Die unkonventionelle Frau, die um die Ecke riechen kann
Parfümeurin im Aatal
Beatrice Bigler hat es zu etwas gebracht, wofür nur wenige über das Talent und den nötigen Biss verfügen. Dank ihrer feinen Nase wandelt die Parfümeurin in der Welt der Düfte. In ihren Workshops können ihr «Normalsterbliche» nacheifern.
Wer käme auf die Idee, dass im Aatal Parfüms hergestellt werden? Wohl kaum jemand. Wer sich allerdings im Internet auf die Suche nach einem Kurs zur Herstellung eines Parfüms im Kanton Zürich macht, wird unweigerlich auf die Website der «Parfümbar» im Aatal stossen.
Die «Bar» hat Beatrice «Bibi» Bigler 2009 gegründet und leitet sie seither mehr als erfolgreich. Die studierte Botanikerin war schon in ihrer frühen Kindheit eine fanatische «Riecherin». «Während sich andere Kleinkinder allerlei Gegenstände in den Mund stopften, wollte ich alles mit der Nase erkunden», meint sie schmunzelnd. Aber auch der Duft von Schulbüchern faszinierte die heute 56-Jährige. Und: «Auf dem Schulhof erkannte ich am Duft in der Luft, welcher Lehrer gerade um die Ecke kam.»
Mitunter deshalb konnte sie sich so über Jahrzehnte Kenntnisse über Düfte aneignen, die sie dazu befähigen, einen Beruf auszuüben, der allgemein als Starberuf klassifiziert wird. «Parfüm herstellen möchten viele, doch nur wenige schaffen es, die harte Prüfung zu bestehen und daraufhin in diesem Beruf tatsächlich Fuss zu fassen.»

Denn sogenannte «Fine Fragrance» herstellen kann nur eine Minderheit – viele ausgebildete Parfümeure verdienen nämlich trotz Ausbildung ihren Lebensunterhalt damit, beispielsweise Shampoo, Kosmetikprodukte oder Putzmittel zu parfümieren.
Lehrjahre in Frankreich
Ausbildungsplätze zur Parfümeurin oder zum Parfümeur gibt es weltweit nur wenige. Bibi Bigler fand schon im Jahr 1995 einen der privilegiertesten Plätze im Land der Düfte, in Frankreich. Genauer in der südfranzösischen Stadt Grasse, wo sie zwei Jahre in der Internationalen Parfümerieschule verbrachte.
«Insgesamt gibt es schätzungsweise 4000 Dufte auf dieser Welt, die einem Parfümeur zur Verfügung stehen», sagt Bigler. Mit 2000 dieser Düfte arbeitet sie.

Von diesen musste sie bei ihrer Abschlussprüfung in Frankreich deren 1000 natürliche und synthetische Duftbausteine erkennen und unter anderem sechs Lavendelsorten voneinander unterscheiden. «Sicher erlaubte mir eine gewisse Begabung, die Prüfung zu bestehen. Die Hauptfertigkeiten dazu musste ich mir aber hart erarbeiten, indem ich meine Nase von morgens bis abends schrittweise schulte.»
Ein Faible entwickelte Bigler besonders für aquatische Düfte mit einem Hauch von Meeresprisen oder Algen. Aber auch Amber und der Geruch von Holz und Zitrusfrüchten haben es ihr angetan.
Sprung zu Givaudan
Dank den in Frankreich erworbenen Fähigkeiten und der Vermittlung einer ihrer Ausbildner führte sie ihr weiterer Weg zurück in die Schweiz, nach Dübendorf, wo sie sich für mehrere Jahre der Firma Givaudan verpflichtete.
«Diese Arbeitsplätze sind mehr als begehrt in unseren Kreisen.» Insgesamt zwölf Jahre arbeitete sie für Givaudan, bis sie eines Tags den Entschluss fasste, sich selbständig zu machen und in jederlei Hinsicht nur noch der eigenen Nase zu folgen.
Selbstbesinnung auf der Alp
Noch bevor Bibi Bigler sich den Traum der Selbständigkeit erfüllte, brauchte sie eine Auszeit. «Nach der langen Zeit bei Givaudan befand ich mich in einem Leerlauf und brauchte einen differenzierten Blick auf die Dinge», blickt sie heute zurück. Die Möglichkeit dazu, so war sie sich damals sicher, würde ihr eine Auszeit in der Einsamkeit der Berge bringen.

