Bachtel-Wirt konzentriert sich nach Gäste-Knatsch auf Herzensprojekt
Rückkehr auf die Alp Scheidegg
Der Umbau hat länger gedauert und ist viel teurer geworden. Doch nun werden auf der Alp Scheidegg wieder Gäste bedient. Mit Konsequenzen für den Bachtel-Kulm.
«Es hat zu oberst in der Welt / Der Herr die Alp Scheidegg gestellt». Dieser Spruch aus dem Jahr 1952 ist in einem alten Gästebuch zu lesen.
Darunter findet sich eine grosse Zeichnung, die die besondere Weltordnung bildlich wiedergibt. Und das ganze Volk strebt hoch zu diesem aussergewöhnlichen Flecken, der auf 1200 Metern liegt - dem höchstgelegenen Restaurant im Kanton Zürich.
Aco und Sanela Rastoder hat das Sujet so gut gefallen, dass sie es zum Alp-Logo erhoben. Seither prangt es unter anderem auf der Speisekarte und auf den Zuckersäckchen der «Scheidegg».
Rastoders haben im November 2015 die Alpwirtschaft, die einer Genossenschaft gehört, in Pacht übernommen.
Grössere Küche und schönere Plätze
Das Volk, das in der ersten Jahreshälfte 2023 zur Scheidegg hochstrebte, stand oben angekommen allerdings vor verschlossenen Türen. Das über 90 Jahre alte Restaurant hat in dieser Zeit eine Generalüberholung erfahren.
«Die Küche war so eng, dass das Servicepersonal und die Köche kaum aneinander vorbeikamen», erklärt Rastoder. Auch das Buffet hatte schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel.
Der Fussboden war renovationsbedürftig, und von den begehrten Fensterplätzen mit Blick auf den Zürichsee gab es zu wenig.
Das hat sich nun geändert. Dank des Umbaus stehen jetzt acht statt vier Tische an jener Panoramafront. Den grösseren Teil des Lokals haben die Genossenschaft und Rastoder allerdings so belassen, wie er sich seit 1925 präsentiert.
Damals war das doppelt so grosse Kurhaus durch einen Brand während eines Föhnsturms zerstört worden, wurde aber rasch in kleinerem Umfang wieder aufgebaut.



«Im Innern des Restaurants haben wir nun zwar nicht mehr als die bisher 70, aber dafür schönere Plätze», unterstreicht der Wirt. Mit 65 Plätzen gleich geblieben ist der Bestand auch auf der Terrasse.
Nur der Selbstbedienungsbereich neben der Scheune ist leicht erhöht worden. Bis zu 150 Personen können dort Platz nehmen.
Renovation teurer als geplant
Die Anfang Juni abgeschlossene Renovation hat nicht nur länger gedauert als geplant, sondern ist auch viel teurer ausgefallen. Statt der budgetierten 800'000 bis einer Million Franken dürfte sie nun auf rund 1,6 Millionen Franken zu stehen kommen.
Zusätzliche Brandschutzauflagen, gestiegene Preise und auch verschiedene Überraschungen hinter den alten Wänden und unter den ebenso alten Böden haben die Investitionen in die Höhe getrieben.
Wegen der Kostenexplosion gab es einmal einen Baustopp, da die Genossenschaft zuerst die Finanzierung klären musste.
Eine Million Gäste
Die höheren Investitionen schlagen sich auch in einer höheren Pacht nieder. «Doch das ist es uns wert», betont Rastoder. Schliesslich haben sie in den letzten sieben Jahren dort oben erfolgreich gewirtet.
«Wir hatten nie ein Minus, selbst während der Corona-Zeit», unterstreicht der 42-Jährige.
So ist es ihnen gelungen, mit ihrem Gastronomiekonzept Leute von weit her in das abgelegene und nur über eine schmale, steile Strasse erreichbare Restaurant zu locken.
«Es dürften über eine Million Gäste sein, die wir hier oben in den letzten sieben Jahren bedienen durften», schätzt Rastoder.
Rastoder legt Wert auf Stil
Dieses Konzept lässt sich wohl am besten mit dem einen Satz von Rastoder umschreiben: «Die Scheidegg ist für Geniesser.» Dazu zählt für ihn die prächtige Rundsicht, die vom Säntis bis nach Zürich reicht.
Die schöne Optik muss sich deshalb ebenso vor und im Lokal niederschlagen. Und dann gehört für den gelernten Kellner auch ein gepflegter Service und natürlich eine gute Küche dazu. «Mein gastronomisches Vorbild sind die Betriebe im Südtirol.»

