Alte Fabrik in Hinwil soll zu neuem Daheim für Ältere werden
Wohnprojekt in Aussenwacht
In der ehemaligen Webschützenfabrik Honegger AG in Wernetshausen wird neuer Wohnraum für Leute über 65 und Familien geplant.
Was machen zwei Ehepaare, die aus dem «sozialen Kuchen» stammen, aus einer ehemaligen Fabrik? Esther und Werner Burkhard sowie Yvonne und Franco Gorgi haben darauf eine gemeinsame Antwort: Sie wollen auf dem Areal der einstigen Fabrik für Webschützen in der Hinwiler Aussenwacht Wernetshausen ein neues Zuhause für Alt und Jung entstehen lassen, die «Webschifflerei».

Webschützen, das sind die sogenannten Schiffli, in denen der Schussfaden auf Webstühlen transportiert wurde. Esther Burkhards Grossvater erstellte vor mehr als 100 Jahren die Fabrik im Sack am Dorfrand von Wernetshausen. Vor rund 30 Jahren wurde der Betrieb, der zu Spitzenzeiten 26 Personen beschäftigte, eingestellt.
Vier Esel sind dabei
2003 übernahmen die Burkhards das Areal und bauten eines der Gebäude in ein Wohnhaus mit Stall um. In diesem leben aktuell vier Esel. Und im bisherigen Hausteil, in welchem einst Fabrikarbeiter wohnten, sind heute junge Leute mit Kindern daheim.
Treibende Kraft hinter der Vision einer «Webschifflerei» ist Franco Gorgi. «Seit ich 22 Jahre alt bin, trage ich mich mit Ideen, wie eine ideale Wohnform für ältere Leute aussehen müsste.» Wie kommt ein so junger Mann dazu, sich mit Fragen zu befassen, die Senioren beschäftigen? «Der Anstoss war ein Praktikum in einem Pflegeheim.»
Erst als er 50 geworden war, haben der heute 68-Jährige und seine drei Jahre jüngere Frau beschlossen, die Idee ruhen zu lassen. Immerhin hatten die beiden ausgebildeten Sozialpädagogen über Jahre in Institutionen, aber vor allem bei sich daheim als Pflegefamilie junge Leute betreut. «Wir haben zusammen 25 Kinder, davon ein eigenes, grossgezogen», merkt Franco Gorgi an.
Ansteckende Lebensfreude
Yvonne Gorgi hatte sich lange Zeit in Schul- und Gemeindebehörden engagiert und war auch als Gemeinderätin in Hittnau tätig. Parallel dazu bildete sie sich zur Clownin aus. Heute geniesst sie es, als «Gallissima» an den unterschiedlichsten Orten, auch in Asylzentren und Alters- und Pflegeheimen, aufzutreten: «Ich begegne den Menschen mit meiner ansteckenden Lebensfreude und verwickle sie in urkomische Situationen.»
Durch Erlebnisse im privaten Umfeld keimte bei den Gorgis die alte Idee einer gemeinschaftsorientierten Wohnform für ältere Menschen wieder auf: «Niemand sollte allein und isoliert alt werden müssen, das ist traurig und oftmals deprimierend.»
Franco Gorgi, der nicht nur Sozialpädagoge, sondern auch Galvaniseur, Gärtner, Krankenpfleger, Solarexperte, ambitionierter Kaffeeröster, Westernreiter auf professionellem Niveau und Trainer für Freiheitsdressur – und ja, Autor – war und noch ist, liess sein jüngstes Buch von Esther Burkhard korrigieren. Und die Enkelin des Fabrikgründers, gelernte Primarlehrerin, dreifache Mutter und mittlerweile 69 Jahre alte engagierte Freiwilligenarbeiterin hatte auch ein offenes Ohr für seine Wohnidee.
Ihren Mann konnte sie ebenfalls gewinnen. Ursprünglich Maschinenmechaniker, wollte Werner Burkhard beruflich bald mehr den Menschen im Mittelpunkt haben, «gerne auch schräge Typen», meint der heute 77-Jährige.
Er arbeitete mit straffälligen Jugendlichen, liess sich ebenfalls zum Sozialpädagogen ausbilden und landete schliesslich in der Kolonie Ringwil, dem heutigen Vollzugszentrum Bachtel. 1997 stieg er dort zu dessen Leiter auf. Eine Aufgabe, die er bis zu seiner Pensionierung 2012 innehatte. Noch heute wirkt er ehrenamtlich im Strafvollzug.
Stapelweise Rohlinge
«Es ist doch sünd und schad, dass wir die nicht mehr benötigten Produktions- und Lagerräume brachliegen lassen, weil uns die Kraft einfach fehlt, sie zu verändern», meint Esther Burkhard. So schlossen sich die Gorgis und die Burkhards zusammen und begannen, ihre gemeinsame Vision nach gemeinschaftlich orientiertem und zahlbarem Wohnraum für über 65-Jährige auf dem Areal der ehemaligen Webschützenfabrik zu konkretisieren.
