«Eine zu hohe Sicherheitspräsenz kann verunsichernd wirken»
Verlagsbeilage «Mobilität»
Der öffentliche Verkehr ist für viele Menschen ein fester Bestandteil ihres Alltags. Der Sicherheitsdienst der SBB sorgt dafür, dass sich die Reisenden an den Bahnhöfen und in den Zügen sicher fühlen. Michael Perler, Leiter Security & Transportpolizei SBB, spricht über die Aufgaben, Herausforderungen und darüber, welche zusätzlichen Präventionsmassnahmen eingesetzt werden.
Dieser Beitrag wurde in der Verlagsbeilage «Mobilität» veröffentlicht, die am 20. März 2024 mit dem «Zürcher Oberländer» und dem «Anzeiger von Uster» erschienen ist.
Viele kennen vermutlich das mulmige Gefühl, wenn sie spätabends – im Winter auch schon nach Feierabend – im Dunkeln an einem Bahnhof stehen und nach Hause wollen. Damit dieses Gefühl so selten wie möglich aufkommt, gibt es die Transportpolizei und die Transsicura der SBB. Erkennbar durch die gelben Westen mit dem Aufdruck «Police» für die Transportpolizei oder «Sicherheit» für die Transsicura sind sie an den Bahnhöfen oder in den Zügen anzutreffen. Sie sind im Auftrag der SBB unterwegs.
Verantwortlich für den Bereich Transportpolizei bei den SBB ist Michael Perler. Er ist seit Herbst 2019 Kommandant der Transportpolizei und Leiter Security: «Unser Hauptauftrag ist das Vermitteln von subjektiver Sicherheit – und wenn wir etwas sehen, zu intervenieren.» Dafür fahren sie auf den verschiedenen Linien mit, schauen sich in den Zügen um und steigen an Bahnhöfen aus und wieder ein. Wenn ein Fahrgast ein Problem habe oder sich aus irgendwelchen Gründen unsicher oder gestört fühle, könne er jederzeit auf die Transportpolizei oder die Transsicura zugehen, erklärt Perler.
Höheres Sicherheitsgefühl an Bahnhöfen
Um sich bei diesem abstrakten, weil sehr subjektiven Thema Sicherheit einen konkreteren Eindruck anhand der Stimmen der Bevölkerung machen zu können, führen die SBB regelmässige Kundenbefragungen durch.
Bei der letzten Befragung habe man von 100 möglichen Punkten 88 erhalten, so Perler. Dieser Wert werde immer verglichen mit der Frage, wie sicher sich Passantinnen und Passanten im restlichen öffentlichen Raum fühlen. Jener Wert liege aktuell bei 80 Punkten. «Mit diesem Ergebnis sind wir zufrieden.» Er zieht aus diesen Zahlen den Schluss, dass die Leute sich grundsätzlich sicher in der Bahnumwelt fühlen, auch wenn das Sicherheitsgefühl je nach Tageszeit und Ort schwankt.
Eine zu hohe, unkoordinierte Präsenz kann auch falsche Signale senden
Gerade zu Stosszeiten kann es an grossen Bahnhöfen mit vielen Menschen auf engem Raum oder auch in Zügen unangenehm eng werden und das eigene Sicherheitsgefühl sinken. Perler: «Ein Bahnhof ist nicht nur ein Ort, an dem man reist, sondern auch ein Ort, an dem man sich verabredet und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen.»

Um trotzdem stets den Überblick zu behalten und für den Ernstfall gewappnet zu sein, kann die Anzahl der Sicherheitskräfte punktuell erhöht werden. «Bei der Präsenz an Bahnhöfen müssen wir immer auch die Verhältnismässigkeit im Auge behalten. Eine zu hohe Präsenz kann Leute auch verunsichern», erläutert er.
Doch nicht nur die Anzahl der Sicherheitskräfte an einem Ort ist ein wichtiger Faktor für das Sicherheitsgefühl der Pendler. Auch die Umgangsart der Mitarbeitenden mit diesen vor Ort sei wichtig, weiss Perler. Weil man neben den Zugfahrten auch oft an den verschiedenen Bahnhöfen stehe und von Passanten angesprochen werde, sei es essenziell, gerne mit Menschen ins Gespräch zu kommen und helfen zu wollen. «Eine wichtige Voraussetzung, um in diesem Bereich arbeiten zu können, sind die Kommunikation mit den Menschen und der Kontakt zu ihnen. Wer das nicht mag, ist in diesem Beruf falsch.»
Polizeiausbildung mit spezifischer Schulung
Im Gegensatz zu den Mitarbeitenden der Kantonspolizei seien die Transportpolizistinnen und -polizisten mehr draussen unterwegs als im Büro, sagt Perler. «Wir wollen, dass uns die Menschen sehen und wahrnehmen. Unsere Präsenz am Bahnhof und im Bahnhofumfeld soll den Pendlerinnen und Pendlern Sicherheit vermitteln, und sie sollen wissen, dass wir jederzeit für sie da sind, wenn sie Fragen oder Probleme haben.»

