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Zuerst standen die Baugespanne, dann kam die Kündigung

Die feine Art ist es wohl kaum: So haben Mieter aus Robenhausen erfahren, dass ihr Haus abgerissen wird.

Ein Baugespann informierte die Mieter an der Schulhausstrasse darüber, dass ihr Haus bald abgerissen wird. Oben links: Franziska Zweifel und Marc Welte mit ihrem Sohn.

Foto: PD

Zuerst standen die Baugespanne, dann kam die Kündigung

Überraschender Abriss in Robenhausen

Ein Wohnhaus in Robenhausen muss einem neuen Mehrfamilienhaus weichen. Das Vorgehen der Verwaltung wirft Fragen auf. Die Mieter wollen sich deshalb wehren.

Franziska Zweifel und Marc Welte staunten nicht schlecht, als sie am 7. Juli nach Hause kamen: Vor dem Haus an der Schulhausstrasse in Robenhausen waren Holzpfosten angebracht. Im ehemaligen Kosthaus aus den 1870er Jahren lebt das Paar zusammen mit seinem Sohn in einer Wohnung.

«Zuerst dachten wir uns noch, die legen hier vermutlich Leitungen», sagt Zweifel. Knapp eine Woche später kam dann das böse Erwachen.

Jetzt wurde deutlich, worum es sich handelt: «Sie hatten ein Baugespann aufgestellt.» Damit war für das Paar und die fünf anderen Parteien klar: Das Haus wird bald abgerissen.

Auf Mietzinserhöhung folgt Kündigung

Doch eine Kündigung oder eine Information von der Verwaltung hatten die Mieter zu diesem Zeitpunkt noch nicht erhalten. «Im Juni kam sogar noch die Mietzinserhöhung», sagt Welte. Damals ging niemand davon aus, dass auf dem Grundstück bald die Bagger auffahren würden.

Das Kündigungsschreiben per Ende März 2024 haben die Mieterinnen und Mieter in der Zwischenzeit erhalten. Für Überraschung hat das nicht mehr gesorgt, die Baugespanne haben als Ankündigung gereicht.

Das Vorgehen der Hauseigentümerin und der Verwaltung wirft bei Zweifel und Welte Fragen auf. «Es wäre doch üblich, dass man uns informiert, bevor Baugespanne aufgestellt werden.»

Es wurde uns gesagt, dass erst mal alles beim Alten bleibt.

Marc Welte

Mieter

Nie sei ein Abriss ein Thema gewesen. Auch nicht, als das Haus im Dezember 2021 den Besitzer gewechselt habe. Damals verkaufte die Hiag das Haus an die Hill-Side AG. Diese Firma gehört Urs Jordi, dem Verwaltungsratspräsidenten und Interims-CEO des Backwarenkonzerns Aryzta.

«Es wurde uns gesagt, dass erst mal alles beim Alten bleibt», erinnert sich Marc Welte. «Nur könnte dereinst ein weiteres Haus im Garten gebaut werden.» Nun kommt alles anders.

Am Ende des Lebenszyklus

Die Hill-Side AG – beziehungsweise deren Hausverwaltung Livya Immobilienverwaltung GmbH – wollte zu ihrem gewählten Vorgehen keine Stellung nehmen. Sie hat auf mehrfache Anfrage per E-Mail nicht reagiert.

Im Kündigungsschreiben vom 17. Juli, das der Redaktion vorliegt, erläutert sie, dass diverse Bauteile der Liegenschaft sich am Ende ihres Lebenszyklus befinden oder diesen überschritten haben.

«Aufgrund der alten Gebäudesubstanz, der nicht mehr zeitgemässen Grundrisse sowie der ungenügenden Energieeffizienz hat sich die Eigentümerschaft dazu entschlossen, die Liegenschaft abzubrechen und einen Ersatzneubau zu erstellen», steht darin weiter.

