Gesellschaft

Er führt durch den Schlossturm von Uster

Noldi Hürlimann kennt den Turm des Schlosses von Uster wie seine Westentasche. Ein Führung mit ihm ist ein Erlebnis.

Noldi Hürlimann arbeitet als Schlosswart und führt Gruppen durch das Schloss Uster.

Foto: Luc Müller

Er führt durch den Schlossturm von Uster

Schlosswart Noldi Hürlimann

Das Schloss ist das Wahrzeichen der Stadt Uster, doch die spannende Geschichte, die sich hinter den alten Mauern verbirgt, ist vielen unbekannt. Eine Führung bietet die Möglichkeit, alles darüber zu erfahren.

«Besichtigen Sie den Schlossturm Uster!» So werben zahlreiche Plakate rund um das Schloss von Uster. Von Mitte Juni bis Ende Oktober kann man das Wahrzeichen jeweils am Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr kostenlos selber besichtigen.

Doch wer mehr über die bewegte Geschichte des Bauwerks wissen will, kann eine Führung buchen. Dann kommt Noldi Hürlimann ins Spiel. Er ist einer von fünf Schlosswartinnen und Schlosswarte, welche Interessierte in den Schlossturm bis ganz nach oben führt. Dabei erzählt er so einige interessante Geschichten über das Schloss.

Dem «Regio» gibt der 71-Jährige auf Anfrage eine Spezialführung. «Das Schloss im jetzigen Zustand ist viel jünger, als viele denken. Die Burg erlebte innerhalb von 100 Jahren 28 Besitzerwechsel», erklärt Hürlimann, nach dem er die schwere Holztüre am Fusse des Turms geöffnet hat.

Im ersten Stock befinden sich noch die ältesten Überreste des Schlosses, das ein paar Mal abgebrannt und umgebaut wurde. Um 800 steht auf dem Burghügel nur ein hölzerner Wehrturm. Ums Jahr 1000 wird die Burg erbaut. Das Schloss und der Turm erhalten ihre heutige Form zwischen den Jahren 1917 bis 1918. Dabei wird das Turmobergeschoss abgebrochen und der Treppengiebel nach Vorlage des 18. Jahrhunderts rekonstruiert.

Aus der Gefängniszelle zum Jassen

«Hier befand sich der Durchgang zum Gefängnis», erklärt Noldi Hürlimann, der 2023 insgesamt 27 Führungen durch das Schloss gemacht hat. Er steht im ersten Stock des Turmes. Von 1852 bis 1915 war die Bezirksverwaltung im Schloss eingerichtet. «Der Turm diente als Gefängnis», berichtet Hürlimann.

Im Gebäude befanden sich auch eine Wohnung und ein Gasthaus. «Wenn einer zum Jassen fehlte, holte der Gefangenenwart jemanden aus dem Gefängnis rüber ins Restaurant zum Spielen. Danach ging es wieder ab in die Zelle», erzählt Noldi Hürlimann, der früher als stellvertretender Geschäftsführer der Firma Hydroplant in Gossau tätig war und ein gebürtiger Freudwiler ist.

Altes Ehepaar
Der Fabrikant Jakob Heusser-Staub erwarb das Schloss Uster 1916.

Weiter geht es Stufe um Stufe dem Turm entgegen. «Nur der Turm gehört heute der Stadt Uster», berichtet Hürlimann. Das restliche Areal mit Schlossgebäude, Restaurant und Ökonomiegebäude, das die Stiftung Wagerenhof mit Menschen mit Beeinträchtigung führt, ist in Besitz der Heusser-Staub-Stiftung. Im Schloss befindet sich seit 1995 die private Tagesschule «Schloss-Schule Uster».

Hinter der Besitzerstiftung verbirgt sich der Textilfabrikant Jakob Heusser-Staub, der 1916 das Schloss kauft und renoviert. 1927 verschenkte Heusser-Staub das Schloss als Stiftung der Stadt Uster unter der Bedingung, dass es gemeinnützigen Zwecken diene. Heusser gründete auch die erste Kinderkrippe der Schweiz, die sich heute noch neben dem Dorfbad in Uster befindet. «Er hatte viele Arbeiterinnen in seiner Fabrik angestellt und kümmerte sich deshalb um die Kinderbetreuung», berichtet der Schlosswart.

Waffen
Im zweiten Stock befindet sich der Ratsaal, in dem Waffen aus dem Landesmuseum Zürich ausgestellt sind.

Im zweiten Stock angekommen, sind zahlreiche Gewehre in Reih und Glied im um 1918 erbauten Ratssaal, den man für Veranstaltungen mieten kann, zu sehen. «Die Waffen sind eine Leihgabe vom Landesmuseum Zürich.» Und wie hoch ist der Schlossturm eigentlich? Hürlimann lacht und sagt: «Lustig, das weiss ich gar nicht. Ich glaube, ich muss den Turm mal selber vermessen.»

Alter Schrank
Das ist ein Barockschrank (1710 -1730): eine Leihgabe vom Landesmuseum Zürich.

Weitere Stufen folgen. Der Rittersaal, auch den kann man mieten, ist erreicht. Ein schöner Schrank sticht einem direkt ins Auge. «Das ist ein Barockschrank aus der Zeit zwischen 1710 und 1730. Das ist eine Leihgabe vom Zürcher Landesmuseum», berichtet Hürlimann. In der Ecke daneben steht ein auffälliger Kachelofen – ein Nachbau des Originals, das früher im Schloss Wetzikon stand.

Angelangt im vierten Stock ganz oben bei der Turmzinne. Von Mitte April bis Mitte Juni ist die Turmzinne geschlossen, weil dann die Turmdohlen, die hier leben, ihre Brutzeit haben. Vom 1. November bis 28. Februar ist der ganze Schlossturm wegen Winterpause geschlossen.

«Währen den Führungen bin ich hier oben immer still. Denn die Besucherinnen und Besucher geniessen den schönen Weitblick.» Von hier oben sehe man beispielsweise das Schloss und den Kirchturm von Regensberg. Am Sonntag, bei der freien und kostenlosen Besichtigung, sei er jeweils je nach Dienstplan auch vor Ort und beantworte Fragen der Besucher.

«Zudem beschäftige ich die Kinder mit einem Quiz. Sie müssen mit dem Feldstecher nach gewissen Punkten Ausschau halten und Fragen dazu beantworten», sagt Noldi Hürlimann – und lässt den Blick über die Dächer von Uster schweifen.

Geführte Tour durch das Schloss

Das Schlosswartteam bietet ausserhalb der öffentlichen Besichtigungszeiten 45-minütige Führungen durch das Schloss an. Preis: 100 Franken, zahlbar bar vor Ort.
Buchungen unter: noldi.hue@freudwil.ch
Mehr Infos zum Schloss: www.uster.ch/schloss
Vermietungen: Man kann den Schlossturm und den Rittersaal und je nach Jahreszeit auch die Turmzinne für Feste oder Veranstaltungen mieten. Kontakt: liegenschaften@uster.ch

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