Mit dieser Ladenschliessung verliert Wald eine Portion Farbe
Nach 20 Jahren ist Schluss
20 Jahre lang führte die Handarbeitslehrerin Brigitte Kuster ihren Näh- und Bastelladen Zierat in Wald. Ende Mai schliessen dessen Türen für immer, da die Geschäftsführerin ihren Ruhestand geniessen will. Ein Hintertürchen bleibt allerdings offen.
Brigitte Kuster liebt ihren Laden. Er ist der Inbegriff eines Geschäfts, das zum Stöbern einlädt. Und obwohl man vielleicht nichts braucht, kauft man eben doch etwas, während man über den knarzenden Parkettboden schlendert.
Der Zierat, das war für 20 Jahre ihr persönliches, buntes Reich. Das spürt ihre treue Stammkundschaft genauso, die sich nicht nur regelmässig wegen der Produkte, sondern auch für ein kleines Gespräch mit der Inhaberin gerne an der Bahnhofstrasse 18 in Wald trifft beziehungsweise traf.
Denn bald ist damit Schluss: Brigitte Kuster tritt Ende Mai mit 64 Jahren in ihren Ruhestand und verfolgt ihr lang gehegtes Ziel – sie will durch jeden Schweizer Kanton wandern. Deshalb ist dieser Satz am Schaufenster angebracht: «Wir gehen in die wohlverdiente Pension und sagen all unseren Kunden Danke.»

Der Laden schliesst demnach nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus persönlichen Gründen. Und doch gibt die Handarbeitslehrerin und gelernte Schneiderin offen zu: «Die 20- bis 30-jährigen Kundinnen fehlen.» Der Wandel in der Gesellschaft sei zu spüren. Es werde nach wie vor eher neu gekauft als selbst repariert. «Deshalb fiel ich aber nie in ein Jammertal, sondern suchte lieber nach Lösungen.»
Die Macherin von nebenan
«Ich frage, helfe, mache, tausche mich aus, repariere, schlage vor und so weiter – so ist eben meine Natur.» Auf die Frage, wie sehr sie das Ende ihres Ladens schmerze, antwortet sie: «Ein Stück meiner Geschichte geht zu Ende, und ein neues Kapitel beginnt.» Für ihre Kundschaft sei die Schliessung schlimmer als für sie persönlich. «Die Kunden haben den Laden gerne als Farbknotenpunkt des Dorfs beschrieben – und das war er auch.»

Über die Jahre seien nicht nur viele kleine Produkte über die Theke gegangen. Fast so viele kleine Geschichten seien dabei entstanden. «Mir ist der Mann, der eine Öse für 20 Rappen gekauft hat, genauso in Erinnerung geblieben wie die Dame, die an ihrem Hochzeitstag noch schnell das Hochzeitskleid reparieren liess», sagt Kuster.
Am meisten freute sie sich, wenn ihre Kunden in ihrem Laden Utensilien fanden, nach denen sie gar nicht gesucht hatten, und plötzlich feststellten: «Das ist genau das, was ich brauche.»
Dabei war ihr immer wichtig, Produkte aus der Schweiz zu vertreiben. «Meine Wolle bezog ich stets von der Firma Wolle Lang aus Reiden und Kleinwaren bei Welti & Co. aus Winterthur.» Bei gewissen Dingen komme man um den Exportriesen China allerdings nicht herum.
Erfüllung des Jugendtraums
Farben und die eigene Phantasie: Mit diesen zwei Grundsteinen hat Brigitte Kuster in ihrem Leben alles angepackt und bisweilen auch gemeistert. Ob als Handarbeits- und Zeichnungslehrerin, dreifache Mutter oder Ladenbesitzerin. «Die Idee mit dem Laden habe ich schon zu Studentenzeiten mit meinen Kameradinnen gehegt. Im Sinne von: Wenn wir nicht mehr unterrichten wollen, dann machen wir einen Laden auf.»

Letztlich hat Kuster die Idee als Einzige verfolgt und Zierat im Jahr 2004 eröffnet. «Noch im selben Jahr habe ich das gesamte Haus, das schon damals unter Denkmalschutz stand, mit meinem Ex-Mann erworben.» Mittlerweile befindet es sich vollständig in seinem Besitz.
Er sei es dann auch gewesen, der sie zum entscheidenden Schritt bewogen habe. «Er empfahl mir damals, die Sache einfach durchzuziehen.» Mittlerweile sind 20 bewegende Jahre vorbeigerauscht.
Fast alles darf weg
Noch sind diese 20 Jahre aber nicht ganz vorbei. Denn bis Ende Mai schlendern vor allem die treuen Stammkundinnen weiterhin durch den Bastelladen. «Ich möchte natürlich noch so viel Ware abstossen wie nur möglich, deshalb verlange ich auch nur noch den halben Preis für jeden Artikel», betont Kuster.





Sie bekomme auch Angebote für Inventar, das gar nicht zum Verkauf stehe. «Ich habe ein uraltes Drehgestell aus Holz, doch unter 50'000 Franken würde ich es nie verkaufen», scherzt Kuster.
Jung und Alt vereint
Auf was die Inhaberin rückblickend besonders stolz ist: «Der Laden war nie nur mein Werk, sondern immer ein Ort mit vielen Einflüssen.» So hat ihr Vater, der in Einsiedeln in einem Altersheim lebt, die Ware abgepackt. Und ihre Freundin Regula Wieland hat bis ins Alter von 71 regelmässig im Laden mitgearbeitet.
Aber auch jüngere Leute waren stets mit von der Partie. Eine angehende Köchin aus Wald hat ihr trotz der Tatsache, dass sie kurz vor dem Berufsabschluss steht, jeweils die Schaufenster dekoriert. «Mir war es als Lehrerin immer ein Anliegen, auch jungen Menschen eine Chance zu geben, und ich habe davon viel profitiert.»
Sie kann es nicht ganz lassen
Komplett wird die Gemeinde Wald aber nicht auf die Bastelwaren und Handwerkskünste von Brigitte Kuster verzichten müssen. Denn ganz kann sie ihre Leidenschaft eben doch nicht begraben. «Der Privatraum hinter dem Laden wird mir künftig als kleines Atelier zur Verfügung stehen.»

Dieses wird allerdings nur freitags und samstags geöffnet sein. «Die restliche Zeit der Woche wird meinen privaten Plänen gehören, denn sonst hätte ich den Laden nicht schliessen müssen.»
Vor dem offiziellen Antritt ihrer Pension und den unzähligen Wanderungen, die Kuster vor sich hat, will sie noch einen würdigen Abschluss finden. «Wir machen in Einsiedeln im Altersheim ein kleines Fest mit allen, die mir während der 20 Jahre zur Seite standen und den Laden mitprägten.»
