Egger wollen nicht zum Epizentrum der Deponien werden
Widerstand formiert sich
Egg soll nun noch einen vierten Deponiestandort erhalten. Dagegen formiert sich Widerstand von Anwohnerseite und von der Gemeinde her.
Die Region eignet sich von ihrer Geologie her offensichtlich besonders gut für Deponien. Nirgendwo sonst im Kanton Zürich ist die Dichte an bestehenden, bereits fixierten und nun geplanten Deponien so hoch wie hier. Dies zeigt die neue Gesamtschau Deponien der Zürcher Baudirektion, die vor drei Wochen präsentiert worden ist.
Besonders im Dreieck Gossau-Egg-Oetwil soll viel gelocht und eingelagert werden. Oetwil und Gossau weisen drei Standorte auf. Nur Wädenswil ennet dem Zürichsee hat gleich viele Karteneinträge. Alleiniger Spitzenreiter aber ist die Gemeinde Egg. Diese ist gleich vierfach von den Planungen betroffen.
Schlechte Erfahrung mit früherer Deponie
Ein ehemaliger Klimatechniker wohnt unmittelbar neben dem Erzacher in der zu Egg gehörenden Siedlung Rohr. Quasi im Epizentrum der Deponien. Denn dort will die Baudirektion nun ebenfalls eine Lagerstelle. Nicht weit entfernt liegen die beiden schon im Richtplan verzeichneten Standorte Leerüti und Tägernauer Holz. Letzterer liegt zwar auf Gossauer und Grüninger Boden, ist aber nur 1100 Meter vom Wohnort des Mannes entfernt.
Der Anwohner ist Mieter einer Liegenschaft des Kantons. Dennoch findet er, was der Kanton vorhabe, «geht gar nicht». Er weiss bereits, was es heisst, in der Nähe von einer Deponie zu wohnen. Ennet der Forchautostrasse in der Leerüti, rund 200 Meter entfernt, war bis vor zehn Jahren bereits einmal eine solche in Betrieb – quasi der Vorläufer des Deponiestandorts gleichen Namens. Bei Westwind, und der herrsche dort fast immer, habe es jeweils «grausam aggressive Duftwolken» zu ihnen hinübergeweht.
Ein längerer Hügel
Und nun soll eine neue Deponie in einer Distanz von nur gut 100 Metern entstehen. Die heutige Senke würde aufgefüllt. Und mehr als das. Die durchschnittliche Schütthöhe soll bei acht Metern liegen. Was das heisst, steht im begleitenden Bericht zur Gesamtschau Deponien der Baudirektion: «Durch die neue Geländemodellierung wird die Geländeerhebung des Rohrbühls nach Nordosten weitergezogen und so der Hügel ausgedehnt.»
«Auf unserer Seite im Rohr will das wohl niemand», meint der Mann, der sich früher beruflich mit Raumklima befasst hat. Er fürchtet nicht nur möglichen Gestank, sondern noch mehr Verkehr und Verkehrslärm, als er heute schon von der nahen Forchautostrasse und der Verbindungsstrasse von Gossau nach Oetwil hat.
Von Deponien eingekreist
Ennet dieser Verbindungsstrecke zeigt man sich über die neuen Pläne des Kantons ebenfalls nicht erfreut. «Ich staune über die grosse Fläche», meint Simone Bodmer. Mit 19,9 Hektaren und einem potenziellen Volumen von 1'600'000 Kubikmetern würde sie kantonsweit zu den grossen gehören.
Bodmers haben mehrere Pferde und reiten mit ihnen in der Umgebung aus. «Wenn die Deponien alle realisiert werden, weiss ich gar nicht mehr, wohin», meint sie. Entsprechend hat sie auch schon gegen die Walddeponie im nahen Tägernauer Holz demonstriert. Was sie besonders beschäftigt, ist der Lastwagenverkehr, der dereinst rundum auch auf Feldstrassen rollen könnte.
Schon einmal ein Nein
Den Plänen für eine Deponie im Erzacher wenig abgewinnen kann ein pensionierter Landwirt, der trotz seinem Rentenalter noch immer sechs Hektaren Land bewirtschaftet. Vier davon liegen auf der Fläche, wo die Deponie zu liegen käme.
> > Ein Bauer aus Maur sieht wegen einer neuen Deponie seine Existenz bedroht.
Was es heisst, wenn eine Firma ein Auge auf potenzielles Deponiegebiet wirft, hat er vor zehn Jahren schon einmal erlebt. In der Standortstudie 2014 wurde die jetzige Fläche – und noch etwas mehr – als geeignet für eine Deponie des Typs A bezeichnet. Dort wird unverschmutzter Aushub von Baustellen abgelagert.