Das 3500 Quadratmeter grosse Areal, das heute noch ganz den Burkhards gehört, soll aufgeteilt werden. Rund 2000 Quadratmeter, den Teil nördlich der Sackstrasse, werden die Gorgis übernehmen. Dort sind auch die Kernstücke der «Webschifflerei» vorgesehen.
Statt der beiden ehemaligen Lager- und Fabrikationsgebäude entstehen Ersatzbauten. Äusserlich werden sie das Erscheinungsbild der jetzigen Fabrikgebäude haben. Im Innern aber wird alles auf die neue Nutzung ausgelegt: flexibel zuteilbarer Wohnraum für ältere Menschen. Sieben bis neun Wohneinheiten für 12 bis 15 Personen sind vorgesehen. Ein Lift wird den Zugang zu den höher gelegenen Räumen gewährleisten.
In den Lagerhäusern sind jetzt noch viele Spuren der einstigen Webschützenfabrik zu finden. Nicht nur Dutzende fertiggestellte Schiffli sind dort vorhanden, sondern vor allem meterhohe Stapel von Holzstücken. Aus diesen Rohlingen wurden die Schützen gefertigt. «Jeder Klotz aus gepresstem Tropenholz kostete damals, als sie in den 1950er Jahren beschafft wurden, fünf Franken», merkt Esther Burkhard an.
Treffpunkte und Rückzugsorte
Franco Gorgi ist es wichtig, dass ältere Menschen nicht abgesondert, sondern in der Nähe von Familien und Kindern leben können. «Das ist Lebensqualität!» Deshalb bleiben die Familienwohnungen auf dem schön und ruhig gelegenen Areal bestehen.
Gemeinsam nutzbare Gärten und Sitzplätze, einer auch mit einer Feuerstelle, sollen Treffpunkte werden. «Im naturnahen Garten wird es auch Rückzugsmöglichkeiten geben, gerade für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind», hält Gorgi fest. Zudem sollen alle ihre Haustiere mitnehmen können.
«In der ‹Webschifflerei› stehen die Nachbarschaft, das Miteinander, das Geben und Nehmen im Vordergrund. Alle Bewohnenden tragen je nach den eigenen Möglichkeiten zum Ganzen bei», unterstreicht Gorgi. Anliegen sollen gemeinsam besprochen werden. «Die ökologische und ökonomische Werthaltung ist allen genauso wichtig wie ein wertschätzender und toleranter Umgang im Miteinander.»
Und wenn das gegenseitige Helfen nicht mehr ausreicht, können auch externe Dienste beigezogen werden. Zudem soll eine Siedlungsassistenz alle Bewohner unterstützen. Diese koordiniert auch den Betrieb in der «Schifflistube». Die heutige Garage wird zu einem Begegnungsraum mit Gemeinschaftsküche umgebaut. «Mit der ‹Schifflistube› möchten wir auch aktiv zum kulturellen Leben in Wernetshausen beitragen», betont Gorgi. Wie beim Generationenwohnen sind auch hier Alt und Jung willkommen. Er kann sich vorstellen, dass hier ein Mittagstisch für Kinder entsteht oder kleine öffentliche Veranstaltungen über die Bühne gehen.
Gestaltungsplan muss angepasst werden
Ihre Vision konnten die beiden Ehepaare jüngst an einer Veranstaltung der Gemeinde vorstellen, an der die neue Altersstrategie erarbeitet wurde. Dort erhielten sie positive Rückmeldungen: «Genau das brauche ich», habe es geheissen. Ihr konkretes Projekt ist seit Kurzem sogar im Netz unter webschifflerei.ch zu finden. Dort finden am Wohnprojekt Interessierte auch die Kontaktangaben.
«Bei der Gemeinde stiessen wir mit unserem Vorhaben auf offene Ohren», hält Esther Burkhard fest. Auf dem Weg zu einer Umsetzung gibt es ein grosses «Aber»: Das kleinindustrielle Gewerbe- und Wohnareal, umgeben von einer Landwirtschaftszone, unterliegt einem privaten Gestaltungsplan. Doch für die Realisierung der «Webschifflerei» muss dieser angepasst werden. Dafür braucht es die Zustimmung des Kantons. Die Initianten haben die Gemeinde nun um ein Empfehlungsschreiben für ihr Vorhaben gebeten. Mit diesem wollen sie an den Kanton gelangen. «Der ganze Bewilligungsprozess dürfte rund zwei Jahre in Anspruch nehmen. An uns soll es jedenfalls nicht liegen. Wir wollen vorwärtsmachen», sind sich die vier einig.