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Gesellschaft

Egger wollen nicht zum Epizentrum der Deponien werden

Trübe Aussichten für die Egger: Nun wird auf Gemeindeboden eine vierte Deponie geplant. Das wollen viele nicht hinnehmen.

Ginge es nach den Plänen des Kantons, würde gleich neben der Siedlung Rohr (links im Bild) eine neue Deponie errichtet.

Foto: Christian Brändli

Egger wollen nicht zum Epizentrum der Deponien werden

Widerstand formiert sich

Egg soll nun noch einen vierten Deponiestandort erhalten. Dagegen formiert sich Widerstand von Anwohnerseite und von der Gemeinde her.

Die Region eignet sich von ihrer Geologie her offensichtlich besonders gut für Deponien. Nirgendwo sonst im Kanton Zürich ist die Dichte an bestehenden, bereits fixierten und nun geplanten Deponien so hoch wie hier. Dies zeigt die neue Gesamtschau Deponien der Zürcher Baudirektion, die vor drei Wochen präsentiert worden ist.

Besonders im Dreieck Gossau-Egg-Oetwil soll viel gelocht und eingelagert werden. Oetwil und Gossau weisen drei Standorte auf. Nur Wädenswil ennet dem Zürichsee hat gleich viele Karteneinträge. Alleiniger Spitzenreiter aber ist die Gemeinde Egg. Diese ist gleich vierfach von den Planungen betroffen.  

Schlechte Erfahrung mit früherer Deponie 

Ein ehemaliger Klimatechniker wohnt unmittelbar neben dem Erzacher in der zu Egg gehörenden Siedlung Rohr. Quasi im Epizentrum der Deponien. Denn dort will die Baudirektion nun ebenfalls eine Lagerstelle. Nicht weit entfernt liegen die beiden schon im Richtplan verzeichneten Standorte Leerüti und Tägernauer Holz. Letzterer liegt zwar auf Gossauer und Grüninger Boden, ist aber nur 1100 Meter vom Wohnort des Mannes entfernt.

Auf einer Karte sind fünf farbig eingezeichnete Flächen zu sehen, auf denen Deponien liegen oder noch zu liegen kommen sollen.
Auf Egger Boden sollen vier Deponien entstehen, und mittendrin ist die Siedlung Rohr (rechts neben dem grün eingezeichneten Standort Erzacher).

Der Anwohner ist Mieter einer Liegenschaft des Kantons. Dennoch findet er, was der Kanton vorhabe, «geht gar nicht». Er weiss bereits, was es heisst, in der Nähe von einer Deponie zu wohnen. Ennet der Forchautostrasse in der Leerüti, rund 200 Meter entfernt, war bis vor zehn Jahren bereits einmal eine solche in Betrieb – quasi der Vorläufer des Deponiestandorts gleichen Namens. Bei Westwind, und der herrsche dort fast immer, habe es jeweils «grausam aggressive Duftwolken» zu ihnen hinübergeweht.

Ein längerer Hügel

Und nun soll eine neue Deponie in einer Distanz von nur gut 100 Metern entstehen. Die heutige Senke würde aufgefüllt. Und mehr als das. Die durchschnittliche Schütthöhe soll bei acht Metern liegen. Was das heisst, steht im begleitenden Bericht zur Gesamtschau Deponien der Baudirektion: «Durch die neue Geländemodellierung wird die Geländeerhebung des Rohrbühls nach Nordosten weitergezogen und so der Hügel ausgedehnt.»

Situation der geplanten Deponie Erzacher bei Egg mit Endform auf einem Orthofoto.
Ein ganzer Hügel mit einer durchschnittlichen Höhe von acht Metern soll neben der Siedlung Rohr (oben rechts zwischen der Auffahrt zur Forchautostrasse und dem rot eingezeichneten Deponierand) zu liegen kommen.

«Auf unserer Seite im Rohr will das wohl niemand», meint der Mann, der sich früher beruflich mit Raumklima befasst hat. Er fürchtet nicht nur möglichen Gestank, sondern noch mehr Verkehr und Verkehrslärm, als er heute schon von der nahen Forchautostrasse und der Verbindungsstrasse von Gossau nach Oetwil hat.

Von Deponien eingekreist

Ennet dieser Verbindungsstrecke zeigt man sich über die neuen Pläne des Kantons ebenfalls nicht erfreut. «Ich staune über die grosse Fläche», meint Simone Bodmer. Mit 19,9 Hektaren und einem potenziellen Volumen von 1'600'000 Kubikmetern würde sie kantonsweit zu den grossen gehören.

Bodmers haben mehrere Pferde und reiten mit ihnen in der Umgebung aus. «Wenn die Deponien alle realisiert werden, weiss ich gar nicht mehr, wohin», meint sie. Entsprechend hat sie auch schon gegen die Walddeponie im nahen Tägernauer Holz demonstriert. Was sie besonders beschäftigt, ist der Lastwagenverkehr, der dereinst rundum auch auf Feldstrassen rollen könnte.

Schon einmal ein Nein

Den Plänen für eine Deponie im Erzacher wenig abgewinnen kann ein pensionierter Landwirt, der trotz seinem Rentenalter noch immer sechs Hektaren Land bewirtschaftet. Vier davon liegen auf der Fläche, wo die Deponie zu liegen käme.


> > Ein Bauer aus Maur sieht wegen einer neuen Deponie seine Existenz bedroht.