«Wir sind hier oben mit unseren beiden Kindern daheim. Meine Frau hat sich in die Scheidegg verliebt.» Den letzten Satz ihres Manns bestätigt Sanela Rastoder mit einem Nicken.
Zurück zum «einmaligen Ort»
Sie, die in Rapperswil unten aufgewachsen ist, musste sich zwar zuerst an das Leben hoch oben im höchstgelegenen Restaurant des Kantons Zürich gewöhnen.
Doch mittlerweile gefällt es der gelernten Köchin so gut dort oben, dass sie ihren Mann auch davon überzeugen konnte, vom «Bachtel-Kulm» wieder auf die Scheidegg zurückzukehren.
Seit Anfang Jahr ist Rastoder nämlich auch Pächter jenes Restaurants, zu dem sie von der Scheidegg her hinüberblicken können.
Doch die Erfahrungen, die er und sein eingespieltes Team dort während der letzten sechs Monate mit fordernden Gästen gemacht haben, hat ihm den Entscheid zur Rückkehr auf die Scheidegg leicht gemacht.
«Hier oben werden wir von den Gästen verwöhnt. Diese bedanken sich bei uns, dass sie hier einkehren dürfen», schwärmt das Wirtepaar. «Das ist ein einmaliger Ort hier. Mein Gott, ist das schön.»
Keine Fortsetzung auf dem Bachtel
Auch das mehrköpfige Team, das bis zum Renovationsstart auf der Scheidegg tätig war und auf Anfang 2023 mit zum Bachtel hinübergewechselt war, zog es auf ihren Hausberg zurück. Die meisten von ihnen wohnen auch dort.
Im «Bachtel-Kulm» ist nun ein neues Team tätig. Geführt wird es von einem Paar, das früher schon mit Rastoder auf der Scheidegg zusammengearbeitet hat.
Für Aco Rastoder ist schon heute klar, dass er sich nach Ablauf des Pachtvertrags wieder ganz auf die Scheidegg konzentrieren wird. Dies dürfte voraussichtlich im Sommer 2025 der Fall sein, wenn der geplante Umbau des «Bachtel-Kulm» abgeschlossen sein wird und die Bachtel-Pacht neu ausgeschrieben wird.
Freie Fahrt zur «Weltspitze»
Auf ihre grosse Liebe stiessen die Rastoders vor Jahren zufällig. Eigentlich hatten sie mehr den Bachtel oder den Etzel im Blick.
«Wir wurden damals aber über den «Zürcher Oberländer» darauf aufmerksam, dass auch die ‘Scheidegg’ zu vergeben war.» Das Panorama und das heimelige Lokal, das sie auf einem ersten Besuch vorfanden, verzauberte sie.
Wäre da nur nicht die steile Strasse gewesen, die vor allem Sanela Rastoder Furcht einflösste. Diese hat sich mittlerweile aber gelegt.
Die Privatstrasse wurde mit Leitplanken gesichert, und im Winter, wenn der Schnee kommt, steigt ihr Mann hinter das Steuer des Pfadschlittens.

Und wenn das ganz grosse Weiss vom Himmel fällt, packt er die eigens angeschaffte Schneeschleuder aus. Schliesslich soll das Volk, das nach «zu oberst in der Welt» strebt, auch unter solchen Bedingungen den Weg finden.
Viele von ihnen kommen nämlich mit dem Auto hoch auf die Alp, wo ein grosser Parkplatz liegt. Rastoder ist aber auch dafür besorgt, dass seine Gäste im Winter wieder heil ins Tal kommen.
So hat er schon manche in ihren Wagen an seine Gefährte gehängt und sie sicher runter vom Berg gebracht. «Seit ich hier oben bin, hat es nie einen Unfall gegeben», zeigt er sich erleichtert – und auch ein bisschen stolz.