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Ausbüxen rettete diesem Vater eines Fehraltorfers das Leben

Immer wieder entkam er den Nazis, und fand in der Schweiz erst im zweiten Anlauf zur Ruhe. Jetzt gibt sein Sohn Einblick ins Familienarchiv.

Ernster Blick: Der deutsche Georg Förderreuther flüchtete mehrfach vor den Nazis.

Foto: PD

Ausbüxen rettete diesem Vater eines Fehraltorfers das Leben

Deutsche Flucht vor Deutschen Soldaten

Ein Fehraltorfer öffnet sein Familienarchiv und gibt die Lebensgeschichte seines Vaters preis. Aus Internierungslagern entkam dieser dem sicheren Tod mehrmals nur knapp.

Wie Andres Förderreuther an seinem Esstisch in Fehraltorf beginnt zu erzählen, hat er stets ein Lächeln im Gesicht. Dabei geht es nicht nur um fröhliche, sondern eher schockierende Ereignisse. Fest steht: Der 74-Jährige verehrt seinen längst verstorbenen Vater Georg noch immer.

«Für die damaligen Zeiten bekam ich als Kind enorm viele Freiheiten, die meine Kameraden nicht hatten.» Dies verdanke er wohl nicht allein seinem Vater, sondern auch dessen Lebensgeschichte.

Dieser hatte ein Leben geführt, das niedergeschrieben gehört. Seine Frau tat dies noch im hohen Alter. Mit über 90 Jahren auf mehr als 20 Seiten Notizen, lange Zeit nach seinem Tod. Hier wird diese Geschichte nochmals aufgerollt. Sein Sohn, mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste, möchte nicht, dass sie in Vergessenheit gerät.

Früh übt sich

Bis 1932, also nur kurz vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, war Georg Förderreuther noch Teil der Deutschen Marine – wurde wegen eines Unfalls jedoch entlassen. Er hatte somit dem deutschen Staat gedient. Dieser würde ihn später als «Feind» einstufen.

1905 im bayrischen Schwabach in eine Bäckersfamilie hineingeboren, machten er und seine fünf Geschwister schon in der Kindheit die Erfahrung, wie hart das Leben sein kann. Von 1914 bis 1918 wurde der Vater, also der Grossvater von Andres Förderreuther, für den Ersten Weltkrieg mobilisiert.

Da die Mutter mit der Arbeit und den sechs Kindern allein nicht zurechtkam, wurden Georg und sein Bruder Hans zeitweise in ein Kinderheim abgeschoben. Und dort lernte Georg Förderreuther etwas, was ihm in späteren, noch viel härteren Zeiten, von Nutzen sein würde: ausbüxen. Dazu wuchs in ihm eine gehörige Portion Misstrauen gegenüber staatlichen Autoritäten an.

Wie alles begann

Bei Kriegsende, mit gerade einmal 13 Jahren, stieg Georg Förderreuther in die Berufswelt ein. Er absolvierte eine Lehre als Kaminfeger, doch war er im kriegsgeschädigten Land öfters arbeitslos. Er schlug sich mal als Kellner durch oder erledigte Haus- und Putzarbeiten für ältere Menschen. Seine Schwester Gretel arbeitete als Hausangestellte, wurde von ihrer Arbeitgeberin jedoch mit Tuberkulose angesteckt und starb kurz darauf an der Krankheit.

Spätestens zu Beginn der Dreissigerjahre sei für den noch jungen Marinesoldaten klar gewesen, dass er das von Hitlers Schergen immer stärker dominierte Deutschland verlassen müsse. Er landete über Umwege in Lörrach, nahe der Schweizer Grenze, wo er sich als Kaminfeger-Geselle durchschlug. «Dort waren Schweizer Zeitungen bereits strengstens verboten», erzählt sein Sohn.

Sein Vater verteilte in Lörrach mit einer kleinen Widerstandsgruppe die «Basler Nachrichten». Transportiert wurden sie dabei von einem kriegsversehrten Kollegen mit einem amputierten Bein. «Er profitierte bei Grenzkontrollen in seinem Behindertenfahrzeug wohl vom Mitleid anderer.» Doch das ging nicht lange gut.

Die Nazis zogen die Leine immer enger,

Andres Förderreuther

Förderreuther wurde 1933 in Lörrach aufgegriffen und landete für zwei Jahre im Zuchthaus Oranienburg, dem späteren KZ Oranienburg. Nach drei Jahren entlassen, kehrte er in sein Heimatdorf Schwabach zurück, wo er von der Polizei aber regelmässig kontrolliert wurde und als «politisch unzuverlässig» galt.

