Ein Muslim und ein Jude räumen gemeinsam mit Vorurteilen auf
Ein Kampf gegen Windmühlen?
Sie tun es seit zwölf Jahren, und doch ist ihre Aufgabe nie zu Ende. Ein Jude und ein Muslim fördern den Dialog zwischen zwei Religionsgruppen. Diese Woche sind sie in Pfäffikon zu Besuch.
«Seit dem Krieg im Nahen Osten ist der Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Menschen umso wichtiger», sagen Ramazan Özgü (38) und Ron Halbright (67) einstimmig. Ersterer ist Muslim, Letzterer Jude. Seit zwölf Jahren setzen sich die beiden für den interreligiösen Dialog in der Schweiz ein, indem sie Workshops veranstalten. Zudem verbindet sie mittlerweile eine innige Freundschaft.
Gemeinsam besuchen Ramazan Özgü und Ron Halbright vom National Coalition Building Institute (NCBI) regelmässig Schulklassen oder Veranstaltungen in Kirchgemeinden. Am 1. Februar sind sie beim Interkulturellen Forum Pfäffikon (IFP) zu Gast, das zugleich eine Ausstellung zum Dialog zwischen den Religionen zeigt.
In ihren vierstündigen Workshops versuchen sie, Vorurteile gegenüber Muslimen und Juden abzubauen. Im Interview erzählen sie über ihre Beweggründe.
Herr Halbright und Herr Özgü, Sie sind beide Konflikt- und Religionsexperten. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ron Halbright: Wir haben 2012 gemeinsam am Projekt «Respect» vom National Coalition Building Institute (NCBI) teilgenommen. Damals suchte ich als Gründer des NCBI Leute, die sich gemeinsam für eine gute Sache engagieren wollen.
Das NCBI Schweiz (National Coalition Building Institute oder auch Brückenbauer-Institut) ist ein konfessionell und parteipolitisch neutraler Verein. Das NCBI setzt sich ein für den Abbau von Vorurteilen, von Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art sowie für Gewaltprävention und konstruktive Konfliktlösung. Details unter www.ncbi.ch.
Was machen Sie beide hauptberuflich?
Ramazan Özgü: Ich bin Jurist und an der Universität Zürich als wissenschaftlicher Assistent an der juristischen Fakultät tätig. Ich habe aber auch einen Master in Dialogstudien absolviert.
Halbright: Ich bin ausgebildeter Pädagoge und Ethnologe.
Wessen Idee war es, schon vor über einem Jahrzehnt interreligiöse Workshops zu veranstalten?
Halbright: Unser Vorstandspräsident hatte damals die Idee, ein Programm gegen Juden- und Muslimfeindlichkeit auf die Beine zu stellen. Allerdings wollten wir damit nicht allgemeine Ressentiments der Mehrheit gegenüber Minderheiten behandeln, sondern unseren Fokus auf das Problem der Vorurteile von Minderheiten gegenüber Minderheiten richten.
Gab es dafür so etwas wie einen Auslöser?
Halbright: Schon zu Zeiten des 11. Septembers habe ich aus gewissen Kreisen die Verschwörungstheorie vernommen, dass eigentlich die Juden hinter dem Anschlag auf das World Trade Center steckten. Ich bemerkte schon damals, wie schnell sich Ressentiments bilden.
Özgü: Als Muslim kann ich das bestätigen. Wobei schreckliche Ereignisse die Ressentiments nur verstärken. Vorhanden sind sie gefühlt seit ewigen Zeiten. Und genau da entdecken wir das Potenzial von Dialogen zwischen den Minderheiten. Wenn man in die Geschichte der Juden in der Schweiz blickt, so ist es beispielsweise bemerkenswert, wie viele schwierige Zeiten sie schon gemeistert haben. Und Juden leben ja bereits seit Jahrhunderten in der Schweiz, wobei die Muslime erst zu Mitte und Ende des letzten Jahrhunderts zugewandert sind. Der Antisemitismus ist also viel älter.
Halbright: Hier möchte ich konkret ergänzen: Als Kind wurde mir nämlich schon beigebracht, dass Araber für uns Juden gefährlich wären. Auch die Geschichte Israels ist seit je von Misstrauen und Konflikten begleitet, da schon in Gründungszeiten des Lands rundum Krieg herrschte. Heute lebt Israel zumindest mit muslimisch geprägten Ländern wie Jordanien oder Ägypten in Frieden.
Zur Gegenwart: Nach dem Hamas-Angriff auf Israel zeigte sich an Demonstrationen auch hierzulande eine gegenseitige Abneigung. Ist diese neu, oder brodelte sie nur unter der Oberfläche?
Özgü: Letzteres ist, denke ich, der Fall. Allerdings war die Problematik 2012, als wir unsere Arbeit starteten, noch nicht so gross. Im Nahen Osten gab es in der Vergangenheit dennoch alle zehn Jahre eine Krise. Und diese beeinflussten die Gemüter auch hierzulande stets. Unsere Partnerschaften wie zum Beispiel mit Rabbis oder Imamen trieben wir schon in Friedenszeiten voran. So ist der Austausch in Zeiten wie diesen deutlich einfacher, da das Fundament schon gelegt ist. Unsere Arbeit beschränkt sich ja primär auf die Prävention.
