So kam es zum Chaos in der Haehner-Praxis in Turbenthal
Probleme im Ärztezentrum
Thomas Haehner scheiterte mit seiner Praxiskette – und sorgte damit auch für Probleme in Turbenthal. Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse.
Im Juni 2023 schloss das Ärztezentrum Turbenthal seine Türen. Doch die Probleme begannen schon früher und dauern immer noch an.
Ein schwieriger Start
Im Herbst 2022 verkaufte der langjährige Turbenthaler Hausarzt Peter Flachsmann seine Praxis an der Tösstalstrasse 72 in Turbenthal an die Viamedica AG von Thomas Haehner. Es entstand das Ärztezentrum Turbenthal, eine von insgesamt 18 Praxen von Haehner in der ganzen Deutschschweiz.
In diversen Leserbriefen im «Tößthaler» machten Patienten ihrem Unmut über den angeblich stillen Abgang von Peter Flachsmann Luft. Er ist heute in einem anderen Kanton tätig.
Gleichzeitig beklagten sie sich über chaotische Zustände im neuen Ärztezentrum: Im letzten Januar nahm Thomas Haehner Stellung und gelobte Besserung.
Er hatte eine Erklärung für die Turbulenzen: «Ursprünglich hätte ein anderer Arzt die Arbeit hier in Turbenthal aufnehmen sollen.» Dieser konnte das aber aus gesundheitlichen Gründen nicht – und so musste Haehner in die Bresche springen.
Die Recherche von SRF
Im Mai 2023 kamen Thomas Haehner und seine Firmen Medium Salutis GmbH und Viamedica AG unter Beschuss. Recherchen des SRF-Investigativteams zeigten: In vielen der von ihm übernommenen Praxen herrschten chaotische Zustände.
Ehemalige Mitarbeitende berichteten zudem von finanziellen Problemen. Des Weiteren soll Haehner systematisch unnötige ärztliche Leistungen abgerechnet haben – insbesondere während der Corona-Pandemie.
Haehner dementierte die Vorwürfe und sah sich als Opfer eines «besonders schweren Falls von Wirtschaftskriminalität».
Das Kartenhaus bricht zusammen
Nach den Enthüllungen blieb das Ärztezentrum Turbenthal Ende Mai für gut zehn Tage geschlossen. «Wir nutzen diese Zeit für die Umstrukturierung und hoffen damit, wieder zur alten Stabilität zurückzukommen», stand auf einem Aushang an der Tür.
Haehner dementierte daraufhin, dass die Schliessung etwas mit den SRF-Enthüllungen zu tun hat. Er sprach von «Betriebsferien».
Doch bereits am 12. Juni hing ein erneuter Aushang an der Tür. «Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir zurzeit in der Praxis nicht arbeiten.» Unterzeichnet wurde er vom MPA-Team und einer Ärztin, die ebenfalls in der Praxis tätig war.
Schnell war klar, dass die Praxis nicht wieder öffnen würde. Zu bestimmten Zeiten konnten Patienten aber noch Rezepte und ihre Akten abholen.
Beim ersten möglichen Termin bildete sich eine lange Schlange – es kam zu chaotischen Zuständen. Die Gemeinde bot Hilfe an und übernahm die Koordination der Aktenabgaben.
> > So erging es ehemaligen Patienten auf der Suche nach einem neuen Hausarzt.
Probleme gab es nicht nur in Turbenthal. Thomas Haehner scheiterte mit seiner Praxiskette. «Die Angestellten sind seit Wochen ohne Lohn, die Rechnungen unbezahlt, Telefone und Strom werden abgestellt», sagte Peter Indra, Chef des Zürcher Amts für Gesundheit, Ende Juni gegenüber dem «Tages-Anzeiger». «Man kann von einem Zusammenbruch sprechen.» Doch erst im August entzog der Kanton Haehner die Praxisbewilligung.
Der Konkurs
Noch bis zum 17. Juli konnte die Ärztin, die seit Jahren in der Praxis arbeitete, Rezepte ausstellen. Zudem wurden Akten herausgegeben. Dafür schloss der Kanton eine Vereinbarung mit dem Personal ab.
Ende Juli war dann endgültig Schluss. Die Praxis wurde amtlich versiegelt, ein Konkursverfahren gegen die Viamedica AG eröffnet.
Dieses wurde im November vom Bezirksgericht Bülach eingestellt – mangels Aktiven. Das heisst, es waren nicht genügend Vermögenswerte da, um die Kosten des Verfahrens zu decken.
Gegen die zweite Firma von Thomas Haehner, die Medium Salutis GmbH, ist das Konkursverfahren noch hängig. Dafür zuständig ist jedoch das Bezirksgericht Willisau im Kanton Luzern.
So geht es (nicht) weiter
Im Herbst nahm auch der Regierungsrat nach einer Anfrage von AL-Kantonsrätin Nicole Wyss Stellung zu den Ereignissen in den Praxen von Thomas Haehner.
«Die Steuerung des Angebots in der freiberuflichen Gesundheitsversorgung ist nicht Aufgabe der öffentlichen Hand», hielt der Regierungsrat fest.
Und er merkte an: «Gesamtkantonal ist die ambulante Grundversorgung beim Wegfall einzelner Praxen nicht gefährdet.»
Die Versiegelung an der Praxis ist in der Zwischenzeit wieder entfernt. Doch neues Leben ist in der Traditionspraxis nicht wieder eingekehrt.
«Wir können keinen Hausarzt respektive keine Hausärztin aus dem Hut zaubern», sagte Gemeindepräsident René Gubler (FDP) vergangenen November.
Zwar hoffe die Gemeinde darauf, dass es wieder eine zweite Arztpraxis in Turbenthal gebe. Doch es fehlt – nicht nur im Tösstal – an den nötigen Fachkräften.
Die letzten Überbleibsel des Ärztezentrums, die nicht abgeholten Akten, werden noch während zehn Jahren vom externen Dienstleister Archivsuisse aufbewahrt und auf Anfrage herausgegeben – im Auftrag des Kantons.