«Die Nazis zogen die Leine immer enger», sagt Andres Förderreuther. Eines Tages sei der Dorfpolizist in die Bäckerei der Grosseltern gekommen und habe darüber geklagt, wie er seinen Beruf mittlerweile verachte und meinte, er müsse schon wieder einen jungen Mann zum Transport nach Dachau bringen.

Gemeint war Georg Förderreuther. «Ob bewusst oder nicht, er hat unsere Familie gewarnt.» Noch in derselben Nacht sei sein Vater in Richtung Schweizer Grenze geflohen. Er gelangte über Stühlingen in Baden-Württemberg nach Schaffhausen.

Eine Karte.
In etwa so sah die erste Fluchtroute von Georg Förderreuther aus. Sein Sohn Andres Förderreuther hat sie nachgezeichnet.

Dort erinnerte er sich, in den Zeitungen von einem Sozialdemokraten namens Walther Bringolf gelesen zu haben. Dieser setzte sich für Flüchtlinge aus Deutschland ein und bevorzugte es, sie in die Region von Genf weiterzuleiten, da er die Kantone Zürich und Schaffhausen als zu unsicher einstufte.

Den Kontakt geknüpft, eine gewisse Zeit als Illegaler in der Schweiz und ein paar Formalitäten später, ging es für den gezwungenen Reisenden im April 1939 von Genf aus direkt weiter nach Frankreich. Auf einem Bauernhof in der Nähe von Lyon konnte er auf einer Obstplantage arbeiten, auf der Aprikosen gezüchtet wurden. Ein erträgliches Leben, das nur von kurzer Dauer sein sollte.

Kaum in Frankreich, kommen die Nazis

Förderreuter Senior war noch nicht lange auf dem Bauernhof, schon marschierte 1940 die deutsche Wehrmacht in Frankreich ein. Und «gründlich» wie die Nazis waren, wurde Förderreuther durch die französische Militärpolizei verhaftet. Als politisch «Unzuverlässiger», wurde der «Staatsfeind» mit anderen Häftlingen in ein umfunktioniertes Fussballstadion interniert.

Kurze Zeit später folgte der Transport in ein Straflager. Ein Wachmann setzte sich mit ihm Hand an Hand gekettet in einen stark beheizten Zug. Wohl wegen der Wärme schlief jener ein, und Förderreuther bat eine Dame, die im Zug unweit von ihm sass, ihm ihre Haarnadel zu leihen.

Mit dieser öffnete er die Handschellen und fixierte den Wachmann an der Sitzbank. Förderreuther sprang aus dem Zug, und verletzte sich am Knöchel. So war er nur langsam unterwegs, weshalb ihn eine Wachmannschaft mit Hunden erneut aufspürte.

Zu Fuss oder als blinder Passagier

Wieder in ein Übergangslager irgendwo in Frankreich gesteckt, gelang dem Überlebenskünstler noch einmal eine Flucht, die allerdings weniger genau dokumentiert ist. «Er bewegte sich mehrheitlich ohne Ticket in Güterzügen oder zu Fuss in Richtung Schweiz», erzählt sein Sohn am Küchentisch mit nachdenklichem Blick.

Er hätte den Fehler gemacht, sich an der Schweizer Grenze bei den Zollbeamten zu melden. Die hätten nur seine Entlausung und Desinfektion veranlasst, ihm neue Kleidung gegeben und ihn für zwei Tage verpflegt.

Eine Karte.
Eine weitere Odyssee des Manns, der es immer wieder schaffte, irgendwie aus den Internierungslagern zu fliehen.

Dann wurde er wieder an die französischen Behörden übergeben. Diese seien jedoch erneut unaufmerksam gewesen, weshalb dem Vater die Flucht bis nach Spanien ins Regime von Diktator Franco gelang. Aber auch dort landete er für 18 Monate in einem Straflager bei Miranda da Ebro, weil er sich in der Not den gesuchten Brigaden aus dem verlorenen Bürgerkrieg angeschlossen hatte.

Durch das Lager floss ein Kanal, in dem Ratten schwammen. Diese hätte er an manchen Tagen sogar gegessen. Dann stellte er fest, dass die Tiere grosse Löcher in die Böschung gegraben hatten. In einem solchen Loch versteckte sich der Häftling.

