Vielleicht knackt dieser Wetziker Baum einst die 1000-Jahr-Marke
Sie produziert «Silberregen»
Der siebte Teil unserer Baumserie beleuchtet die Scheinakazie an der Spitalstrasse in Wetzikon. Sie ist zwar nur etwa 70 Jahre alt, doch sie könnte vielleicht sogar das Jahr 3000 miterleben.
Sie produziert das härteste Holz in ganz Europa und hat ihre Wurzeln im östlichen Teil von Nordamerika – die Scheinakazie oder Robinie. Die Wissenschaft nennt sie Robinia pseudoacacia und ordnet sie den Schmetterlingsgewächsen zu.
Ein noch verhältnismässig junges Exemplar steht in Wetzikon an der Spitalstrasse 90. Diese Scheinakazie ist wohl zwischen 60 und 70 Jahre alt und könnte noch für viele Jahrhunderte da stehen bleiben. Ihre Höhe von 21 Metern und ihr Umfang von 1,45 Metern sind zwar beträchtlich. Doch den Rekord von 70 Metern wird sie trotz ihrer gesunden Konstitution wohl nicht mehr knacken.

Und doch fällt sie auf. Denn im langen Abschnitt der Spitalstrasse zwischen der Eggstrasse und dem Kreisel Bachtelstrasse gibt es wenige ins Bild fallende Bäume. «Die Scheinakazie im Garten der Spitalstrasse 90 ist eine willkommene Ausnahme und bricht mit ihrer imposanten und lichten Erscheinung die Monotonie des Strassenraums», sagt Uwe Scheibler vom Naturschutzverein Wetzikon-Seegräben.
Zu Ehren des königlichen Hofgärtners
Den Namen Robinie verdankt diese Gattung dem schwedischen Botaniker Carl von Linné (1707–1778), dem Begründer der modernen Nomenklatur der Lebewesen, also der zweigliedrigen Benennung mit Gattung und Art. Die Scheinakazie benannte er zu Ehren des langjährigen Hofgärtners und Begründers des Botanischen Gartens in Paris, Jean Robin (1550–1629).
Dieser diente den drei französischen Königen Henri lll, Henri IV und Louis Xlll als Apotheker und Kustos (wissenschaftlicher Sachbearbeiter) der höfischen Kräuter- und Gemüsegärten. Er publizierte zahlreiche botanische und medizinische Werke, die noch heute von Bedeutung sind.

Und er war der Erste, der die Scheinakazie nach Europa brachte. Zwei der von ihm gepflanzten Bäume können noch heute bewundert werden. Einer davon steht im Jardin des Plantes und einer in der Nähe der Kathedrale Notre-Dame.
Ein gefragtes Gehölz
Scheinakazien sind eine ungefährdete Art. Ihre Verbreitung gestaltet sich allerdings eher schwierig, da ihre Samen ziemlich schwer sind und sie der Wind nur wenige Meter weit trägt. Dafür gibt es häufig Wurzelausläufer. Und wie die meisten Arten aus der Familie der Schmetterlingsgewächse lebt die Robinie mit einem Wurzelbakterium in Symbiose.
«Das Bakterium kann das wichtigste Nährelement, den Stickstoff, aus der Luft chemisch fixieren und dem Baum zur Verfügung stellen», sagt Scheibler. Dafür liefert der Baum den Bakterien den Zucker, welchen sie selbst nicht herstellen können. «Also eine Win-win-Situation.»
Daraus entstehen als Endresultat nicht nur optisch ansprechende Bäume, sondern auch wertvolles Holz. Dieses ist sehr schwer und hart, was es widerstandsfähiger gegen die Verrottung macht. Nicht einmal Eichenholz ist so robust. Deshalb wird es beispielsweise für Bahnschwellen, Bach- und Lawinenverbauungen oder für Fensterrahmen eingesetzt. Die forstliche Nutzung erfolgt allerdings erst, wenn ein Baum ein Alter von mindestens 80 Jahren erreicht hat.

«Wegen der grossen Nachfrage muss Robinienholz importiert werden, wobei der grösste Teil aus Ungarn und Slowenien stammt», sagt Scheibler. In diesen Ländern habe sich die Scheinakazie zum wichtigsten Forstbaum gemausert. Zudem verträgt die hiesige Robinie Trockenheit und hohe Temperaturen gut. Auch deshalb wird sie in Mitteleuropa als Hoffnungsträger für den klimaverträglichen Wald der Zukunft angesehen.
Und da die Scheinakazie auch gegen Streusalz widerstandsfähig ist und sehr schnell wächst, eignet sie sich in unseren Breitengraden besonders gut als Strassenbaum. Aber auch im Garten macht sie sich gut, da sie lichtdurchlässig ist und keinen zu grossen Schatten wirft.
«Die Baumart bereichert unsere von Natur aus eher artenarme Flora», erklärt Scheibler. Zudem sind ihre weissen und nektarreichen Blüten bei Bienen sehr begehrt. Und eben wegen dieser weissen Blüten, die nach der Blüte sanft niederrieseln, ist die Scheinakazie auch als «Silberregen» bekannt.
Wissenswert: Alle Pflanzenteile der Scheinakazie sind für Menschen giftig. Mit Ausnahme der Blüten, aus denen der sogenannte Akazienhonig gewonnen wird.
Hier finden Sie drei weitere Teile unserer Baumserie:
Linde: Seit 1770 – wie eine Linde in Wetzikon den Zeiten trotzt
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Schwarzkiefer: Dieser Baum nimmt es problemlos mit Abgasen und Hitze auf
