Botanischer Garten Grüningen geizt auch im Herbst nicht mit Reizen
Bis Ende Oktober geöffnet
Das trübe Herbstwetter hüllt den Botanischen Garten Grüningen in eine mystische Atmosphäre. Auf einem Rundgang erfahren wir, weshalb ein Besuch auch jetzt lohnenswert ist.
Nach dem morgendlichen Regen lugen ein paar zaghafte Sonnenstrahlen hinter den Wolken hervor. Sie lassen die Tautröpfchen auf den Pflanzen zauberhaft glitzern – passenderweise tragen die bodendeckenden Pflanzen den klingenden Namen Silber-Fiederpolster.
«Ich erfreue mich täglich an ihrem Anblick», sagt Evelyne Martinelli. Seit drei Monaten arbeitet die 38-Jährige im Botanischen Garten in Grüningen und tritt demnächst die Nachfolge des Leiters Martin Salm an, der in den Ruhestand gehen wird.


Die gelernte Landschaftsgärtnerin kann sich auch nach 20 Jahren Berufserfahrung noch nicht sattsehen am Schauspiel, das die Natur uns bietet. An Führungen durch den Garten überträgt sie ihre Leidenschaft für die Pflanzenwelt auf die Besucher.
Auf dem Rundgang erfährt man unter anderem, wie wichtig es ist, die Kreisläufe des Lebens zu erkennen, «das grosse Ganze zu sehen», wie Martinelli sagt. Wie das Prinzip des Fressens und Gefressenwerdens: Ein biodiverser Garten lockt auch grössere Tiere wie Vögel oder Igel an. Diese finden ein reichhaltiges Nahrungsangebot vor – und fressen unter anderem Pflanzenschädlinge wie Schnecken.
Engagement für die Biodiversität
«Um möglichst viele kleine Lebewesen zu schützen und ihnen Winterschutz und Nahrung zu bieten, sind wir im Herbst so zurückhaltend wie möglich mit Rückschnitten», erklärt die Naturfreundin. «Stillschweigend verschwinden sonst immer mehr Tierarten.» Dabei zeigt sie auf eine Schwalbenschwanzraupe, die es sich auf einer Weinraute gemütlich gemacht hat. Erst im Frühling werde dann «abgeräumt».

Von wegen Winterschlaf
Auch wenn der Botanische Garten am 31. Oktober seine Türen schliesst, geht den Mitarbeitenden die Arbeit nicht aus: «In unserem ‹kalten› Gewächshaus mit 5 bis 10 Grad erledigen wir typische Schlechtwetterarbeiten.» Dazu gehöre unter anderem, neue Einfassungen für die Wege vorzubereiten, Namensschilder von Pflanzen zu reinigen, Werkzeuge zu reparieren und instand zu stellen.
«Im Garten selbst werden nun aufwendigere Arbeiten erledigt, da wir das Material auch über mehrere Tage stehen lassen können.» So würden etwa mit einem Baumspezialisten die Bäume auf ihren Gesundheitszustand geprüft und nötigenfalls Massnahmen ergriffen, wie zum Beispiel das Sichern von Baumkronen oder das Entfernen von angebrochenen Ästen aufgrund von Stürmen. Aus Rücksicht auf die Besucher werde dies während der Saison nicht gemacht. «Sie sollen den Garten ohne Lärmemissionen und Absperrbänder geniessen können.»
Entdecken und erhalten
Seit den 1990er Jahren ist die ZKB alleinige Trägerin der Stiftung Botanischer Garten Grüningen. Nebst dem Ziel, den Besuchern eine Oase zum Entschleunigen und Entdecken zu bieten, verfolgt die Stiftung zwei weitere Hauptaufgaben: das Schützen und Erhalten von einheimischen, das Studieren und Integrieren von fremdländischen Arten.
Gemäss der Expertin geht es dabei auch darum, sinnvolle Alternativen zu finden – Pflanzenarten, die mit dem Klimawandel besser zurechtkommen als unsere einheimischen. «Wir engagieren uns zudem, verschiedene Wildpflanzen zu fördern.»
Als erweitertes Kerngeschäft sei definiert, Menschen die Natur nahezubringen. «Für viele Besucher ist unser Botanischer Garten ein Ruhe- oder Kraftort», sagt Evelyne Martinelli. So gebe es «Stammgäste», die den Park zwei- oder dreimal pro Woche besuchen würden. «Für sie ist es ein wenig wie ihr eigener Garten», sagt sie und lächelt.



Ein besonderes Anliegen der Stiftung sei es, Kindern Wissen und Erfahrungen rund um die Natur zu vermitteln. «Schulklassen bekommen komplette Angebote, um bei uns eine spannende und lehrreiche Exkursion zu erleben», sagt die designierte Leiterin.


Über geschwungene Wege führt der Rundgang vorbei am Teich, der Steinkrebse beherbergt. Dann geht es weiter durch den Steingarten, in dem vorwiegend Pflanzen aus dem südlichen Teil der Erde anzutreffen sind.
Besonderer Charme
Auch jetzt, Anfang Oktober, ist der Garten einen Besuch wert. «In Kürze werden uns die Herbstfärbungen überall entgegenstrahlen.» Besonders schön sei das Farbenspiel, wenn es von der goldenen Herbstsonne beleuchtet werde.
Gemäss Evelyne Martinelli ist der Besucherandrang im Frühling sowie an schönen Herbsttagen am grössten. «Im April/Mai etwa locken die blühenden Rhododendren auch auswärtige Gartenfreunde an.»
Öffnungszeiten des Botanischen Gartens
Der Botanische Garten in Grüningen ist vom 1. April bis 31. Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Während dieser Zeit findet jeden ersten Sonntag im Monat um 11 Uhr eine öffentliche Führung statt. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Der Eintritt ist frei. Es gibt zwar kein gastronomisches Angebot, es stehen aber Grillstellen mit kostenlos nutzbarem Feuerholz zur Verfügung. (ks)
Betörende Düfte verraten, dass der Kräutergarten nicht weit entfernt ist. Aber auch beim Passieren des asiatischen «Kuchenbaums» werden die Sinne angeregt: Der süssliche Geruch der Blätter erinnert tatsächlich an frisch gebackenen Kuchen.
Der Publikumsliebling sei aber der Mammutbaum, für den sogar eine Plattform aus Holz erbaut worden sei. Allerdings nicht, um ihm zu huldigen. «Dadurch schützen wir seine Wurzeln, die nahe unter der Oberfläche liegen.» Die Erde würde sich durch die vielen Fussstapfen der Besucher verdichten, was für die Wurzeln schädlich sein könnte.


Den krönenden Abschluss des Rundgangs bildet der Besuch des Tropenhauses. Als Besonderheit sind hier Sukkulenten aus Wüstenregionen unter einem Dach vereint mit Pflanzen aus nass-warmen Gebieten.
Unter anderem gibt es Nutzpflanzen zu entdecken, deren Früchte man sonst nur aus dem Supermarkt kennt: so etwa Papaya, Chili, Drachenfrucht, Vanille, Ananas, Avocado oder Passionsfrucht.


Ursprünglich in Privatbesitz
In den 1960er Jahren sei der Garten im Besitz einer Privatperson gestanden. «Der ehemalige Eigentümer wollte eine Art Park für Besucher aufziehen, sogar ein Restaurant war geplant», erzählt Evelyne Martinelli.
Nachdem die Pläne gescheitert waren, entstand eine Zusammenarbeit zwischen der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH), die gemeinsam einen für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglichen Botanischen Garten aufbauten.
