Wird der Uster Märt zu Tode reguliert?
Forderung an Stadtrat
Ein Marktgefühl wollte am Uster Märt 2023 nicht wirklich aufkommen, das beklagen zumindest viele. Lag es am schlechten Wetter, oder hat sich die Stadt Uster mit neuen Regelungen verpokert?
Er lässt einfach nicht locker. Und kämpft. Für den Uster Märt. Um den er sich extrem sorgt: Daniel Schnyder. Für die SVP sitzt er im Ustermer Gemeinderat.
Nachdem er im Anschluss an die – aus Sicht von vielen – durchwachsene Durchführung des Uster Märt 2023 eine Anfrage an den Stadtrat eingereicht hatte, lässt dessen Antwort Schnyder weiterhin unzufrieden zurück. Er fordert, das Sicherheitskonzept zu überdenken und beim Nachhaltigkeitskonzept auf das Mass zu achten.
Darum gehts
Schnyder geht es vor allem um eines: Er will den «Märt-Charme» zurück in die Ustermer Innenstadt bringen. Der Gemeinderat sieht sich in dieser Angelegenheit als gewählter Volksvertreter in der Pflicht. «Ich habe viele kritische Rückmeldungen zum Uster Märt im letzten Jahr erhalten», sagt er. Der Uster Märt werde überreguliert.
Schon kurz nach der Veranstaltung reichte Schnyder eine Anfrage ein und forderte zu diversen Themen Antworten. So etwa zur Anzahl und Auswahl der Stände, zu den städtischen Aufwänden für den Uster Märt und zum Einfluss der städtischen Massnahmen auf den Märt in den letzten Jahren. Die Auskunft des Stadtrats, trotz der Länge von 16 Seiten, stellte ihn nicht ganz zufrieden, da der Stadtrat den Status quo aufzeige, jedoch nicht, wie der Fortbestand des Uster Märt gesichert werden könne.
Auswirkungen, an denen sich Schnyder ebenfalls stört und die ab 2025 den Markt tangieren könnten, hat ein Postulat der Grünen. Dieses hat die Nachhaltigkeit von Veranstaltungen zum Thema und wurde im Januar mit 19 zu 5 Stimmen vom Gemeinderat angenommen. Statt aus Plastikbechern soll frühestens ab 2025 aus Mehrwegbechern getrunken werden. Und auch die Abfallentsorgung soll neu überdacht und ökologischer werden.
Das fordert Schnyder
Bei der Nachhaltigkeit solle auf das Augenmass geachtet werden. «Wenn man das Postulat wortwörtlich umsetzt, wie es die Grünen wollen, dann kommt das nicht gut», meint Schnyder. Er spricht damit die Forderung des Postulats an, dass Mitarbeiter Bekleidung aus fairer Produktion tragen müssten. Mit all diesen Regulierungen werde der jetzt schon durch Regeln eingeschränkte Uster Märt noch mehr gebeutelt.

Die grüne Politik ist eine Spassbremspolitik.
Daniel Schnyder
Gemeinderat (SVP)
Der SVP-Gemeinderat verlangt auch, dass das neue Sicherheitskonzept überdacht wird. Dieses wurde 2022 eingeführt, doch erst 2023 zum ersten Mal konsequent angewendet. Dort, wo es Spielraum hat, sollen Anpassungen stattfinden. «Der Uster Märt muss eng sein, das ist ein Teil des Marktgefühls», findet er, «wenn man die ganze Zeit alle möglichen Sicherheitseventualitäten bespricht, dann kann man den Uster Märt gleich absagen.» Diese Anpassungen sollten jedoch in Absprache mit den Standbetreibern geschehen. Er würde es nicht verstehen, falls solche Entscheidungen über den Kopf der Betroffenen hinweg gemacht würden.
Auch das Mehrwegbechersystem stösst bei Schnyder auf kein offenes Ohr. «Das wird zu Mindereinnahmen bei den Standbetreibern führen», berichtet der Gemeinderat. Es sei zwar wichtig, dass man auf die Umwelt achte, aber auch hier gehe es ihm um das Augenmass. «Es ist entscheidend, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit und den damit verbundenen finanziellen und logistischen Herausforderungen», sagt er. Der Uster Märt mache bereits viel: «Zum Beispiel die grösseren Abfalleimer, welche regelmässig geleert werden.»
