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Baumer Restaurant will allen eine Chance geben

Eine Lehre nur für gute Schüler? Von dem wollen die Betreiber der «Tanne» nichts wissen. Das bedeutet diese Entscheidung für das Restaurant.

Ingo Gläser und Nadine Kahn wünschen sich, dass auch andere Betriebe mehr Chancen für Lernende ermöglichen.

Fotos: PD

Baumer Restaurant will allen eine Chance geben

Ausbildung in der «Tanne»

Die Betreiber des Gasthauses zur Tanne in Bauma wollen Jugendlichen mit Lernstörungen eine Ausbildung ermöglichen. Dafür scheuen sie keinen Aufwand – und wollen Vorbild sein.

Das Team des Gasthauses zur Tanne in Bauma ist in der Region nicht nur für seine Küche bekannt, sondern auch für seinen Humor. Immer wieder geht eines seiner lustigen Videos in den sozialen Medien viral.

Doch die Betreiber Ingo Gläser und Nadine Kahn können auch anders. Ein Thema, das den beiden besonders am Herzen liegt, sind die Ausbildungen in der Gastronomie.

Für Küchenchef Gläser ist es ein Paradox: «Jedes Jahr bleiben Ausbildungsstellen frei, und trotzdem finden viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz.» Auch in der Küche.

Start ins Arbeitsleben ermöglichen

Besonders schwer ist es für Jugendliche mit einer Lernstörung oder einer leichten Beeinträchtigung. Denn die schulischen Anforderungen in der Ausbildung zum Koch oder zur Köchin sind hoch. «Vor allem beim Rechnen scheitern viele», sagt Gläser.

Ihm macht diese Entwicklung Sorgen. «Am Schluss fehlen Arbeitskräfte, weil man motivierten jungen Menschen keine Chance geben will.»

Aber fast niemand ist am Schluss bereit, ihnen eine Chance zu geben.

Ingo Gläser, Küchenchef Gasthaus zur Tanne

Das will er jetzt ändern – und stellt seine Ausbildungsplätze gerade für Leute zur Verfügung, die es sonst schwer haben, den Berufseinstieg zu schaffen. «Es geht darum, ihnen den Start in ein selbstbestimmtes Arbeitsleben zu ermöglichen», betont der Küchenchef.

Im zweiten Schritt zur Traumlehre

Oftmals absolvieren diese Jugendlichen zahlreiche Praktika. «Aber fast niemand ist am Schluss bereit, ihnen eine Chance zu geben», ärgert er sich. Doch wer beim Probeschaffen Potenzial und Einsatz zeigt, der soll belohnt werden – mit einem Lehrvertrag.

Kürzlich haben eine Jugendliche und ein Jugendlicher ihre Lehre in der «Tanne» begonnen. Sie als Köchin, er als Küchenangestellter EBA.

Die Buchstaben EBA stehen für eidgenössisches Berufsattest. Dieser Weg fokussiert sich auf die berufliche Grundbildung. Der neue Lernende absolvierte ebenfalls zahlreiche Praktika – ohne dass ihm eine Lehrstelle angeboten wurde. «Für mich absolut unverständlich», meint Gläser. Jetzt soll es mit der Lehre in der «Tanne» klappen.

Die Jugendliche hat den Abschluss als Küchenangestellte EBA bereits in der Tasche und möchte jetzt die reguläre Lehre zur Köchin EFZ absolvieren. Sie hat schon ein Jahr lang ein Praktikum in der «Tanne» absolviert.

Bald ein «Lehrlingsmenü»

Am alten Ausbildungsort war ihr die gewünschte Lehre verwehrt geblieben. «Ihr wurde empfohlen, eine EBA-Ausbildung zu machen wegen ihrer Defizite», sagt Gläser. Er hingegen sieht noch viel Potenzial. «Als Ausbildner will man die Leute fördern – und fordern.»

Deswegen hat sich Gläser eine besondere Herausforderung für seine beiden Schützlinge ausgedacht. Schon bald sollen sie ihr eigenes «Lehrlingsmenü» herstellen. «Dieses wird dann nur von den Lernenden zubereitet», erklärt Gläser.

Die beiden Lernenden selbst geben zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Auskunft. Die zwei sollten sich erst einmal auf ihre neue Tätigkeit konzentrieren, finden Gläser und Kahn.

Rechnen mit dem Handy

Die «Tanne»-Betreiber sehen sich aber trotz ihrem Engagement nicht als Wohltäter. Sie verlangen von ihren Lernenden genau gleich viel wie andere Betriebe auch. «Aber wir sind bereit, sie stärker zu unterstützen», betont Nadine Kahn. «Vor allem im schulischen Bereich.»

Selbst wenn es zu Schwierigkeiten kommt, wollen wir eine Lösung suchen.

Nadine Kahn

Betreiberin Gasthaus zur Tanne

Küchenchef Gläser stellt die Wichtigkeit der Berufsschule nicht infrage, wie er mehrmals betont. «Aber eine Lehre darf nicht daran scheitern, dass man nicht so gut rechnen kann», sagt er. «Vor allem in Zeiten wie heute, wo jeder ein Handy hat», ergänzt Kahn.

Wer das handwerkliche Geschick mitbringt, soll mit Fleiss und Wille auch die Lehre schaffen. «Aufgeben ist keine Option», sagt Gläser. «Selbst wenn es zu Schwierigkeiten kommt, wollen wir eine Lösung suchen», fügt seine Partnerin an.

Verantwortung übernehmen

Für die beiden gehört das zur unternehmerischen Verantwortung dazu – und sie würden sich wünschen, dass mehr Betriebe aus allen Branchen Lehrstellen für Personen zur Verfügung stellen, die im Normalfall nicht zu den Topbewerbern gehören.

Das Engagement von Gläser und Kahn hört nicht etwa bei der regulären Berufslehre auf. So wollen sie auch einen Ausbildungsplatz für eine sogenannte praktische Ausbildung (PrA) zur Verfügung stellen.

Das ist ein niederschwelliges Berufsbildungsangebot für Menschen, die keinen Zugang zu einer regulären Lehre haben. Auch einen Arbeitsplatz im geschützten Rahmen, der durch die IV finanziert wird, kann die «Tanne» anbieten.

«Ich finde es sinnvoller, wenn Leute einer Beschäftigung nachgehen, als wenn sie einfach zu Hause zum Herumsitzen verdammt sind», meint Gläser. «Und auch diese Leute übernehmen wichtige Aufgaben für uns, beispielsweise beim Rüsten oder beim Abwasch.»

Von all dem merken die Gäste der «Tanne» nichts. Denn bei Gläser kommt niemand zu kurz – am wenigsten beim Essen. «Ich bin als Küchenchef am Schluss verantwortlich, und diese Verantwortung kann ich übernehmen.»

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