Verkehrschaos: Aussprache zwischen Juckerhof und Anwohnern
Genug ist genug
Seegräben hat ein Problem: zu viel Verkehr. Eine Petition wurde gestartet, über 150 Unterschriften kamen zusammen. Unabhängig davon trafen sich Anwohner auf dem Juckerhof, um mit dem Chef über ihre Sorgen zu sprechen.
Der Juckerhof ist ein beliebtes Ausflugsziel im Oberland. Vor allem mit seiner Kürbisausstellung zieht der Seegräbner Erlebnishof unzählige Touristen aus der Region, aber auch aus benachbarten Kantonen an. An guten Tagen hat der «Jucker» zwischen 10’000 und 15’000 Besucher – die Gemeinde selber hat, gemäss den neusten Bevölkerungszahlen des Kantons, nur 1457 Einwohner.
Diese Besuchermassen lösen in Seegräben, während der Hochsaison, regelmässig ein Verkehrschaos aus. Es wurde zwar mit einer Busverbindung zwischen Uster und Seegräben und der zeitweisen «Phase rot», während der nur Anwohner durch das Dorf fahren können, reagiert.
Phase Rot
Seit mehreren Jahren gilt in Seegräben ein System mit dem Namen «Phase Rot». «Die Phase Rot ist ein Verkehrskonzept, welches an hochfrequentierten Sonntagen im Herbst in Kraft tritt», wird dieses auf der Webseite des Juckerhofs beschrieben. Die Ausrufung geschieht in Absprache zwischen dem «Jucker», dem Polizeivorstand und den beteiligten Einsatzkräften.
Während dieser Zeit dürfen nur noch Anwohner in das Dorf fahren. Für das erhalten sie extra eine spezielle Vignette, um sich als Einwohner auszuzeichnen und sie für die Durchfahrt zu ihren Liegenschaften berechtigt.
In der Theorie scheint das eine gute Lösung. «Phase Rot funktioniert recht gut», meint auch Martin Jucker, Mitgründer der Juckerfarm AG. Doch bei einigen Seegräbnerinnen und Seegräbner hält sich die Begeisterung in Grenzen.
«Es ist mühsam, wenn man Gäste einladen will und ihnen jedes Mal ein Bild der Vignette mit dem Datum schicken muss», berichtet eine Seegräbnerin. Spontane Besuche seien so schwierig. Auch der Dorfladen in Seegräben leide unter dem ausbleibenden Durchgangsverkehr.
Mit der Phase Rot entstehe auch ein neues Verkehrsproblem in Seegräben, erzählt eine Teilnehmerin des Austauschabends. Auf den Strassen, welche ins Dorf führen, kommt es immer wieder zum Stau. Der Grund dafür sind auswärtige Fahrzeuge, welche nicht mehr ins Dorf gelassen werden. So passiert es, dass man auch mit Vignette warten muss. (heg)
Doch der Touristenrummel blieb bestehen. «Genug ist genug», fanden vier Seegräbner. Unter diesem Namen starteten sie eine Unterschriftensammlung mit dem Ziel, die Verkehrsprobleme und die Besucherströme vor ihrer Haustür einzudämmen.
Über 150 Unterschriften konnten sie für ihre Petition sammeln. Diese hat die Gemeinde entgegengenommen.
Unabhängig davon trafen sich derweil vor Kurzem der Juckerhof und die Anwohner von Seegräben zu einer Aussprache – ein Gefäss, das der Erlebnishof jährlich durchführt, um Probleme und Lösungen zu besprechen.
Moderiert wird der Abend von Martin Jucker. Der Mitgründer der Juckerfarm AG steht vor 60 bis 70 Seegräbnerinnen und Seegräbner. Die Stimmung in der Panoramastube auf dem Juckerhof ist zivilisiert und dörflich. Jucker spricht die Anwesenden mit Vornamen an. Man kennt sich. «Also, wenn ich das richtig sehe, haben wir zwei Hauptprobleme in Seegräben», meldet sich ein Anwohner zu Wort, «den motorisierten Verkehr und den Personenverkehr.» Ein zustimmendes Murmeln geht durch die Menge.
