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Neue Ausstellung geht dem Mittelalter auf den Grund

Oben Reichtum – unten Arbeit: Auch in der Ausstellung ist die Trennung so klar wie im Mittelalter. Oder war sie das am Ende doch nicht?

Florence Anliker ist neue Museumsdirektorin des Ritterhauses Bubikon.

Foto: Luc Müller

Neue Ausstellung geht dem Mittelalter auf den Grund

Im Ritterhaus Bubikon

Wie war das damals im Mittelalter mit Reichtum und Armut? Antworten darauf gibt die neue Sonderausstellung im Ritterhaus Bubikon.

«Das Mittelalter war gar nicht düster. Diese Wahrnehmung hält sich aber hartnäckig», erklärt Florence Anliker. Die 33-Jährige ist seit dem 1. Mai neue Museumsleiterin des Ritterhauses Bubikon.

Sie ist Nachfolgerin von Noemi Bearth, die nach knapp vier Jahren weiter in den Kanton Thurgau gezogen und neue Direktorin des Historischen Museums ist.

Im Ritterhaus Bubikon ist aktuell die neue Sonderausstellung «Reichtum und Armut – damals und heute» zu sehen. «Denn im Mittelalter war die Rechtsprechung durchaus etabliert. Es gab viele kirchliche Feiertage.

Deshalb hatte die Bevölkerung neben der sehr harten Arbeit auch freie Zeit, in der gern gespielt wurde. Auch unsere heutigen wissenschaftlichen Disziplinen kommen nicht von ungefähr und haben ihre Wurzeln in mittelalterlichen Konzepten.» Viele dieser Aspekte sind in der Ausstellung zu sehen.

Frau mit einem Würfel
Florence Anliker ist die neue Museumsdirektorin des Ritterhauses Bubikon.

«Wir stehen in grosser Konkurrenz zu anderen Freizeitangeboten. Daher möchten wir den Besuchenden ein tolles, aber auch lehrreiches Erlebnis bieten», sagt Anliker. Der Museumsbesuch soll auch Familien mit Kindern ansprechen. Das sieht man dem Konzept der Ausstellung an.

Da gibt es beispielsweise ein Spiel mit farbigen, übergrossen Würfeln, welche die Kinder beim Besuch vor Ort tüchtig durch die Luft wirbeln können. Auf dem dazu passenden Spielteppich stehen Fragen wie «Wird Reichtum auf Kosten der Umwelt erwirtschaftet?», welche die Besucherinnen und Besucher sich gegenseitig stellen.

«So entsteht eine Interaktion. Die Art der Wissensvermittlung ist uns sehr wichtig», sagt Florence Anliker, die Geschichte und Ägyptologie studiert hat. Historischen Stoff modern und spannend verpackt an die Besuchenden bringen – das ist einer der Ansprüche.

Telefonat in die Vergangenheit

Dabei werden im Ritterhaus alle Register gezogen. So gibt es auch die Möglichkeit, mit der damaligen Äbtissin des Fraumünsters Zürich, Elisabeth von Wetzikon, per Telefon ein Gespräch zu führen. Dabei antwortet eine computergenerierte Stimme, die mit künstlicher Intelligenz gefütterte Daten bei der entsprechenden Frage abruft.

Pappfigur zeigt Frau
Im Museum kann man auch mit der Äbtissin des Klosters Fraumünster reden.

Auch mit Kim Huber, einem fiktiven Bauernkind aus dem mittelalterlichen Bubikon, kann man sprechen. Sowieso ist das Ritterhaus, dessen Geschichte bis ins Jahr 1192 zurückreicht und aus dieser Zeit erhaltene Wandmalereien zu bestaunen sind, eine belebter Ort.

So findet im und um das historische Ritterhaus vom 31. Mai bis 2. Juni ein Mittelaltermarkt statt – und vom 14. bis 29. Juni wird im Hof des Ritterhauses das Shakespeare-Stück «Mass für Mass» auf Mundart aufgeführt.

Museumsraum
Im oberen Stock befasst sich die Ausstellung mit dem Thema Reichtum.

