«Grosszügiges Geschenk, das einen respektvollen Umgang verdient»
Wie weiter mit dem Haus Rüegg?
Die Geschichte um das geerbte Grundstück an der Kemptnerstrasse 8 dauert schon mehrere Jahre und teilt die Bevölkerung von Hinwil in zwei Lager.
Die Hinwiler Ärztin Irène Rüegg-Marton hatte der Gemeinde Hinwil im Jahr 1999 ein 4470 Quadratmeter grosses Grundstück vermacht. In ihrem Testament hielt sie den Wunsch fest, das bestehende Haus an der Kemptnerstrasse 8 wenn möglich zu erhalten und als Altersheim zu verwenden. Die grosszügige Grünfläche wollte sie Anwohnenden und der Öffentlichkeit als Parkanlage zur Verfügung stellen.
Zweimal innerhalb von fünf Jahren machte der Hinwiler Gemeinderat den Vorstoss, das Land zu verkaufen: 2016 an einen Investor, der eine Überbauung mit Eigentumswohnungen plante. Im Jahr 2021 bekundete die Wohnbaugenossenschaft Bachtel (WBG Bachtel) ihr Interesse am Grundstück.
Letztere plante, in grösseren Überbauungen günstige Genossenschaftswohnungen anzubieten. Den Erlös aus dem Verkauf hätte der Gemeinderat der gemeinnützigen Stiftung Wohnen im Alter zukommen lassen, um dem Grundgedanken der Erblasserin nachzukommen.
Der erste Vorschlag gelangte gar nicht an die Urne. Dem Gemeinderat wurde vorgeworfen, nicht ausreichend zu kommunizieren, den Wunsch der Erblasserin nicht zu erfüllen und das Grundstück zu verschenken. Der Bezirksrat pfiff den Hinwiler Gemeinderat zurück: Er hiess einen Stimmrechtsrekurs gut und strich die anstehende Abstimmung. Den zweiten Vorschlag schmetterte das Stimmvolk dann deutlich ab.
Ursprünglicher Idee gerecht werden
Der pensionierte Architekt Michael Schneider teilt die Meinung der Mehrheit in der Bevölkerung: «Ein solch grosszügiges Geschenk verdient einen respektvollen Umgang. Wir sollten es im Sinne der Legatsgeberin weiterführen.»
Schneider selbst war mehrere Jahre in der Rechnungsprüfungskommission (RPK) tätig. «Ich war häufig der ‹Ungemütliche›, der gegen den Strom schwamm», sinniert er schmunzelnd. Er war auch bei der Gruppe von Opponenten aktiv, welche die beiden Abstimmungsvorlagen über den Verkauf der Liegenschaft bekämpften.
Aktuell wird das Haus an der Kemptnerstrasse 8 von Asylsuchenden bewohnt. Wie der Gemeinderat in der gemeindeeigenen Zeitschrift «Top Hiwil» kommunizierte, sollen die drei Wohnungen für die nächsten drei bis fünf Jahre zu diesem Zweck genutzt werden.
«Frau Rüegg hat ihr wunderbares Anwesen der Hinwiler Bevölkerung vermacht und keinesfalls dem Gemeinderat», sagt Michael Schneider. «Jetzt sind wir Einwohner gefordert, uns mit Ideen und Vorschlägen einzubringen, was mit dem Grundstück passieren soll.»
Einen solchen hat Schneider in seiner Schublade parat: «Ich habe ein Konzept erarbeitet, mit dem man die Schönheit dieses Anwesens erhalten und die Liegenschaft zweckgemäss nutzen könnte», verrät er.
Mittels sanfter Renovierungsarbeiten und dezenter Anbauten würde der ehemalige Architekt das Haus barrierefrei umbauen. «Es würden Ferienzimmer für betagte oder pflegebedürftige Menschen entstehen, Aufenthaltsräume und eine einfache Küche.»