Was es heisst, wenn eine Firma ein Auge auf potenzielles Deponiegebiet wirft, hat er vor zehn Jahren schon einmal erlebt. In der Standortstudie 2014 wurde die jetzige Fläche – und noch etwas mehr – als geeignet für eine Deponie des Typs A bezeichnet. Dort wird unverschmutzter Aushub von Baustellen abgelagert.

Ihm sei damals eine hohe Summe geboten worden, dennoch habe er davon nichts wissen wollen. Nicht nur hätte er mit einer acht Meter hohen Aufschüttung leben müssen, auch seine Liegenschaft wäre durch die Deponie entwertet worden, ist er überzeugt. Das Gleiche befürchtet er auch jetzt wieder.

Die meisten anderen Landbesitzer hätten damals einer Deponie zugestimmt. «Wegen meiner Weigerung wurde ich damals als Querulant bezeichnet», meint der Bauer. An den Fronten habe sich seither wohl wenig geändert, mutmasst er. Von den Landbesitzern würden sich nur zwei gegen eine Deponie stellen.

Ein Bach fliesst durch Wiesen und Bäume.
Der Aabach, der 1942 angelegt worden ist, müsste für den Bau einer Deponie im Erzacher verlegt werden.

Er selbst habe mit dem Kanton ein gutes Einvernehmen und wolle sich deshalb im Juni detaillierter über das neue Vorhaben informieren lassen. Was er aber nicht versteht, ist der Umstand, dass für eine Renaturierung des nahen Aabachs bereits konkrete Pläne bestehen. Das widerspreche den Deponieplänen, führe der Bach doch mitten durchs Gelände – und müsste dann verlegt werden.

Kein Problem mit Bauschutt

Martin Herrmann gehören ebenfalls vier Hektaren Land, die für eine Deponie im Erzacher benötigt würden. Das meiste dieser Fläche werde heute beackert, ein kleinerer Teil sei Wiesland. Wie er sich zu den Deponieplänen stelle, wisse er noch nicht. Zuerst wolle er sich genauer informieren lassen.

Allerdings schiebt er nach, dass er für die Lagerung von Baustellenaushub, auch schwach belastetem, dort keine Probleme sehe. Schliesslich müsse der irgendwo deponiert werden können. «Aber zu allem kann ich auch nicht Ja und Amen sagen», sagt er. Und meint damit heiklere Abfälle der Kategorien C, D und E.

Angesichts einer nahen Grundwasserfassung und von Quellen müsse abgeklärt werden, ob sich dieser Standort überhaupt für solche Deponietypen eigne, hält die Baudirektion im Begleitbericht fest.

Gemeinderat will sich wehren

Die Gegner einer Deponie im Erzacher können auf jeden Fall mit der Schützenhilfe der Gemeinde Egg rechnen. «Diesen Plänen des Kantons ist mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten», hat sie vor einigen Tagen angekündigt.

Der Gemeinderat werde sich mit den Nachbargemeinden absprechen, sich auf politischem Weg Gehör verschaffen und «juristisch gegen die unsinnige Häufung von Deponien in der Region vorgehen».

Dass Egg ins Deponien-Fadenkreuz genommen werde, sei wohl nicht allein mit der Geologie zu begründen. «Der Verdacht liegt nahe, dass vor allem auch die gute verkehrstechnische Erschliessung eine grosse Rolle spielt», schreibt der Gemeinderat in einem Communiqué.

Egger Exekutive misstraut dem Kanton

Dabei trage Egg seit Jahren dazu bei, den gesamten Kanton in Sachen Deponieabfälle zu entlasten. Der Gemeinderat verweist dabei nicht nur auf die in Betrieb stehende Chrüzlen, sondern auch auf die alte Deponie der Chemischen Fabrik Uetikon im Chüetobel. Die Betriebsaufnahme der Deponie Leerüti sei «nur noch eine Frage der Zeit».

Blick auf den Erzacher mit Ackergelände und einer Strasse.
Geplantes Deponiegelände so weit das Auge reicht: Mit einer Fläche von fast 20 Hektaren würde der Standort Erzacher zu den grossen im Kanton Zürich gehören.

Auch bereits im Richtplan eingetragen ist die Deponie Büelholz in Waldnähe, «notabene neben einem Standort für geschützte Orchideen». Durch die nun neu geplante Deponie Erzacher sei wiederum mit einer langjährigen Betriebsdauer mit entsprechenden Folgen für Anwohner und Natur zu rechnen.

Die Egger Exekutive scheint dem Kanton zu misstrauen. So verspreche dieser zwar, nur jeweils einen Deponietyp pro Region gleichzeitig zu betreiben. «Da die Deponien jedoch nicht fix einem Deponietyp zugeteilt sind, kann der Kanton praktisch durch die Hintertür mehr als eine Deponie pro Region offenhalten», schreibt der Gemeinderat.

Verärgert über schlechte Kommunikation

Der Gemeinderat sei zudem «sehr ungehalten» darüber, dass die Baudirektion die Gesamtschau Deponie «ohne vertiefte vorgängige Rücksprache mit den betroffenen Gemeinden veröffentlicht» habe.

«Im Sinne einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den kantonalen Stellen hätte der Gemeinderat erwartet, persönlich und frühzeitig über die Pläne informiert zu werden», schliesst der Gemeinderat seine Stellungnahme, die mit «Unverständlicher Entscheid in Sachen Deponieplanung» überschrieben ist.

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