Weshalb Wetzikon eine Themenwoche zu Rassismus braucht
Sozialvorsteher im Interview
Menschen mit Migrationshintergrund sind immer wieder von systemischem Rassismus betroffen. Das hat die Stadt Wetzikon erkannt – und will dem gezielt entgegenwirken.
Herr Vogel, Sie sind Sozialvorsteher in Wetzikon, weshalb braucht es eine Themenwoche zu Rassismus und Diskriminierung?
Remo Vogel: Wir haben in Wetzikon seit Jahren ein Konzept zur Integrationsförderung. Deshalb gibt es einen bunten Strauss an Angeboten, wie zum Beispiel den bekannten Treffpunkt West 36 mit dem Schreibdienst oder diversen Sprachkursen sowie die Spielgruppe Plus, die für Kinder aller Muttersprachen offensteht. Wir stehen also eigentlich sehr gut da im Bereich Integration und haben in meinen Augen kein Rassismus- oder Diskriminierungsproblem. Aber ich sage immer: «Wehret den Anfängen.»
Was meinen Sie damit?
Die Themenwoche sehe ich als Teil der Prävention. Wir wollen damit dazu beitragen, dass wir in Wetzikon weiterhin ein gutes Zusammenleben haben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Den Thematiken «Rassismus und Diskriminierung» soll so mehr Raum gegeben werden, damit sie präsenter in den Köpfen der Wetziker Bevölkerung werden. Wir suchen den Dialog dazu, und bei unterschiedlichen Ansichten tauschen wir uns aus. Die aktuelle Weltlage zeigt ja, dass eben dieses Zusammenleben immer fragiler wird. Wir haben diese spezielle Woche bereits geplant, bevor der neue Konflikt in Israel und dem Gazastreifen eskaliert ist. Aber wir sehen jetzt, wie schnell Antisemitismus und Islamophobie aufkeimen. So etwas wollen wir in Wetzikon nicht.

Eine Veranstaltungsreihe über Diskriminierung und Rassismus würde man eher in einer Stadt wie Zürich erwarten, nicht aber im vergleichsweise konservativen Wetzikon.
Das Thema gehört auch nach Wetzikon. Denn das Verbot von Diskriminierung ist in unserer Bundesverfassung unmissverständlich festgeschrieben. Es gehört zu unserer humanitären Pflicht und Menschenwürde, dass wir uns für Toleranz und Respekt gegenüber allen unseren Mitmenschen konsequent einsetzen.
Sie sagen, Wetzikon habe kein Rassismusproblem. Aber es gibt sicher auch in Wetzikon Menschen, die rassistisches Gedankengut haben. Können Sie solche Leute mit Veranstaltungen und Vorträgen überhaupt erreichen?
Die Themenwoche bietet ein sehr breites und attraktives Spektrum an Anlässen. Natürlich interessieren sich eher Leute dafür, die bereits eine gewisse Sensibilität mitbringen. Aber vielleicht kommt gerade jemand, der etwas skeptischer ist, an ein lustvolles, satirisches Theaterstück zum Thema Migration und bleibt zum anschliessenden Gedankenaustausch.
Was soll die Themenwoche erreichen?
Ich wünsche mir, dass wir alle achtsamer miteinander umgehen und unseren Blick für Rassismus und Diskriminierung schärfen. Denn davon profitieren alle. Und für ein Zusammenleben braucht es, um es so zu sagen, beide Seiten. Wir können nicht nur Anforderungen an Migrantinnen und Migranten stellen, sondern müssen auch einen Schritt auf sie zugehen. Ich bin froh, ist in Wetzikon nicht nur die Stadt dafür zuständig. Auch die lokalen Kirchen und diverse Vereine sind sehr engagiert in diesem Bereich.
Ursprünglich war anstatt einer Themenwoche für die Bevölkerung eine Weiterbildung für die Verwaltung angedacht. Gibt es dort Missstände, wie beispielsweise vor einigen Jahren in Dübendorf auf dem Sozialamt?
Ganz bestimmt nicht. Aber in der Verwaltung haben viele Leute mit diesem Thema zu tun, beispielsweise auf der Einwohnerkontrolle, wenn sich jemand in Wetzikon anmelden will oder auch auf dem Sozialamt. Da ist es wichtig, dass die Angestellten sensibilisiert für Rassismus und Diskriminierung sind. Aber eben nicht nur in der Verwaltung, es geht uns alle etwas an. Deshalb hat der Integrationsbeauftragte Christoph Hotz das Konzept angepasst, und nun haben wir eine kostenlose Veranstaltungswoche für die gesamte Bevölkerung.
Die Themenwoche hat von Vorträgen über Gesprächsrunden bis zum satirischen Theater vieles zu bieten. Gibt es eine Veranstaltung, auf die Sie sich besonders freuen?
Als zuständiger Stadtrat gehört es zu meinen Aufgaben, die Themenwoche zu eröffnen, und zwar am Fachstellenabend, bei der sich drei Institutionen vorstellen. Und persönlich freue ich mich auf die Lesung von Martin R. Dean am Samstag. Speziell ist sicher auch der Vortrag des muslimischen Theologen und Islamwissenschaftlers Valter Samurri, der über einen islamischen Ansatz zu Rassismus und Diskriminierung spricht. Aktuell ist es wohl wirklich Ironie der Weltgeschichte, dass diese Themenwoche genau jetzt stattfindet.
Die Themenwoche «Rassismus und Diskriminierung» dauert von Montag, 30. Oktober, bis am Samstag, 4. November. Das genaue Programm findet man in der Broschüre auf der Website der Stadt Wetzikon. Die Veranstaltungen sind kostenlos und stehen der ganzen Bevölkerung von Wetzikon und Umgebung zur Verfügung. Bei gewissen Anlässen ist eine Voranmeldung nötig.
