Velopionier Martin Wunderli gibt Veloplus in neue Hände
Der Gründer tritt ab
Ein Überzeugungstäter gibt sein Lebenswerk in neue Hände. Nach 37 Jahren geht der Wetziker Veloplus-Gründer Martin Wunderli (67) in Pension.
Angefangen hat es 1987 als Zweimannbetrieb in einer Lagerhalle in Zürich-Oerlikon. Mit Schere und Klebstift bastelten Martin Wunderli und sein Geschäftspartner Theo Weilenmann einen 48-seitigen Versandkatalog für Velozubehör zusammen. 37 Jahre später ist Veloplus einer der grossen Player im Schweizer Markt für Fahrräder und vor allem Zubehör. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich seit 1993 in Wetzikon, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt.
Nun setzt sich Veloplus-Gründer Martin Wunderli mit 67 Jahren zur Ruhe und übergibt sein Amt als Verwaltungsratspräsident an den langjährigen Geschäftsführer Dominique Metz.



Elf Läden und Werkstätten, 200 Mitarbeitende
Rund 200 Mitarbeitende und elf Läden in der gesamten Deutschschweiz umfasst das Unternehmen heute. Der Jahresumsatz beträgt 50 Millionen Franken.
Der Versandhandel ist nach wie vor ein wichtiges Standbein. Neben dem Onlineshop setzt die Wetziker Firma – entgegen dem Zeitgeist – nach wie vor auch auf Print: Das zweimal jährlich publizierte Magazin «Fahrtwind» erscheint in einer Auflage von 180’000 Exemplaren. Der Katalog, das «Handbuch», ist mittlerweile auf 560 Seiten angewachsen und wird 160’000-fach gedruckt, die 72-seitige Broschüre «Velo und E-Bikes» kommt auf 210’000 Exemplare.
Man darf Martin Wunderli guten Gewissens einen «Überzeugungstäter» nennen. Schon vor der Gründung von Veloplus waren er und sein 2019 unerwartet verstorbener Weggefährte Theo Weilenmann politisch im Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) und bei Pro Velo aktiv und setzten sich für bessere Bedingungen für Velofahrende in der Stadt Zürich ein. Später politisierte Wunderli während acht Jahren für die Grünen im Wetziker Gemeinderat.

Nachdem die beiden velobegeisterten Betriebsökonomen im Jahr 1987 ihr Unternehmen gegründet hatten, sprach sich schnell herum, dass Veloplus mehr bot als die damals kartellartig organisierten traditionellen Fahrradhändler. «Wir waren gut vernetzt in der Veloszene», erinnert sich Wunderli. Bald verfügte Veloplus über einen treuen Kundenstamm, der sich mit Zubehör eindeckte.
Denn Fahrräder kamen erst sehr viel später ins Sortiment, im Jahr 2014. Hier sticht vor allem die Eigenmarke Cumpan hervor: Das Velo verfügt über einen leichten Stahlrahmen, der anders als Alu- oder Karbonrahmen einfach repariert und leicht an geänderte Bedürfnisse angepasst werden kann – mit Rennvelo- oder mit geradem Lenker, mit Ketten- oder Riemenantrieb.
«Dieses Velo ist praktisch unzerstörbar, wandelbar und damit sehr nachhaltig», sagt Wunderli. Und es passt perfekt ins Firmenleitbild, das die «Förderung von ökologisch vertretbaren Fahrzeugen» als Unternehmensziel nennt.



«Wir verstehen unsere Kunden, und sie verstehen uns»
Als begeisterte Velofahrer kannten Wunderli und Weilenmann den Markt und wussten, was funktioniert und was verbessert werden muss. Unter anderem entwickelten sie einen ergonomischen Sattel, der auf die Bedürfnisse von Rad fahrenden Frauen ausgerichtet war. «Wir verstehen unsere Kunden, und unsere Kunden verstehen uns», fasst Wunderli das Erfolgsrezept zusammen.

Dieser Erfolg weckte Begehrlichkeiten. «Es gab viele Übernahmeangebote, auch von Migros und Coop. Aber den grossen Händlern geht es nicht um die Sache, die wollen einfach verkaufen», sagt Wunderli. «Grosskonzerne können Logistik, und sie verfügen über finanzielle Ressourcen, aber von der Sache haben sie keine Ahnung.»
Als Beleg für diese vollmundige These darf der Fachmarkt Bike World herbeigezogen werden. Besitzerin Migros sucht nach einem Käufer für ihre unrentable Tochter, die 16 Filialen in der Schweiz unterhält – unter anderem in Hinwil und Volketswil.
Dem Preiskampf ausgewichen
Dank der treuen Kundschaft kann sich Veloplus aus dem Preiskampf heraushalten, den sich die grossen Fachmärkte liefern. Doch in der Schweiz gebe es zu viele Veloläden und damit verbunden zu viele Ware, sagt Wunderli: «Und wenn jemand aufhört, dann werden mit einer Rabattschlacht viele Velos in den Markt gedrückt. Das ist für uns nicht einfach, aber glücklicherweise vorübergehend.» In den nächsten drei, vier Jahren werde der Markt bereinigt sein und sich die Situation beruhigen.



Im Juni hat Wunderli an der Generalversammlung von Veloplus sein Amt als Verwaltungsratspräsident abgegeben. Sein Nachfolger Dominique Metz leitet seit Sommer 2011 die operativen Geschäfte und ist seit 2016 auch finanziell beteiligt.
Neben Wunderli ist nach fünf Jahren auch Patrick Kessler aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten. Neu sind Reto Meyer, Co-CEO des Herstellers Tour de Suisse Rad AG in Kreuzlingen, und Silas Obrist, Verwaltungsrat des Ustermer Grosshändlers TST-GPR AG, im Verwaltungsrat. Wunderli bleibt dem Unternehmen als Aktionär verbunden.
Das neue Organigramm sei eine «optimale Lösung», sagt Wunderli: «Es ist eine jüngere Generation am Ruder, die über Branchenerfahrung und Führungserfahrung in einer KMU verfügt. Für die Firma ist das eine Traumsituation!»
Von Grenoble an die Riviera – und aufs Maiensäss
Entsprechend leicht falle es ihm, sein Lebenswerk in neue Hände zu geben. Seine neu gewonnene Freiheit geniesst er – wie könnte es anders sein – auch im Velosattel. Im Juni fuhr der 67-Jährige mit sieben Freunden von Grenoble an die italienische Riviera. Aktuell geniesst er sein Maiensäss in Fideris, tourt mit dem Mountainbike durchs Prättigau oder schlägt Holz für den kommenden Winter.