In unmittelbarer Nähe zum alten Haus würde er einen dezenten Neubau platzieren. Dort würde er rund 20 altersgerechte, kleinere und günstige Wohnungen unterbringen.

Seine Idee ist, diese Wohnungen für altersdurchmischtes Wohnen anzubieten, «eine Art Grosseltern-Enkel-Projekt», erklärt er begeistert. In dieser Art «Wohngemeinschaft» könnte man Mietern kleine Pensen anbieten, mit denen sie sich bei der Betreuung der Ferienzimmer beteiligen könnten.
«Nicht mit zu grossem Löffel anrichten», so lautet die Devise von Michael Schneider. «Man sollte nur so viel bauen, dass mit den Einnahmen der Betrieb der Anlage finanziert werden kann», rät er. Entsprechend schlägt er vor, einen Stiftungsrat mit drei bis sieben Mitgliedern zu gründen. Diese würden notabene ehrenamtlich arbeiten.
Mit einem kleinen öffentlichen Café und einem Streichelzoo würde er den Park als Naherholungszone ausgestalten. Die teils über 100-jährigen Bäume würde er stehen lassen. «Aus diesem Grundstück könnte man eine Oase zaubern», schwärmt er. Einen Kontrast zu den seiner Meinung nach aktuell zu klotzig realisierten Überbauungen. Und mit dem naturnahen Anwesen könne man eine andere Seite von Hinwil zeigen.
Der Mann hinter der Vision
Michael Schneider lässt seinen Blick zum nahe gelegenen Waldrand schweifen. Der pensionierte Architekt wohnt seit 1947 in Hinwil. Sein von aussen schlicht anmutendes Terrassenhaus hat er in den Siebzigern selbst entworfen und geplant.
Der bald 80-Jährige hat in seiner Karriere schon viele denkmalgeschützte Häuser sanft renoviert, neben historischen Gebäuden in verschiedenen Schweizer Städten auch ein geschichtsträchtiges Bauwerk an der Hinwiler Walderstrasse. «Der Bau dieses Objekts ist auf das Jahr 1597 zurückzuführen», sagt er. «Man muss wissen, wie früher Häuser konstruiert wurden», erklärt er zur Voraussetzung für fachgerechte und schonende Renovationen.
Sein Konzept selbst umzusetzen, kommt für den Architekten im Ruhestand nur schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr infrage. Vielmehr möchte er sich als treibende Kraft engagieren, könnte sich vorstellen, im Stiftungsrat aktiv zu sein. Und die nötigen Kontakte zu vermitteln.
«In fünf Jahren wäre dieses Projekt ausführungsfertig», erklärt er, «genau der Zeithorizont, solange das Haus noch für die Unterbringung von Asylsuchenden zwischengenutzt wird.»
Michael Schneider appelliert an die Hinwiler Bevölkerung: «Dieses Geschenk ist es wert, dass wir ihm Sorge tragen. Deshalb sollten sich alle, vor allem die älteren Einwohner, Gedanken machen und Vorschläge einbringen.»
Gemeinde plant eine Umfrage
Die Gemeinde Hinwil möchte sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht über das Haus an der Kemptnerstrasse 8 äussern. «Für die erste Jahreshälfte ist eine Bevölkerungsumfrage zu diesem Thema geplant», erklärt die neue Gemeindeschreiberin Martina Buri, «die Bevölkerung wird sich mit Ideen einbringen können, was mit der Liegenschaft passieren soll.» Danach könne weiter informiert werden. In welcher Form diese Umfrage stattfinden solle, sei noch in Abklärung. Es gelte, bei der Umfrage auch die Zweckbindung des Legats zu beachten.
Die Pläne des pensionierten Architekten seien der Gemeinde bisher unbekannt. «Da wir diese inhaltlich nicht genau kennen, können wir uns nicht zur Machbarkeit äussern.» Martina Buri rät Michael Schneider, direkt auf den Gemeinderat zuzugehen.