Geschichte der Schönau – als ein Schlossturm zur Spinnerei wurde
200 Jahre im Überblick
Dieses Jahr feiert die Spinnerei Schönau in Wetzikon ihren 200. Geburtstag. Doch was ist passiert, bevor die Fabrik stillgelegt wurde und der Storch kam?
Ein seit Jahren leer stehender Schlossturm legte einst den Grundstein für die Spinnerei Schönau in Wetzikon. Heute steht das 200 Jahre alte Gebäude, umgeben von Bäumen, einem Park und einem Weiher, stolz auf dem Schönau-Areal.
Menschen aller Generationen und Kulturen kommen hier zusammen. Sei es für Projekte, um die Kunst zu zelebrieren oder einen Abend in der Sommerbar zu geniessen.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, was sonst noch alles passiert ist:
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Friedrich Nagel, Franzose und Besitzer von Schloss Wetzikon, baut die Spinnerei Schönau. Davor bricht er den Ostturm seines Schlosses ab und verwendet dessen Steine für den Bau der Fabrik.
1823
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Der Schönauweiher wird angelegt. Dessen Wasser dient dem Kraftwerk, um die Spinn- und Webmaschinen anzutreiben.
1827
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Mit 7800 Spindeln ist die Schönau wahrscheinlich die grösste Spinnerei Wetzikons. Durch den Erfolg verschuldet sich Nagel. Geldgeberin ist die Unternehmerfamilie Bidermann aus Winterthur.
1839
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Die Familie Bidermann übernimmt die Fabrik.
1843
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Das Fabrikgebäude wird modernisiert, es entsteht ein neues Wohnhaus sowie ein Garten, und das künftige Wäldchen wird als Fabrikpark angelegt.
1854
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Weil Wasserkraft allein nicht mehr ausreicht, wird das Kesselhaus mit dem Hochkamin gebaut.
1882
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Die Fabrik brennt, doch der Schaden hält sich in Grenzen. Die Firma Bidermann wird zu einer der bedeutendsten Spinnereiunternehmen.
1900
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Es entsteht ein Turbinenhaus, und das Unternehmen zählt rund 180 Arbeitnehmende.
1918
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Die Firma Streiff übernimmt die Schönau und führt sie unter dem Namen Vereinigte Spinnereien A.G. Aathal weiter. Jacob Bidermann, der das Unternehmen in vierter Generation geführt hat, bleibt im Verwaltungsrat.
1931
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Teile der Fabrik dienen während des Zweiten Weltkriegs als Militärkaserne und Unterkunft für Kriegsflüchtlinge. Es werden Schlaf- und Kücheneinheiten eingebaut. Nach dem Krieg nimmt das Unternehmen den Fabrikbetrieb wieder auf.
1939-1945
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Die Schlaf- und Küchenräume werden ausgebaut. Ein Mädchenheim wird eingerichtet.
1947
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Die Fabrik brennt erneut – der Schaden beläuft sich auf 100'000 Franken.
1973
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Das Spinnereigebäude und einzelne Nebengebäude stehen von nun an unter Denkmalschutz, genauso die alten Bäume im Parkwäldchen gegenüber dem Spinnereigebäude.
1987
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Die Fabrik wird stillgelegt, und die meisten Mitarbeitenden werden entlassen.
1991
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Die leer stehenden Räume werden neu belebt. Neu werden sie als Ateliers, Proberäume und Gemeinschaftsbüros verwendet.
1992
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Cäsar und Clea Bitzer rufen die camera.lit.obscura ins Leben: In ihrem Atelier organisieren sie viele Jahre lang Lesungen mit namhaften Autorinnen und Autoren. Das Format gewinnt 2013 den Wetziker Kulturpreis.
2003
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Erstmals nistet ein Storch auf dem Hochkamin, im Jahr darauf eine ganze Storchenfamilie. Der Storch wird im Verlauf der Jahre zum Wahrzeichen der Schönau.
2006
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Die Hiag Immobilien Holding AG übernimmt das Areal.