Für einen ökologischeren Uster Märt bringt der Gemeinderat eigene Ideen. «Man könnte die Abfalltrennung einer externen Firma abgeben, so, wie es bei der Street Parade läuft», berichtet Schnyder. Er findet aber, am Uster Märt solle vor allem der Spass im Vordergrund stehen – und «die grüne Politik ist eine Spassbremspolitik». Der Uster Märt dürfe nicht von zu vielen Regelungen heimgesucht werden.
Daniel Schnyders Vorgehen ist kein Alleingang, sondern geschieht im Einvernehmen mit seiner Fraktion. Doch nicht alle im Gemeinderat vertretenen Parteien sehen die Situation um dieses Ustermer Stelldichein so kritisch wie Schnyder.
Das sagen die Parteien
Sowohl die Grünen, die SP als auch die Grünliberalen sprechen nicht von einer Überregulierung, ihre Sicht auf das Sicherheitskonzept unterscheidet sich jedoch. Während man bei den Grünen keine Probleme beim derzeitigen Konzept sieht und die Angelegenheit lieber «den Fachleuten überlässt», wie Gemeinderätin Natalie Lengacher mitteilt, erwartet die SP eine Güterabwägung der Abteilung Sicherheit. «Die SP hofft auf Entscheide auch zugunsten der Marktbetreiber», teilt Marco Zarotti, Präsident der SP Uster, auf Anfrage mit.
Die Grünliberalen sehen im verstärkten Sicherheitskonzept eine Reaktion auf die stetig zunehmende Bedrohungslage. Sowohl die SP als auch die Grünen meinen, das schlechte Wetter sei schuld am fehlenden Marktgefühl 2023.

Paul Stopper, Gemeinderat der BPU, hat eine andere Perspektive auf die Angelegenheit. «Es scheint, dass der Uster Märt nur noch unter dem Aspekt Sicherheit betrachtet wird», meint er. Er glaubt, dass die Rettungsfahrzeuge auch mit zwei Standreihen in der Mitte der Zürichstrasse noch zu allfälligen Rettungseinsätzen fahren könnten. Auch die FDP und die Mitte sprechen von einer Überregulierung.
Zu den deutlichsten Worten greift aber die EVP. Für Gemeinderat Urs Lüscher ist klar: Die Gefahr einer Überregulierung bestehe, «wurden doch der Verwaltungsapparat und die Regularien in den letzten Jahren aufgebläht».
Beim Thema Nachhaltigkeit schliessen sich die Gräben zwischen den Ustermer Parteien wieder. Sowohl die Grünen, die Grünliberalen als auch die BPU, die EVP und die SP unterstützen das Postulat «Nachhaltige Veranstaltungen». Die einen mehr, die anderen weniger. Sowohl die FDP als auch die Mitte finden, das Postulat gehe zu weit. «Wir stehen der stadträtlichen Umsetzung des Postulats sehr kritisch gegenüber», sagt FDP-Präsident Joel Colle. Die FDP sieht in der Antwort des Stadtrats nur Verbote statt Anreize, ökologischer zu werden. Nachhaltigkeitsbestrebungen finden beide Parteien jedoch generell gut.
Die Grüne Partei steht klar dahinter und rechnet auch mit wenig Auflehnung bei den Standbetreibern. «Die Standbetreiber kennen das von anderen Städten», meint Gemeinderätin Natalie Lengacher. Die Grünliberalen merken zwar an, dass die neuen Nachhaltigkeitsregeln den Uster Märt stärker regulieren würden – aber nicht zum Schlechten. «Solche Veränderungen können aus liberaler Sicht auch als Chance gesehen werden», meint Massimo Bardelli, Präsident der GLP Uster.