Deshalb zog sie für fünf Monate auf eine Alp im Bündnerland, während ihr Mann zu Hause für die gemeinsamen vier Kinder sorgte. «Dort hütete ich Schafe und entdeckte die Welt der Kräuter nochmals neu.» Aus den beiden Alpengewächsen (Prachtnelke und Arve) entstanden so ihre ersten beiden Parfüms namens Splendur und Cembra.
«Mir war und ist es immer ein Anliegen, nicht nur anmutende, schöne Düfte zu kreieren. Ich will mit ihnen manchmal auch provozieren.» Noch heute ist in ihrem Dokumentationsbuch nachvollziehbar, welche Dufterlebnisse sie aus dieser Zeit zurück ins Flachland mitgenommen hat.
Abenteuer Griechenland
Nachdem die Parfümeurin nun seit 15 Jahren im Aatal ihre Parfüms kreiert und Laien in Workshops dabei hilft, Rezepte für ihre eigenen Düfte zu schreiben, hat Bibi Bigler mittlerweile geistig wie handwerklich nochmals expandiert. Seit jüngst zieht es sie regelmässig ins warme Griechenland, wo sie auf der Insel Chios ein kleines Steinhaus besitzt.
Dort widmet sie sich intensiv der Destillation einer Ur-Mandarinensorte, der Chios-Mandarine, die von der EU das Label «Product of Geographical Origin» trägt. «Der Abnahmepreis der Früchte ist so zusammengebrochen, dass es sich eine professionelle Bewirtschaftung der Bäume für die Einheimischen kaum mehr lohnt», sagt Bigler etwas wehmütig. Die meisten Früchte würden am Boden verfaulen.

Deshalb investierte sie schon vor geraumer Zeit Geld in eine Wasserdampf-Destillationsmaschine. «Mit dem destillierten Öl der Frucht wie auch deren Schale lassen sich herrliche Düfte kreieren.» Und im selben Atemzug könne sie gemeinsam mit einem Bauern so die Wirtschaft des Zitrushains mit dessen 1020 Bäumen fördern.
Neues in der Pipeline
Aber nicht nur mit Zitrusfrüchten beschäftigt sich Bigler derzeit. Momentan hat sie alle Hände voll zu tun, baldigst zwei neue Parfüms auf den Markt zu bringen. Im Sommer soll es so weit sein: Duft N°1 hat eine holzig-grüne Note, verströmt viel Wärme und riecht wie ein Sommerregen, der auf den heissen Asphalt prasselt. Der Duft N°2, ein Lindenblütenduft, soll im Juni erscheinen. «Dann ist der Lindenbaum schliesslich in seiner vollen Blüte.»


Etwas ist bei den beiden neuen Produkten besonders: Die Parfüms erhalten jeweils ihr eigenes Zitat und je ein passendes Musikstück dazu. «Die Flacons werden mit einem QR-Code versehen, worauf bei dem Scan das entsprechende Musikstück ertönt.»
Um keinen Preis in den Grosshandel
Trotz ihrer vielen Kontakte arbeitete Bigler seit ihrer Selbständigkeit nie mit einem grossen Marktführer zusammen. Sie vertreibt ihre Parfüms selbst, meist über ihren Webshop. «Ich wollte meine Produkte nie verscherbeln, dafür liegen sie mir zu sehr am Herzen.» Ohnehin sei sie gut vernetzt und könne viele Düfte an Produktliebhaber absetzen.
Ab und an erreichen sie auch Anfragen von Personen, die von ihr ein auf sie zugeschnittenes Parfüm verlangen. «Dies lassen sich die Leute dann auch etwas kosten», betont Bigler. Denn wer ein eigenes Parfüm von Bibi Bigler möchte, muss sich mindestens sechs Monate gedulden und zirka 10'000 Franken in die Hand nehmen.
«Für die Sprinterin Mujinga Kambundji habe ich bereits einen Duft kreiert. Ich hege allerdings noch den Traum, eines Tags für Roger Federer ein Parfüm zu entwickeln.»

Die Parfümbar von Bibi Bigler befindet sich im Hiag-Areal an der Zürcherstrasse 17 in Aathal-Seegräben. Wer daran interessiert ist, sein persönliches Parfüm zu kreieren, kann dies in einem der regelmässig stattfindenden Workshops tun. Die Kontaktaufnahme erfolgt unter info@dieparfumbar.ch oder 079 824 05 42. Weitere Informationen finden Sie unter www.dieparfumbar.ch.