«Eines Nachts schwamm und kroch er irgendwie durch diesen Kanal hinaus in die Freiheit», sagt sein Sohn staunend. So sicherte der Vater abermals sein Überleben. Noch kurze Zeit vorher musste er in Achtungsstellung mitansehen, wie Mitgefangene zu Tode gepeitscht wurden.

Ohne richtiges Schuhwerk oder gute Kleidung flüchtete er im Februar 1941 zurück nach Frankreich – über die Pyrenäen. «Im Gebirge orientierte er sich angeblich an Wolfsrudeln und wusste so, dass, wenn die Raubtiergruppe einen schnellen Abgang machte, Menschen in der Nähe sind.»

Ein altes Dokument.
Dieses Dokument belegt die Internierung im «Camp de Gurs», wo Förderreuther seine entscheidenste Flucht gelang.

Auch nach dieser Flucht erhielt er schliesslich bei einem freundlichen Bauern bei Lourdes Nahrung und etwas Wärme. Doch wieder lohnte sich der enorme Aufwand nicht. Wieder aufgegriffen, folgte die Internierung nach Gurs in eines der Todescamps im damals von Deutschland besetzten Frankreich. Im Lager erschoss man wahllos Gefangene als «Kompensation» für die vom französischen Widerstand getöteten deutschen Soldaten.

Dank dem «Engel von Gurs»

Vor diesen Gräueltaten sollte Georg Förderreuther verschont bleiben. Auch wenn er dem Tod letzlich nur knapp von der Schippe sprang. Zu verdanken hatte sein Leben diesmal einer bekannten jüdischen Krankenschwester namens Johanna Geissmar.

Im selben Lager interniert, versuchte sie die Leiden ihrer Mitgefangenen zu lindern, wo es nur ging. Geissmar selbst wurde allerdings noch vor Kriegsende nach Auschwitz deportiert und ermordet – sie ging als «Engel von Gurs» in die Geschichte ein.

«Hätte sie ihn nicht über ein anstehendes Konzert im Ort informiert, wo sich das meiste Wachpersonal versammeln würde und sich so vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht bieten würde – ich wäre wohl nie geboren worden», sagt Förderreuther Junior, während er sich an seiner Stirn kratzt.

Und tatsächlich gab es an jenem Abend keine aufmerksamen Wachposten in der Nähe. Förderreuther gelang die Flucht über einen Stacheldrahtverhau, an dem er Haut- und Stofffetzen hinterliess. «Die Narben, die er davontrug, sah man noch sein ganzes Leben.»

Doch die Schmerzen und Narben zahlten sich aus. Es sollte Förderreuthers letzte Flucht sein. Denn er wurde nicht eingeholt und fand in der nahe gelegenen Stadt Agen an einer Adresse Unterschlupf, die ihm ein Mithäftling empfohlen hatte.

«Bei seiner letzten Flucht kam er irgendwie in den Besitz eines Handwerker-Tenüs, mit dem er an Bahnhöfen vortäuschen konnte, dass er arbeiten würde.» Auch ein Schraubenschlüssel, den er gerne herumschwang, sollte ihm dabei helfen. Schliesslich gelang er im April 1941 in Güterzügen bis nach Genf zurück – wieder in die Schweiz, die dieses Mal ihre schützende Hand über ihn hielt.

Endlich keine Gefahren mehr

Nun war nicht nur seine Flucht gelungen und das Kriegsende schon näher, als er es sich hätte vorstellen können: Er fand auch einen Ort, wo er sich aufgehoben fühlte und seine künftige Frau Verena kennenlernte – bei einer Naturfreundegruppe von Moutier im Berner Jura.

Später zogen sie weiter nach La Chaux-de-Fonds und landeten schliesslich am anderen Ende der Schweiz, in Kloten, wo ihr Sohn Andres das Licht der Welt erblicken sollte.

Entspannung am Greifensee

«Als Kind nahm mich der Vater gerne an den Greifensee mit, wo wir mit einem Gummiboot am Campingplatz in Fällanden in den See stachen», erinnert sich sein Sohn noch heute gerne zurück.

Sein Vater sei trotz seines langen Kampfs ums Überleben ein sehr entspannter Mensch gewesen. Er habe wohl auch wegen des Glücks, das ihm das Schicksal zuvor in den unglücklichsten Lagen schenkte, stets fröhlich auf das Leben geblickt. Er arbeitete dankbar als Kaminfeger und zeitweise als Dachdecker. Im Jahr 1965 verstarb er relativ früh – mit nur 60 Jahren. «Für ihn war jeder Tag nach dem Krieg ein Geschenk.»

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