Was die Ausbildung betrifft, so müssen die Mitarbeitenden der SBB-Transportpolizei die Polizeischule absolvieren. Zusätzlich kommen spezifische Ausbildungsbereiche dazu. Perler erläutert: «Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Transportpolizei werden für ihre Arbeit im Bahnumfeld spezifisch zu den Themen Stromleitungen und beengte Räume geschult, damit sie wissen, wie sie sich dort verhalten müssen.»
Projekt «Railfair»: Einsatz von freiwilligen Bahnhofpaten und -patinnen für besseres Sicherheitsgefühl
Neben der Transportpolizei und der Transsicura gibt es seit 2003 auch sogenannte Bahnhofpatinnen und -paten, welche im Zusammenhang mit dem SBB-Präventionsprogramm «Railfair» und unter dem Motto «Hinsehen statt wegschauen» ebenfalls für mehr Sicherheit an Bahnhöfen sorgen.

Dafür setzen sich insgesamt 230 Freiwillige an 17 kleineren bis mittleren Bahnhöfen für die Sicherheit an den jeweiligen Standorten ein. Die freiwilligen Helfer seien ein wichtiger Bestandteil für ein besseres Sicherheitsempfinden der Pendler, sagt Perler. «Je nach Bedarf und Situation wird geprüft, was sinnvoll ist.»
Verhaltensweisen bei Auffälligkeiten
Trotz allem kann es auch mal vorkommen, dass man als unbeteiligter Aussenstehender eine heikle Situation am Bahnhof oder in einem Zug beobachtet und gerade dann kein Sicherheitspersonal in der Nähe ist. Wer helfen wolle, müsse dafür nicht immer direkt dazwischengehen, sagt Perler.

«Zivilcourage bedeutet nicht, dass man immer eingreifen muss. Auch das Melden von Vorfällen fällt bereits unter Zivilcourage.» Wer etwas im Zug sieht oder selbst betroffen ist, sollte als Erstes die Nummer der SBB-Transportpolizei (0800 117 117) wählen und den Vorfall melden. Anhand der Beschreibung schätze diese dann ab, ob sie selber vor Ort kommen oder ob die Kantonspolizei dazugeholt werden müsse, erklärt Perler.
Präventionsarbeit in Schulen und «Schulzügen»
Nicht nur Erwachsene pendeln täglich mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit. Auch viele Kinder und Jugendliche müssen täglich mit dem Zug zur Schule oder zu ihrem Ausbildungsplatz fahren. Daher ist es essenziell, dass auch sie wissen, wie man sich im Zug und an einem Bahnhof verhält.
Es gibt den Schul- und Erlebniszug, den man als Klasse buchen kann. Dort erarbeiten die Schülerinnen und Schüler zusammen mit einem pädagogisch ausgebildeten Moderatorenteam Inhalte rund um die Themen Sicherheit, nachhaltige Energienutzung, Mobilität und Berufswahl. «Um den Kindern das Zugfahren und alles, was dazugehört, näherzubringen, gehen wir ergänzend punktuell in Schulklassen und sprechen dort über die Gefahren rund um den Bahnverkehr», sagt Perler.

Um dem Thema Sicherheit gerecht zu werden, stellen sich die SBB breit auf. Sei es mit der Transportpolizei, dem Sicherheitsdienst Transsicura, dem Programm «Railfair», bei dem sie auf Freiwillige setzen, oder der Prävention bei Kindern und Jugendlichen.
Trotz allen Massnahmen können einzelne Zwischenfälle nie ganz ausgeschlossen werden. Deswegen bleibt auch die Zivilcourage der Mitmenschen ein wichtiger Teilfaktor der Sicherheit in diesen Räumen – ganz nach dem «Railfair»-Motto: «Hinsehen statt wegschauen».