Leibeigene und Ländereien

Die neue Sonderausstellung präsentiert sich auf zwei Ebenen. Oben dreht sich alles um den Reichtum. Wobei sich der Besucher schon zu Beginn entscheiden muss: Nehme ich den Eingang zum materiellen oder geistigen Reichtum.

«Heute ist die Bildung entscheidend, um aufsteigen zu können», sagt Florence Anliker. Im Hochmittelalter war jene Person reich und angesehen, die am meisten Leibeigene und Ländereien besessen hatte.

«Lesen und Schreiben war auch in erster Linie nur den Geistlichen vorbehalten», betont die Museumsleiterin des Ritterhauses, das bis 1789 dem Johanniterorden als Verwaltungssitz diente und dann verkauft und privat genutzt wurde.

Zwei aufgespiesst Schuhe
Alt und neu, Sneaker und Schnabelschuh, stehen im Museum bewusst nebeneinander.

Hinter den Vitrinen stehen zumeist Originale, wie eine alte Chronik aus dem 16. Jahrhundert. «Wir denken bei der Ausstellungskonzeption stets von den Objekten her», erklärt Anliker. Die Aura der Objekte – das sei auch ein wichtiger Punkt. «Die Besucherinnen und Besucher wollen Originale sehen. Das berührt einem», ergänzt Florence Anliker.

In der neuen Ausstellung im Ritterhaus werden immer wieder Bezüge zu heute hergestellt. So ist in einem Schaukasten neben einem mittelalterlichen Schnabelschuh ein moderner Sneaker zu sehen. Damalige wie aktuelle Wertvorstellungen zu hinterfragen, darum geht es auch ein Stück weit.

«Der Schnabelschuh illustriert den Zusammenhang zwischen Identität und Repräsentation», heisst es bei der Beschreibung der Schuhe. 1470 wurde in Bern das Tragen der Schnabelschuhe verboten, die Adligen rebellierten dagegen. Sie bräuchten die Schuhe, um sich gegen die rangniedrigen abzugrenzen.

Als Adlige die Schuhe trotz Verbot weiterhin trugen, erhielten sie eine Geldstrafe und wurden für einen Monat aus der Stadt verwiesen. «Aus wirtschaftlichen Gründen war der Berner Rat aber gezwungen, sie wieder in die Stadt zu bitten und die Kleiderordnung zu ihren Gunsten anzupassen.»

Den Löffel abgeben

Es sind genau diese kleinen Geschichten, auf die man beim Schlendern durchs Museum trifft. Wie auch im unteren Stock, wo die Armut thematisiert ist. «Der Ausstellungsraum ist bewusst nüchtern gehalten. Dies aber auch aus Mangel an Ausstellungsobjekten dieser Zeit und vom Dritten Stand, hier am mittelalterlichen Bauernstand.»

In einer Vitrine werden mehrere alte Löffel aus Holz und Metall gezeigt. «Der Löffel gehörte zu den wenigen wertvolleren Objekten, welche eine Bauer besass, da er ein äusserst persönlicher Gegenstand war», erzählt Anliker. Jeder trug einen solchen am Gürtel – um sich beim Mahl aus der gemeinsamen Schüssel zu bedienen. «Nach dem Tod gab man diesen ab.» Den Löffel abgeben – diese Redewendung hat sich bis heute gehalten.

Ein Ausstellungsraum mit zwei Fenstern
Im unteren Stock des Museums wird bewusst schlicht gehalten das Thema Armut thematisiert.

Weiter geht die Führung durch die Ausstellung. Vorbei an speziell gestalteten Schuhschachteln. Primarschüler der 6. Klasse aus Bubikon haben darin ihre Ansichten zum Thema Reichtum gebastelt. Da ist ein schönes Haus mit Pool und grossem Garten zu sehen – so stellt sich eines der Kinder Reichtum vor. Doch auch Themen wie Religionsfreiheit oder Freizeit sind den Schülerinnen und Schülern wichtig.

Und in einem Film berichten Befragte verschiedenen Alters und Hintergründen über ihre Ansichten zu arm und reich. An einer Pinnwand können die Besucher am Ende der Ausstellung noch eine Statement zum Thema Armut und Reichtum abgeben. Interaktivität bis zum Schluss.

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