Ihm sei damals eine hohe Summe geboten worden, dennoch habe er davon nichts wissen wollen. Nicht nur hätte er mit einer acht Meter hohen Aufschüttung leben müssen, auch seine Liegenschaft wäre durch die Deponie entwertet worden, ist er überzeugt. Das Gleiche befürchtet er auch jetzt wieder.
Die meisten anderen Landbesitzer hätten damals einer Deponie zugestimmt. «Wegen meiner Weigerung wurde ich damals als Querulant bezeichnet», meint der Bauer. An den Fronten habe sich seither wohl wenig geändert, mutmasst er. Von den Landbesitzern würden sich nur zwei gegen eine Deponie stellen.
Er selbst habe mit dem Kanton ein gutes Einvernehmen und wolle sich deshalb im Juni detaillierter über das neue Vorhaben informieren lassen. Was er aber nicht versteht, ist der Umstand, dass für eine Renaturierung des nahen Aabachs bereits konkrete Pläne bestehen. Das widerspreche den Deponieplänen, führe der Bach doch mitten durchs Gelände – und müsste dann verlegt werden.
Kein Problem mit Bauschutt
Martin Herrmann gehören ebenfalls vier Hektaren Land, die für eine Deponie im Erzacher benötigt würden. Das meiste dieser Fläche werde heute beackert, ein kleinerer Teil sei Wiesland. Wie er sich zu den Deponieplänen stelle, wisse er noch nicht. Zuerst wolle er sich genauer informieren lassen.
Allerdings schiebt er nach, dass er für die Lagerung von Baustellenaushub, auch schwach belastetem, dort keine Probleme sehe. Schliesslich müsse der irgendwo deponiert werden können. «Aber zu allem kann ich auch nicht Ja und Amen sagen», sagt er. Und meint damit heiklere Abfälle der Kategorien C, D und E.
Angesichts einer nahen Grundwasserfassung und von Quellen müsse abgeklärt werden, ob sich dieser Standort überhaupt für solche Deponietypen eigne, hält die Baudirektion im Begleitbericht fest.
Gemeinderat will sich wehren
Die Gegner einer Deponie im Erzacher können auf jeden Fall mit der Schützenhilfe der Gemeinde Egg rechnen. «Diesen Plänen des Kantons ist mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten», hat sie vor einigen Tagen angekündigt.
Der Gemeinderat werde sich mit den Nachbargemeinden absprechen, sich auf politischem Weg Gehör verschaffen und «juristisch gegen die unsinnige Häufung von Deponien in der Region vorgehen».
Dass Egg ins Deponien-Fadenkreuz genommen werde, sei wohl nicht allein mit der Geologie zu begründen. «Der Verdacht liegt nahe, dass vor allem auch die gute verkehrstechnische Erschliessung eine grosse Rolle spielt», schreibt der Gemeinderat in einem Communiqué.
Egger Exekutive misstraut dem Kanton
Dabei trage Egg seit Jahren dazu bei, den gesamten Kanton in Sachen Deponieabfälle zu entlasten. Der Gemeinderat verweist dabei nicht nur auf die in Betrieb stehende Chrüzlen, sondern auch auf die alte Deponie der Chemischen Fabrik Uetikon im Chüetobel. Die Betriebsaufnahme der Deponie Leerüti sei «nur noch eine Frage der Zeit».
Auch bereits im Richtplan eingetragen ist die Deponie Büelholz in Waldnähe, «notabene neben einem Standort für geschützte Orchideen». Durch die nun neu geplante Deponie Erzacher sei wiederum mit einer langjährigen Betriebsdauer mit entsprechenden Folgen für Anwohner und Natur zu rechnen.
Die Egger Exekutive scheint dem Kanton zu misstrauen. So verspreche dieser zwar, nur jeweils einen Deponietyp pro Region gleichzeitig zu betreiben. «Da die Deponien jedoch nicht fix einem Deponietyp zugeteilt sind, kann der Kanton praktisch durch die Hintertür mehr als eine Deponie pro Region offenhalten», schreibt der Gemeinderat.
Verärgert über schlechte Kommunikation
Der Gemeinderat sei zudem «sehr ungehalten» darüber, dass die Baudirektion die Gesamtschau Deponie «ohne vertiefte vorgängige Rücksprache mit den betroffenen Gemeinden veröffentlicht» habe.
«Im Sinne einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den kantonalen Stellen hätte der Gemeinderat erwartet, persönlich und frühzeitig über die Pläne informiert zu werden», schliesst der Gemeinderat seine Stellungnahme, die mit «Unverständlicher Entscheid in Sachen Deponieplanung» überschrieben ist.