Fichte muss gefällt werden

Das Baugesuch für das Mehrfamilienhaus ist noch nicht publiziert. Eine Projektskizze existiert aber bereits. Das haben Zweifel, Welte und die anderen Mieter rasch herausgefunden.

Auf ihrem Grundstück steht nämlich eine grosse Fichte. Der rund 70-jährige Baum ist im Natur- und Landschaftsinventar erfasst. Und er war kürzlich Thema in einem Beschluss des Stadtrats.

Es ging um die Fällung des Baums. «Das heute nicht voll ausgenutzte Grundstück soll nun überbaut werden», steht im Beschluss. Das Projekt sehe ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage vor und könnte den Wurzelraum der Fichte tangieren.

Die Stadt hat ein Expertengutachten in Auftrag gegeben. Da die Fichte heute teilweise kahl ist, soll sie zu Baubeginn gefällt werden. Möglichst rasch soll dann eine Ersatzpflanzung erfolgen.

Anfechtung geplant

Marc Welte stört sich vor allem am Ausdruck «das nicht voll ausgenutzte Grundstück». Dieser bezieht sich darauf, dass noch viel Freifläche vorhanden ist.

«Der grosse Garten wird aber nicht nur von den Bewohnerinnen und Bewohnern, sondern vom ganzen Quartier geschätzt», betont er. «Hier spielen oft Kinder, es ist ein Treffpunkt.»

Zudem zeigt der Stadtratsbeschluss, dass bereits vor dem Baugesuch eine Projektskizze existierte. Für Zweifel und Welte macht es dies nochmals unverständlicher, dass die Mieterinnen und Mieter nicht transparent informiert wurden.

Personen bei Wohnhaus mit Baugerüsten
Die Bewohner des Hauses wollen die Kündigung anfechten. Vorne rechts: Franziska Zweifel und Marc Welte.

Die Kündigung per Ende März 2024 wollen Zweifel und Welte wie auch andere Mieterinnen und Mieter im Haus nicht akzeptieren. Sie werden diese vermutlich anfechten und hoffen, dass die Frist erstreckt wird.

Günstiger Wohnraum verschwindet

«Es ist schwierig für Familien wie uns, eine neue, bezahlbare Bleibe zu finden», meint Franziska Zweifel. Für ihre 4½-Zimmer-Wohnung bezahlen sie gut 2000 Franken pro Monat.

Die Wohnungen im neuen Haus werden wir uns vermutlich nicht leisten können.

Franziska Zweifel

Mieterin

Da sie als Musikpädagogin und er als Musiktherapeut arbeiten, erschwert dies die Wohnungssuche. «Es ist ideal hier im Haus, da unsere Nachbarn zum Teil auch musizieren.»

Für die beiden hat der Abriss des Hauses deshalb auch eine politische Bedeutung. «Die Wohnungen im neuen Haus werden wir uns vermutlich nicht leisten können.» Es geht damit bezahlbarer Wohnraum in der Stadt verloren.

Das Thema Wohnen beschäftigt im Moment auch die Wetziker Politik. Letztes Jahr haben Grüne und SP die Initiative «Bezahlbare Wohnungen in Wetzikon» eingereicht.

Die Initianten fordern, dass ein Fünftel aller Mietwohnungen in der Stadt im Eigentum von gemeinnützigen Wohnbauträgern wie Genossenschaften liegt. An der Parlamentssitzung im Juni hat das Parlament einen Gegenvorschlag dazu verabschiedet. (bes)

Zweifel und Welte hoffen, dass sie trotz allem in der Gegend bleiben können. «Unser Sohn geht in der Nähe in die Rudolf-Steiner-Schule», sagt die Musikpädagogin. «Wir sind hier in Robenhausen bestens vernetzt.» Ob ihnen das bei der schwierigen Wohnungssuche hilft, wird sich weisen.

Den beiden ist klar, dass sie das geplante Bauprojekt vermutlich nicht mehr verhindern. Aber wie Marc Welte sagt: «Wir werden auf jeden Fall den Baurechtsentscheid anfordern.»

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