Wie Bäume das Klima in Wetzikon regulieren
Wundersame Kühlschränke ohne Strom
Viele schlendern einfach an ihnen vorbei. Andere beklagen ihr Verschwinden und beurteilen dies als dramatisch. Denn Bäume tragen zur Kühlung des Stadtklimas bei.
Das Interesse an Bäumen hat zugenommen. Zumindest sagt dies der engagierte Landschaftsplaner und Baumkundler Uwe Scheibler aus Wetzikon. Immer mehr Leute würden bemerken, dass vor allem grosse Linden, Buchen und Tannen mehr und mehr aus ihren Wohngebieten verschwänden.
Deshalb führt der Naturschutzverein Wetzikon-Seegräben, der sich seit je auch für die städtischen Lebensräume und Bäume einsetzt, mit seiner Interessengemeinschaft AG Stadtbäume vermehrt sogenannte Baumspaziergänge durch.
Offenbar mit Erfolg und zunehmender Begeisterung in Teilen der bisher zumeist unbeteiligten Bevölkerung in Wetzikon. «Beim ersten Rundgang dieses Jahrs im April sind 42 Personen trotz Schneeregen erschienen, was mich natürlich fröhlich stimmte», sagt Scheibler. Vor allem in einer «Schlafstadt» wie Wetzikon, die viele Pendler zwar zum Wohnen, aber zu wenig zum Leben nutzen würden.
Tadelloser Kühleffekt
An heissen Tagen suchen alle gerne schattige Plätze auf. Und wer während heisser Sommertage aufmerksam ist, stellt fest, dass es sich im Schatten grosser Bäume wesentlich angenehmer ausruhen lässt als unter einem Sonnenschirm. Warum ist das so?
Eine grosse Platane beispielsweise spendet nicht nur Schatten. Durch die Verdunstung von Wasser aus den Blättern wird der Luft auch Wärme entzogen. Dieser Kühleffekt kann in einem Innenhof ohne Weiteres der theoretischen Leistung von 100 Kühlschränken entsprechen. Und theoretisch heisst: Im Unterschied zu Kühlschränken produzieren Bäume eben keine Wärme. Zudem ist dieser «Service» kostenlos und energieeffizient.
Städte besonders betroffen
«In Wetzikon werden nach wie vor mehr Bäume gefällt als gepflanzt – der Bestand nimmt also ab», sagt Scheibler. Demgegenüber stehen drei Effekte: Erstens ist das Stadtklima im Vergleich zur freien Landschaft schon heute um bis zu 8 Grad wärmer.
Zweitens sagen Klimamodelle bis zum Jahr 2100 eine weitere erhebliche Zunahme der Durchschnittstemperaturen von 6 Grad voraus. «So dürften sich die Hitzetage fast verdoppeln.»
Drittens wird das Wetter unberechenbarer, die Wechsel erfolgen schneller und stärker als bisher. «Das heisst aber nicht, dass unsere Städte keine gute Lebensqualität mehr bieten könnten.»

Würden allerdings keine Anpassungsmassnahmen erfolgen, dann würde die Lebensqualität gegenüber heute deutlich sinken. «Und eine der wirksamsten Massnahmen ist nun mal ein grosser und gut strukturierter Stadtbaumbestand.»
Dieser benötigt allerdings mindestens 50 Jahre, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Der Leiter der AG Stadtbäume folgert deshalb: «Die Kühlwirkung für das Jahr 2100 muss in den nächsten Jahren gepflanzt werden.»
Manches stimmt, vieles nicht
«Generell ist das Bewusstsein im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung bezüglich der Lebensräume von Bäumen in den letzten Jahren zwar gewachsen, auch bei den Behörden, doch es wird längst nicht genug getan», betont Scheibler.
So habe der Stadtrat vor zwei Jahren ein Grünraumkonzept als behördenverbindlich verabschiedet, in dem eine deutliche Erhöhung der Grünflächen und des Baumbestands enthalten seien.
Aber laufende Projekte würden noch immer nach alten Standards geplant. Beispiele gebe es genug: «Bei der Neuplanung von Kindergärten im letzten Jahr hat der Naturschutzverein einen Kahlschlag nur mittels einer Petition verhindern können.»
Und beim Umbau der Bushaltestelle an der Guyer-Zeller-Strasse würden unnötigerweise vier grosse Ahorne gefällt, dafür werde die Asphaltfläche vergrössert. «Dies an der einzigen Stelle in ganz Wetzikon, wo heute eine kleine Allee besteht», resümiert Scheibler.
Falsche Planung
In den Planungen der unzähligen privaten Neubauten in Wetzikon seien zwar neue Bäume enthalten, dafür sei aber viel zu wenig Wurzelraum vorgesehen. «Viele Jungbäume werden an Stellen gepflanzt, wo sie nicht wachsen können und zwangsläufig jahrzehntelang mit viel zu kleinen Baumkronen herumstehen.»
Oder beispielsweise in Innenhöfen oder grossen Anlagen mit Begegnungszonen, unter denen sich allerdings Tiefgaragen befinden, wodurch die Bäume ebenfalls über keinerlei Platz zur Wurzelentwicklung verfügen. «Deshalb kann man an gewissen Siedlungen Jahre später vorbeigehen und wird feststellen, dass die Stämme der Bäume um keinen Zentimeter breiter wurden.» Für stetig wachsende Ballungsgebiete eine fatale Entwicklung.

«Wenn wir ins Jahr 2050 blicken und die Verdichtung mit einberechnen, wird die Luft um ein Vielfaches wärmer und trockener sein», ist sich Scheibler gewiss. Und je trockener die Luft, desto höher die Schadstoffbelastung. Eine fachgerechte Planung für jeden einzelnen Standort sei deshalb unabdingbar.
Je grösser, desto besser
Ein allgemeingültiges Faktum: Für einen gefällten Grossbaum in einer dicht besiedelten Stadt müssten theoretisch 1000 neue Bäume gepflanzt werden, um dessen stadtklimatische Leistung angemessen zu ersetzen – eine schwindelerregende Zahl.


In den Folgejahren könnte dann die Anzahl entsprechend dem Zuwachs wieder reduziert werden. «Was aber im Wald so funktioniert, ist in der Stadt wegen der beengten Platzverhältnisse nicht möglich.» Die Erhaltung der vorhandenen Bäume und der vorzeitige Ersatz seien deshalb von ganz besonderer Bedeutung.
Wo es schon stimmt
Es gibt allerdings schon gute Beispiele, die als Vorbilder dienen können. «An der äusseren Eggstrasse hat die Stadtverwaltung eine Baumreihe gepflanzt, die gute Aussichten auf eine naturnahe Entwicklung hat. Mit diesen Bäumen wird in 20 Jahren ein Spaziergang unter freiem Himmel wesentlich angenehmer sein», betont Scheibler.
Gleiches gelte für die Planung der modernen Bushaltestelle Oberwetzikon, bei der die Lindenbäume nicht hätten weichen müssen. «Damit hat sich die Stadtverwaltung ein Sternchen verdient.»
Wegen der zunehmenden Bedeutung von Bäumen in der Stadt und des abnehmenden Baumbestands besteht im Naturschutzverein Wetzikon-Seegräben eine Arbeitsgruppe – die AG Stadtbäume. Auf der Website des Vereins können Sie sich über deren Aktivitäten informieren.
