Kleider machen Leute
Neue Sonderausstellung im Museum Neuthal
Ich trage, was ich bin – und was hat das für einen Einfluss auf die Näherin in Bangladesch? Armut und Reichtum in der Textilbranche thematisiert die frische Ausstellung «Mode, Macht und Geld».
Was tragen Sie heute? Ein T-Shirt zum Schnäppchenpreis, oder haben Sie ganz bewusst tief in die Tasche gegriffen, damit faire Produktionsbedingungen möglich sind? Wie oft verfallen Sie in einen Kaufrausch und nutzen dann die neuen Kleidungsstücke doch nicht? All diese Fragen wirft die neue Sonderausstellung «Mode, Macht, Geld – die globale Modeindustrie, mein Kleiderschrank und ich» auf, die seit dem 5. Mai und noch bis am 26. Oktober 2025 zu sehen ist.
Auch bittere Punkte angesprochen
Die Besucherinnen und Besucher im Museum Neuthal Textil- und Industriekultur schlendern auf dem Weg durch die Ausstellung an sechs Themenfeldern vorbei. Dabei wird der Herstellungsprozess eines Kleidungsstücks aufgezeigt – vom Anbau der Baumwolle, über die Spinnerei, das Marketing bis zum Verkauf.
«Es geht darum, Licht ins Dunkel der heutigen Textilbranche zu bringen», bringt Nora Baur, seit November 2020 Museumsleiterin, den Inhalt der Ausstellung auf den Punkt.
Diese spricht auch bittere Punkte an: Sie zeigt, wie die grossen Modeketten, die teilweise bis zu 6000 neue Kleidungsstücke auf den Markt werfen, grosse Gewinne erwirtschaften – während Näherinnen mit einem Hungerlohn abgespeist werden.
«Wir zeigen in der Ausstellung den Menschen, der am Prozess beteiligt ist», sagt die Museumsleiterin.
Wie entsteht in der Textilbranche Reichtum, wie Armut? Das zeigt die Sonderausstellung eindrücklich. Auf Schautafeln, die sich drehen lassen, sind kurz und knapp eindringliche Fakten und Daten erfasst. Von einem Kapuzenpullover, der 2019 im Handel für 30 Franken verkauft wurde, strichen die Modeketten knapp 5 Franken als Gewinn ein – die Löhne aller der an der Produktion Beteiligten liegt bei nur Fr. 2.50. Also bei der Hälfte.
«Kleider sind uns täglich körperlich am nächsten. Aber wir wissen wenig über die Produktion. Da wollen wir Abhilfe schaffen. Aber nicht einfach mit dem gehobenen Moralfinger. Es geht darum, dass sich die Besucherinnen und Besucher selber Gedanken machen über ihren Kleiderkonsum.»
Und Nora Baur erklärt weiter: «Wir haben hier auch viele Schulklassen, welche die Ausstellung besuchen. Diese beleuchtet auch den Aspekt von Social Media, wo das Aussehen und Markenkleidung als Teil der Identität eine grosse Rolle spielt.»
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte beleuchten
Im Museum finden auch immer wieder Workshops statt, wie sich alte Kleider flicken oder umgestalten lassen. War es nicht ein Problem, in Ihrem Museum, das auch die glorreichen und einträglichen Zeiten der Schweizer Textilbranche aufzeigt, die Schattenseite der Branche zu thematisieren?
«Nein, überhaupt nicht. Wir wollen bewusst alle Aspekte ansprechen, wir haben auch einen Bildungsauftrag. Das führt bei allen am Museum Beteiligten zu interessanten Diskussionen.»
Ist es nicht besser, dass Modefirmen überhaupt Jobs für Näherinnen in Bangladesch anbieten, als wenn diese keinen Broterwerb hätten? Oder müssen wir als Konsumenten eben auch bereit sein, für fair produzierte Textilien mehr zu bezahlen?
Rund ein Jahr lang hat es gedauert, die neue Sonderausstellung zu planen und umzusetzen. Nach Angaben von Nora Baur war ein externes Team von Kuratoren und Historikern und Szenografen daran beteiligt.
«Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte rund um die Textilbranche, die gerade hier im Zürcher Oberland neben dem englischen Markt führend war, soll ein fester Bestandteil unseres Museums sein», sagt Nora Baur. Eine entsprechende Dauerausstellung sei in Arbeit.
Auch in der Schweiz ist die Geschichte der Textilbranche eine mit Licht und Schatten. Die Spinnereien und Webereien sorgten für Arbeitsplätze und Wohlstand – daneben waren die Löhne tief und die Arbeitstage lang.
Und schon Kinder schufteten für die Branche, wie das Bild des Stumpen rauchenden Kindes zeigt: Weil Kinder schon früh wie Erwachsene arbeiteten, übernahmen sie auch deren vorgelebte Handlungen – wie das Rauchen.
Die Ausstellung hinterlässt Spuren und sorgt für Selbstreflexion. Die Schweizer Bevölkerung kauft viermal mehr Kleider als vor 20 Jahren. Konkret sind es 20 Kilogramm an neuen Kleidungsstücken. Wie sieht das bei Ihnen aus?