Diesen Laden schmeissen Menschen mit Beeinträchtigung
Projekt des Werkheims Uster
Attraktive Mode anbieten, auf Nachhaltigkeit setzen, sich sozial engagieren – unter diesem Leitbild eröffnete das Werkheim Uster vor einem Jahr den Secondhandladen Blickreich. Und es hat noch einiges vor.
Seit exakt einem Jahr führt das Werkheim Uster mit Menschen mit Beeinträchtigung den Secondhandladen Blickreich. Dank viel Engagement und guten Kleidungsstücken hat sich der Laden zu einem echten Schmuckstück entwickelt – auch in Sachen Einkaufsatmosphäre und Stil.
Nur schon wegen der vielen kleinen «Gadgets» oder im Werkheim gefertigten Handwerkarbeiten für den Alltag, die neben der Kleiderabteilung präsentiert werden, lohnt sich ein Abstecher an die Apothekerstrasse 8.
Der Kaffee als «Köder»
Wer den Laden betritt, wird stets nett begrüsst und kriegt als Erstes gleich einen Kaffee angeboten. Laut Kennern angeblich der zweitbeste in der ganzen Stadt. «Wenn sich die Kundschaft mit einem Kaffee in die Lounge von Secondhandmöbeln setzt, bekommt sie bereits einmal eine Ahnung davon, dass wir nicht nur Kleider, sondern auch antike Möbelstücke verkaufen», sagt Serge Hüppin, ein Bewohner des Werkheims. Der 35-Jährige arbeitet seit einem Jahr zu 100 Prozent im Laden.
Für ihn ist die Arbeit mehr als ein Job. «Ich bin dem Werkheim sehr dankbar, dass ich diese Chance erhalten habe.» Hüppin kennt den Laden mittlerweile besser als seine Hosentasche. Und er ist nicht nur in der Beratung tätig oder dafür verantwortlich, die durch Warenspenden eingegangenen Kleidungsstücke (pro Spende maximal zwei Einkaufstaschen) auf ihre Qualität zu prüfen.
Gerne legt er bei der Bearbeitung von alten Stoffen selbst Hand an. Er kreiert beispielsweise Schlüsselanhänger aus Krawattenstoffen oder näht mit seiner Arbeitskollegin Debora ausgefallene Wimpelgirlanden. Aus einem Hemd, das seine beste Zeit bereits hinter sich hat, nähen sie auch gerne einmal eine Stofftasche. Dies geschieht direkt in dem im Laden integrierten Nähatelier.
Wie alles begann
Für das Werkheim ist das Wort Inklusion keine zeitweilige Modeerscheinung, sondern der Hauptbestandteil des eigenen Schaffens. Die Arbeit im Laden bringt die Menschen mit Beeinträchtigung, die als ebenbürtige Mitarbeiter fungieren, näher an den Alltag.
Wer die Arbeit nur im Werkheim verrichtet, befindet sich eher in einem geschützten Raum. «Menschen mit Beeinträchtigung einen Arbeitsort mitten in der Gesellschaft zu bieten und unter dem Motto der Nachhaltigkeit einen Laden zu eröffnen, war seit längerer Zeit ein Ziel von uns», sagt die Geschäftsführerin Barbara Limberger.
Bereits im Januar 2022 habe man intensiv damit begonnen, sich in Uster nach einem passenden Ladenlokal umzusehen. «Eigentlich wollten wir noch mehr ins Stadtzentrum, doch wir sind nun glücklich, hier in einer ehemaligen Autowerkstatt einen für uns passenden Standort gefunden zu haben.»
Limberger ist eine der treibenden Kräfte, die sich dafür einsetzen, neue Ideen zu entwickeln und die Bekanntheit des Ladens zu steigern. «Wir verfügen über hochwertige Mode, wenn es auch mehrheitlich Damenkleidungsstücke sind.» Meist könnten sich eher Frauen ab 40 dafür begeistern.
Und genau an dieser Stelle möchte Limberger ansetzen: «Wir haben vor, die Jugend vermehrt anzusprechen und unser Sortiment für die Herren zu erweitern.» Sie denkt dabei in erster Linie an Vintage-Mode.
Ganz so einfach ist das nicht. Der Laden verfügt lediglich über jene Kleidung, die Leute spontan vorbeibringen. «Es ist manchmal kaum zu fassen, wie viele hochwertige Stücke wir erhalten», sagt Limberger. Sie erhielt auch schon eine Markentasche mit einem Neuwert von 1500 Franken gespendet, die für 500 Franken über den Ladentisch ging.
Das Sortiment an Herrenbekleidung halte sich jedoch noch in Grenzen. Auch Anzüge sind mittlerweile keine Option mehr. «Zu Beginn erhielten wir viele gebrauchte Anzüge in gutem Zustand, doch wir stellten fest, dass Secondhandanzüge anscheinend nicht gefragt sind», sagt die Mitarbeiterin Debora leicht enttäuscht.
Und doch glauben sowohl die Geschäftsleitung als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass es noch Luft nach oben gibt. Dabei sollen vor allem die sozialen Medien helfen. Einige nötige Schritte dafür sind bereits getan: Jede Woche gibt es einen neuen Instagram-Post mit dem «Style der Woche».
Stets im Wandel
Im Blickreich werden ständig neue Pläne geschmiedet. So orientiert man sich nach dem Konzept eines «Concept Store’s». Was heisst: Das Einkaufen soll für die Kundschaft auch eine Erlebnisreise sein.
Mitunter deshalb wird der Laden auch den gerade herrschenden Aktualitäten angepasst. Am 1. August regierten die Farben Weiss und Rot in den Schaufenstern. Für den Herbst oder die Adventszeit sind die Sujets längst vorbereitet.
Neu werden im Geschäft auch «Fremdprodukte» von anderen sozialen Institutionen und Schweizer Produzenten angeboten, die in der Regel alle drei Monate ausgewechselt werden. Zudem veranstaltet das ganze Team jeweils drei grosse Spezialverkäufe im Jahr. Eine weitere Besonderheit: Wer den Laden mehrmals besucht, wird feststellen, dass weder Möbel, Kleidungsstücke noch Schuhe lange am selben Platz bleiben.
Das Blickreich feiert am 4. August das einjährige Bestehen. Der Laden an der Apothekerstrasse 8 in Uster ist von Dienstag bis Freitag jeweils von 9 bis 18 Uhr und am Samstag von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Unter www.blickreich.ch finden Sie alle Informationen zum Geschäft sowie den Zugang zum Onlineshop.