Halbright: Wir zeigen den Leuten, dass es einfacher ist, in Friedenszeiten interreligiöse Freundschaften aufzubauen. Auch wenn sie jetzt einen höheren Stellenwert geniessen. Viele denken in Kriegszeiten, es sei wie an einem Fussballspiel, wo man sich für ein Team zu entscheiden hat. Dabei leiden immer beide Seiten. Letztlich sind es nur die Machthaber der Regime, die keinen Frieden wollen.
Anfang November hielten Sie an einer Demonstration gegen Antisemitismus in Zürich eine Ansprache. Glauben Sie, es hat etwas gebracht?
Özgü: Es hat viel gebracht. Zunächst stand noch offen, ob wir so etwas überhaupt machen dürfen. Nach unserem Auftritt wollten uns sowohl Juden als auch Muslime umarmen, und die Anwesenden bekundeten einstimmig, wie wichtig die Suche nach dem Austausch ist. Mein persönliches Highlight war die Umarmung mit einem Rabbi, der positiv überrascht war, dass ich als Muslim an einer Veranstaltung gegen Antisemitismus teilnahm.

Zu Ihren Workshops: Was lernt man da genau?
Özgü: Dass wir zusammen auftreten, erstaunt die Leute bereits. Das erzeugt den nötigen Denkanstoss. Grundsätzlich führen wir an Schulen Workshops mit einem strikten Ablauf durch. Da geht es darum, wie man auf Vorurteile reagieren kann, indem wir Handlungsstrategien aufzeigen. Dazu werden ganz allgemein Fragen zum Judentum und zum Islam beantwortet. Die kommende Veranstaltung in Pfäffikon wird interaktiv. Der Fokus liegt darauf, Bekanntschaften zwischen verschiedenen Herkünften zu schliessen und aufzuzeigen, wie Menschen voneinander lernen. In den Gruppen erkennen die Leute, zu welch einer Tragweite interreligiöse Freundschaften führen. Und allein die Tatsache, dass es solche Treffen gibt, verleiht den Teilnehmern schon Mut, den sie dann in ihrem Umfeld weiterverbreiten.
Gibt es in der Schweiz mehr Muslime oder Juden?
Halbright: Es gibt zirka 20-mal mehr Muslime als Juden. Die Migration ab den 1960er Jahren führte zu diesem Zuwachs. Primär immigrierten zunächst Muslime aus der Türkei. Ab den 1990er Jahren kamen vor allem in der Deutschschweiz dann jene aus den Balkanländern hinzu. In die Welschschweiz wanderten sie eher aus arabischen Ländern ein. Insgesamt haben fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung einen muslimischen Hintergrund. Juden gibt es gerade einmal rund 18'000.
Özgü: Muslimische Mitbürger trifft man im Alltag eher an, was dazu führt, dass man eher über sie oder mit ihnen spricht. Bei jüdischen Mitbürgern ist dies weniger der Fall, was auch damit zu tun hat, dass der jüdische Glaube bevorzugt, dass die Glaubensgenossen nahe beieinander leben. In der Schweiz hauptsächlich in den Städten.
Vorurteile existieren, bei vielen ist nicht bekannt, weshalb. Was kann man gegen sie tun?
Halbright: Es braucht Beziehungen. Und ein Wissen, wie man reagieren kann, wenn einem selbst oder jemand anderem ein Vorurteil an den Kopf geworfen wird. Ein Muslim gehört zwar zum Islam, doch ist längst kein Islamist. Und das Wort «Islamist» ist nahe beim «Terrorist». Ein bewährtes Mittel in unseren Workshops: Ich kämpfe als Jude gegen die Islamfeindlichkeit und Ramazan gegen den Antisemitismus. Diese Verbündung zeigt sich als äusserst wirkungsvoll.
Etwas provokativ gefragt: Gelten Sie in Ihren Kreisen als Verräter?
Özgü: Unterschwellig habe ich bei manchen Begegnungen diese Erfahrung durchaus gemacht. Direkt kritisiert wurde ich bisher aber noch nicht.
Halbright: Manche sagen mir, die Mühen seien vergebens und ohnehin unnötig. Viele sind der Meinung, man müsse im Konflikt die eigene Herkunft bedingungslos verteidigen, ohne dass sie daran denken, sich auch in die Gegenseite hineinzuversetzen.
Die Vernissage und der Workshop «Interreligiöse Freundschaften und Bekanntschaften in Zeiten von Not und Konflikt» finden am Donnerstag, 1. Februar, von 19 bis 21.30 Uhr in der Katholischen Pfarrei St. Benignus an der Schärackerstrasse 14 in Pfäffikon statt. Weitere Informationen finden Sie unter www.if-pfaeffikon.ch.