2010
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Die Arealentwicklungsfirma Hiag stellt erstmals öffentlich ein Bauprojekt zur zukünftigen Entwicklung der Schönau vor und erntet damit harte Kritik. Kurz darauf wird eine Petition für ein Kulturhaus in der Schönau eingereicht. Der Gemeinderat geht nur teilweise darauf ein. Architekt Roland Leu, Mieter in der Schönau-Fabrik, reicht eine Initiative gegen den geplanten Neubau ein. Der Gemeinderat erklärt diese für ungültig. Leu rekurriert.
2012
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Der Bezirksrat erklärt die Initiative Leu für gültig. Sie kommt vor die Gemeindeversammlung und wird gutgeheissen. Die Hiag reicht daraufhin Beschwerde gegen den Gemeindeversammlungsentscheid ein.
2013
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Der Bezirksrat befindet den Gemeindeversammlungsentscheid für rechtens. Die Hiag zieht den Fall vor Baurekursgericht. Das Baurekursgericht entscheidet, dass die Hiag-Baubewilligung ungültig, der Volksentscheid aber gültig ist. Die Hiag zieht vor Verwaltungsgericht.
2014
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Das Verwaltungsgericht stützt den Entscheid der Vorinstanz. Die Hiag geht vor Bundesgericht.
2015
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Abschliessender Entscheid des Bundesgerichts: Die bereits erteilte Baubewilligung wird für ungültig erklärt.
2016
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Die Stadt Wetzikon kündigt einen Gestaltungsplan für das Areal Schönau an.
2017
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Ein erster Entwurf des Gestaltungsplans wird öffentlich aufgelegt. Das historische Erbe und der wertvolle Naturraum werden in das Konzept integriert.
2018
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Der Gestaltungsplan wird unter Beizug verschiedener Experten überarbeitet, und es erfolgt eine zweite Vorprüfung durch den Kanton. Besonderer Fokus: Gestaltung und Schutz der Aussenräume, Zusammenspiel der Neubauten mit den Bestandesbauten.
2019-2020
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Start Mitwirkungsverfahren für das historische Baumwollmagazin – das Gebäude soll mit öffentlichen Nutzungen künftig das Herz der Schönau werden.
Winter 2020
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Einreichung des überarbeiteten Gestaltungsplans an den Kanton zur dritten Vorprüfung. Ausserdem: Die Sommerbar lädt erstmals auf das Gelände ein.
2021
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Festsetzung des öffentlichen Gestaltungsplans durch den Stadtrat und das Parlament geplant. Danach ist eine abschliessende Genehmigung durch den Kanton erforderlich.
Winter 2021/2022
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Exponenten der SP Wetzikon reichen einen Rekurs gegen den Stadtratsbeschluss zur Festsetzung des Gestaltungsplans im Parlament ein.
April 2022
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Das Baurekursgericht des Kantons Zürich geht auf den Rekurs nicht ein. Die Rekursführenden wollen den Entscheid akzeptieren und nicht weiterziehen.
Juni 2022
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Der Gestaltungsplan Schönau kommt vor das Parlament. Dieses setzt den Gestaltungsplan im Eiltempo fest. Die Fachkommission I beantragte einige Änderungen zum Entwurf des Stadtrats.
7. November 2022
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Die Referendumsfrist gegen den Parlamentsbeschluss verstreicht ungenutzt. Damit kann das Planungsdossier dem Amt für Raumentwicklung der kantonalen Baudirektion zur Genehmigung eingereicht werden. Zudem feiert die Schönau dieses Jahr ihr 200-jähriges Bestehen.
Februar 2023
200-Jahr-Jubiläum Schönau Fabrik
Die Hiag Immobilien Holding AG feiert das Jubiläum mit zahlreichen Aktionen und Vorstellungen den ganzen Sommer hindurch. Dazu gehört unter anderem das Theater Nägeli-Nagel vom Theater Reaktiv. Es handelt sich um ein Stationentheater, das das Publikum auf eine Zeitreise von der Industrialisierung bis in die heutige Zeit mitnimmt. Die Premiere findet am Samstag, 2. September, auf dem Schönau-Areal statt.