Die SP nennt das H2U-Festival in Uster als Beispiel, dass nachhaltige Veranstaltungen in Uster funktionieren könnten. Parteipräsident Zarotti schlägt vor, dass Getränkeanbieter mit Mehrweggeschirr einen Bonus erhalten. «Es soll niemand vergrault, sondern ein Anreiz geschaffen werden, nachhaltiger zu sein», erklärt er. Auch die Reduktion des Abfallbergs empfindet die Partei als wichtig.
Zu einer unkonventionellen Idee greift BPU-Gemeinderat Paul Stopper. Er schlägt vor, der Stadtrat solle ein gemütliches Dorf- oder Stadtfest in Deutschland besuchen, um sich dort ein Bild der Glühweintassen aus Keramik und der echten Weingläser mit Depots zu machen. In diesem Sinne: Prost an den Stadtrat.
Bis zum Redaktionsschluss kam keine Mitteilung der EDU.
Das sagen die Standbetreiberinnen und Standbetreiber
Auch bei den Standbetreibern finden sich Pro- und Kontra-Stimmen. Markus Heinzer von der Bluelightbar meint: «Ich glaube nicht, dass wir überreguliert werden.» Schon jetzt betätigt sich der Betrieb beim Thema Nachhaltigkeit. «Wir trennen bereits unseren Abfall», erzählt Heinzer. Wie es mit der Einführung der Mehrwegbecher aussieht, weiss der Ustermer jedoch noch nicht. «Ich habe mir bereits Gedanken gemacht, wie das Handling mit den Mehrwegbechern funktionieren könnte, auf eine wirkliche Lösung bin ich aber bis jetzt noch nicht gekommen», erklärt Heinzer.
Das gleiche Problem sieht auch Sonja Leemann. Sie drückt es aber noch pragmatischer aus. «Die neuen Nachhaltigkeitsregeln finde ich eine Katastrophe», ruft die Standbesitzerin der Winiker Rösti Crew aus. Durch das Depot der Mehrwegbecher müsse jede Standbetreiberin und jeder Standbetreiber 50’000 Franken mehr im Sack haben, meint Leemann. Auch führe diese Neuerung zu Platz- und Transportproblemen. «Und am Ende muss ich in ein Büro rennen, um alle Becher wieder abzugeben», resümiert Leemann. Auch die höheren Kosten für Standbesitzer kritisiert sie.
Wenn das kommt, dann höre ich auf.
Sonja Leemann
Strandbetreiberin
Ein zusätzliches Manko sieht Leemann bei der Beschaffung der Becher. «Die Becher kommen aus Bern per Transporter, nicht mit dem Zug – ist das dann wirklich grüner?», fragt sie. Und kündigt an: «Wenn das kommt, dann höre ich auf.» Doch die Standbetreiberin sieht nicht nur Schlechtes in den neuen Regelungen. «Das Sicherheitskonzept finde ich gut», meint sie, «Sicherheit ist wichtig.»
Immerhin sind nicht alle Stimmen zu den Mehrwegbechern negativ. «Unbedingt muss man Mehrwegbecher und -tassen mit einer zentralisierten Lösung einführen», findet Rolf Heckendorn vom Stand Verein Bierabend mit Rolf. Die Abfalltrennung sei ebenfalls verbesserungswürdig. An Weihnachtsmärkten in Deutschland sei es schon völlig normal, dass man Mehrwegtassen habe, und dort funktioniere es auch.
Mit Mehrwegbechern kennt sich Heckendorn aus. Er ist OK-Mitglied beim H2U-Festival, welches schon von Anfang an auf solche setzte. Für den Uster Märt 2023 produzierte er selber wiederverwendbare Becher, und für 2024 wird er selber Mehrwegtassen bedrucken und gegen ein Depot abgeben. Bis jetzt herrsche am Uster Märt keine Überregulierung, findet er abschliessend.
Ob am Uster Märt dieses Jahr wieder Stimmung aufkommt, wird erst die Zukunft zeigen. Denn auf das Wetter hat der Ustermer Stadtrat keinen Einfluss. Ob der Märt überreguliert ist und die Mehrwegbecher kontraproduktiv für die Standbetreiber sind, das ist ein Thema, das wohl nicht zum letzten Mal durch den Stadtrat gegeistert ist.