Das ist das Hauptthema an diesem Abend: Wie kann man den Verkehr mässigen und das grosse Stauproblem lösen? Es gibt verschiedene Vorschläge von beiden Seiten. Der Juckerhof schlägt vor, den Eintritt in den Hof zu begrenzen und nur Gäste mit einem Ticket hineinzulassen. Für Anwohner der Gemeinde würde es einen freien Durchlauf geben. Doch die Aussicht, sich als Anwohner kennzeichnen zu müssen, stösst ebenfalls auf Kritik. «Als langjährige Anwohnerin würde es mich nerven, mich auszuweisen», meldet sich eine Dame zu Wort.
Weniger Kundschaft
«Es ist das Ziel, dass uns weniger Gäste besuchen», erklärt Jucker. Auf das können sich die beiden Parteien einigen. Doch der Weg dorthin scheint unklar. Es kommen viele Ideen auf den Tisch, wie man den Besucheransturm beim Juckerhof bremsen kann. Jeder dieser Beiträge wird unverblümt auf grosse Plakate aufgeschrieben.
Am Ende des Abends liegen fünf voll geschriebene Blätter vor dem Co-Geschäftsführer. «Das ist jetzt unsere To-do-Liste», sagt Reto Benker, Hofleiter des Juckerhofs, mit Blick auf die Plakate.





Doch viele Ideen brauchen die Zustimmung der Gemeinde – und diese fehlt an diesem Abend. Bereits vor dem Anlass begründete Gemeindeschreiber Marc Thalmann am Telefon die Abwesenheit der Gemeinde: «Das ist schon seit deren Einführung als Austauschplattform zwischen dem Juckerhof und den Anwohnern gedacht.»
«Die Plakate mit Ihren Ideen und Vorschlägen werden wir der Gemeinde weiterleiten», versichert derweil Jucker. Auch sonst stehe man viel mit der Gemeinde im Austausch. Aus der Sicht des Juckerhofs wäre die Gemeinde auch sehr willkommen an einer weiteren Aussprache zwischen allen beteiligten Parteien, mit Hof und Anwohnenden. «Die Gemeinde darf immer kommen», sagt Martin Jucker.
Gemischte Gefühle
Blickt man in die Gesichter der anwesenden Seegräbnerinnen und Seegräbner nach dem Dialog, lässt sich ihre Gefühlslage nur schwer deuten. Die Meinungen über den Anlass gehen auseinander. Einige sind froh, dass sie die Probleme ansprechen konnten und hoffen nun auf eine Veränderung, während andere finden, «der Massentourismus ist ein nicht lösbares Problem».
Klar ist, dass bei den Anwohnern ein grosser Unmut über die derzeitige Situation in Seegräben herrscht. Eine Frau lobt die Dialogbereitschaft des Juckerhofs. «Diese vermisse ich seitens der Gemeinde», erzählt sie.
Neben den bekannten Interessengruppen Anwohner und Hof, kommen für die Gemeinde noch «die Kantonspolizei, das örtliche Gewerbe und die Nachbargemeinden» dazu. «Aufgrund dieser Komplexität führen wir derzeit bilaterale Gespräche mit allen Beteiligten», erklärt Marc Thalmann. Der Einbezug der Bevölkerung werde durch den Austausch mit den Petenten sichergestellt. Zu gegebener Zeit wolle man informieren.
«Die lautesten Stimmen, jene, die am meisten schimpfen, blieben heute fern», bilanziert Martin Jucker den Austauschabend, ein Abend, den er ansonsten als «konstruktiv» bezeichnet. «Es war gut zu hören, was Sache ist», meint er.
Neues Gespräch im Sommer
Nun werden die Ideen geprüft. Ende Sommer lädt der «Jucker» zu einem erneuten Treffen auf dem Hof ein. Dort wird informiert, welche Massnahmen im Herbst ergriffen werden, um während der Kürbisausstellung die Besucherströme im Griff zu halten.
Aber welche Möglichkeiten wirklich ergriffen werden können, hängt von verschiedenen Faktoren ab. «Ob wirklich etwas passiert, das steht in den Sternen», fasst eine der Anwesenden den Abend aus ihrer Sicht zusammen.