Dieser Doktor aus Egg stösst 90-Kilo-Steine – zur Entspannung
Kraft und Köpfchen
Während seiner Arbeit an der Universität sitzt Daniel Kranzelbinder vor allem an seinem Schreibtisch. Zum Ausgleich stösst der gebürtige Egger gerne Steine – und das äusserst erfolgreich.
Der Händedruck zur Begrüssung ist kräftig. Das Gegenüber: Daniel Kranzelbinder (34), 195 Zentimeter gross und 126 Kilogramm schwer. Soweit die zu erwartenden Masse eines Steinstossers. Doch im weiteren Gespräch wird klar: Der Mann hat auch überraschende Seiten, welche die gängigen Klischees dieser aussergewöhnlichen Sportart widerlegen.

Der gebürtige Egger ist Doktor der Philosophie und Wissenschaftshistoriker. Aktuell ist er an der Humboldt-Universität in Berlin tätig. Zudem forschte er bis vor Kurzem an der renommierten US-Universität in Harvard. «Aber meinen Lebensmittelpunkt, meine Familie und Freunde, habe ich immer noch im Zürcher Oberland, wo ich aufgewachsen bin», erzählt Daniel Kranzelbinder.
Zuerst die Forschung, dann die Praxis
2022 hatte er zum ersten Mal an einem Steinstoss-Wettkampf teilgenommen: bei der Qualifikation zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF) in Pratteln, die er auf dem 3. Platz beendete. Schon lange vor dem ersten Wettkampf habe er sich aber körperlich vorbereitet und die nötige Kraft und Ausdauer aufgebaut.

«Die Verbindung von Sport und Tradition hat mich fasziniert. Ich habe als Philosophiehistoriker ein berufliches Interesse am Wesen und am Bezug zu unseren Traditionen. So bin ich auf das Steinstossen gestossen. Mich hat es gereizt, diesen Sport mal auszuprobieren. Die Praxis ergänzt die Theorie.»
In den USA hat er sich dann in einem Flussbett einen ersten Trainingsstein gesucht und mit diesem an der Weitsprunganlage der Universität trainiert. «Das war für die Amerikaner schon ungewöhnlich. Sie hatten davon noch nie etwas von Steinstossen gehört. Schnell interessierten sich die Kugelstosser und Hammerwerfer dafür», berichtet Daniel Kranzelbinder.
Training mit den Berliner Steinstossern
Neben der Mitgliedschaft beim Schwingclub Zürichsee (rechtes Ufer), unter deren Flagge er bei Wettkämpfen antritt, ist er Mitglied beim Turn- und Sportclub Berlin (TSC), wo es auch eine Abteilung fürs Steinstossen gibt. «Zudem mache ich wöchentlich bis zu sechs Trainingseinheiten. Kraft, Tempo und Dynamik sind wichtig. Ich übernehme gewisse Übungen aus der Leichtathletik. Einen eigenen Trainer habe ich aber nicht», so Kranzelbinder.

Während seiner Arbeit, er ist Spezialist für antike, griechische Philosophie und Naturwissenschaft, sitze er vor allem an seinem Schreibtisch oder steht zwischen Regalen in der Bibliothek. «Für eine Stunde Kniebeugen, Bankdrücken oder Laufübungen zu machen: Das ist ein super Ausgleich.»
Austauschau mit dem Oberländer Steinstoss-Star Urs Hutmacher
Und Kranzelbinder erzählt weiter: «Die Athletik und Professionalität im Steinstossen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Steine fliegen weiter und das Teilnehmerfeld wird dichter und kompetitiver. Es wird nach genauen Plänen trainiert. Das auch ausserhalb der Hauptsaison, die von April bis September dauert.»
«Wir Steinstosser sind eine sehr kollegiale Gruppe. Ein Konkurrent im Wettkampf ist auch ein Freund im Sport.» Es gebe immer wieder einen gegenseitigen Austausch. So auch mit den besten der Zunft, dem amtierenden Unspunnensieger 2023 in Interlaken, Urs Hutmacher aus Weisslingen, oder mit Remo Schuler aus Rickenbach SZ, dem amtierenden Sieger am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2022 in Pratteln.
Vierter am «Unspunnen»
Steinstossen ist immer auch eine Teildisziplin an den Schwing- und Älplerfesten. Legendär ist die Unspunnenschwinget, die nur alle sechs Jahre stattfindet und an dem mit dem Unspunnenstein
(83,5 Kilogramm schwer) gestossen wird.
Das Original wurde 2005 zum zweiten Mal gestohlen und ist seither verschwunden. Gestossen wird nun mit einer Nachbildung.
Daniel Kranzelbinder war 2023 am «Unspunnen» am Start. Mit einer Bestweite von 3,65 Metern wurde er Vierter. «Für den Platz aufs Podest fehlten mir nur 5 Zentimeter. Den Podestplatz peile ich nun in Appenzell an», sagt Kranzelbinder. Dort findet am 8. September das 125-Jahr-Jubiläum des Eidgenössischen Schwingverbands (ESV) statt, wobei es auch einen Steinstoss-Wettbewerb mit dem Unspunnenstein gibt.
Er liebt vor allem schwere Steine
«Meine Spezialität sind vor allem schwere Steine», betont der Steinstosser aus Egg. So liebt er den Ybriger-Stein, den mit 90,5 Kilogramm schwersten Stein, der für einen Wettkampf in der Schweiz genutzt wird.
Diesen Ybriger-Stein stiess Daniel Kranzelbinder im Mai beim 100. Schwyzer Kantonalen Schwing und Älplerfest mit 3,55 Metern am weitesten – hinter ihm platzierten sich die bekannten Routiniers Remo Schuler und Urs Hutmacher.


Die Wettkämpfer wuchten die Steine mit beiden Händen über ihren Kopf, rennen damit rund zehn Meter bis zum Abstossbalken und werfen diesen von sich. Die Rekordweite mit dem 83,5 Kilogramm schweren Unspunnenstein liegt seit 2004 bei 4,11 Metern. «4 Meter sind eine ambitionierte Marke, langfristig aber kein Ding der Unmöglichkeit», sagt der Egger Athlet.
«In den Wettkämpfen bin ich manchmal noch zu vorsichtig. Die besten Steinstosser können dank ihrer langjährigen Erfahrung die Gegebenheiten viel besser einschätzen.»
Was er besonders am Wettkampf schätzt: «Man bekommt am Wettkampftag einen unförmigen Stein in die Hand, muss sich diesem anpassen und trotz ungewohnter Situation abliefern – das gefällt mir.»