ermittlern die Rolle nicht ab. «Nur Maria Furtwängler, also Charlotte Lindholm, mit ihr würde ich gerne ermitteln.»
An die genaue Anzahl der persönlich ermittelten Fälle kann sich Jordi nicht mehr erinnern. «Im Schnitt gibt es im Kanton Zürich jährlich 20 vollendete Tötungsdelikte und 70 Tötungsversuche oder andere Delikte, die ins Raster der Gewaltdelikte fallen; da müsste ich einmal hochrechnen», sagt er schmunzelnd. «Auf jeden Fall kein Vergleich zu beispielsweise Houston in Texas, da gab es in den Nullerjahren mehr als 400 – also mehr als eine Tötung pro Tag.»
Der Spezialist fürs Ausland
Vor sieben Jahren wurde Jordi im Grad eines Adjutanten pensioniert. «Ich wusste aber schnell, dass ich zu Hause nicht stillsitzen will.» Deshalb gründete er mit einem Partner sein Ermittlungsbüro «JJ Investigation, Beratung/Ermittlung», das auf vermisste Personen im Ausland spezialisiert ist. Unter anderem ist er als Ermittler bei einer grossen Anwaltskanzlei in Zürich akkreditiert.
«Vermisstenfälle sind vor allem deshalb pikant, weil sie von bewusst untergetauchten Personen bis hin zum Gewaltverbrechen reichen.»
In der Regel wird in einem Vermisstenfall durch Angehörige bei der Polizei eine Vermisstenanzeige erstattet. Wird der oder die Vermisste im Ausland vermisst, ist primär der Bund zuständig. «Das Auswärtige Amt nimmt zwar seine Arbeit auf, kann aber nicht wirklich vor Ort ermitteln. Auch Interpol ist da eher eine administrative Behörde.» Diese könne nur klären, ob jemand in einem anderen Land überhaupt ankam, sich dort in einem Spital, in einem Gefängnis oder schlimmstenfalls schon auf dem Friedhof befindet.
In solch einem Fall stiessen Behörden oft an ein Ende. Nur wenn sich eine Vermisstmeldung im Zuge der Ermittlungen als strafrechtlich relevante Tat (zum Beispiel dem Verdacht eines Tötungsdelikts) herauskristallisiert, kann die zuständige Staatsanwaltschaft aufgrund der ergangenen Hinweise eine Strafuntersuchung eröffnen und wird daher für die Angelegenheit zuständig. Dies lässt dann in Absprache mit dem Bund und der zuständigen Staatsanwaltschaft Ermittlungen vor Ort im Ausland zu.
Kein «Happy End»
So wie im Fall eines vermissten jungen Mannes aus Dübendorf, der für einen Sprachaufenthalt in die Philippinen reiste. Eines Tags habe sich dessen Vater bei der Polizei in Dübendorf gemeldet und genau aufgezeigt, wann und von wo er das letzte Lebenszeichen seines Sohns vernommen hatte.
«Nach intensiven Ermittlungen in der Schweiz und vor Ort in Manila gelang es, den Täter zu ermitteln und den aufgespürten Leichnam des Opfers in die Schweiz zurückzuführen. Der junge Mann war erschossen worden.»
Mit der Rückführung einer vermissten toten Person sei es den Angehörigen möglich, die Angelegenheit zu verarbeiten und von ihrem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Schwierig werde es dann, wenn ein Vermisster oder eine Vermisste unauffindbar bleibt und die Angehörigen über den Verbleib ihres Liebsten nie Gewissheit erlangen – was leider auch vorkomme.
Wer sich bildlich einen Eindruck über die Arbeit von Jürg Jordi während eines konkreten Vermisstenfalls von entführten Kindern nach Russland machen will, empfehlen wir den SRF Dok-Film «Kindesentführung nach Russland – Ein Vater kämpft um seine Kinder».
Vermisstenfälle im Ausland gestalten sich kompliziert. Das Amt für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ist für solche Fälle zwar zuständig, schreitet aber meist nicht ein, da dem Personal das nötige Fachwissen und die Ressourcen fehlen. Verschwindet jemand in einem Land wie Brasilien, das jährlich 25’000 Tötungsdelikte verzeichnet, sei weder mit Ermittlungshilfe noch dem Interesse der dortigen Behörden zu rechnen – ausser der verantwortliche Ermittler begebe sich zwecks Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden vor Ort. Wer bei einem Vermisstenfall im Ausland Hilfe benötigt, kann sich mit dem Ermittlungsbüro «JJ Investigation, Beratung/Ermittlung» über die Mail jj1kapo@gmail.com jederzeit in Verbindung setzen.
