Neue Eskalationsstufe rund um das Ärztezentrum Turbenthal
Chaos um Patientenakten
Jetzt reicht es auch der Gemeinde. Sie hilft nun mit, dass die Patienten zu ihren Akten kommen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen.
Es waren Szenen, die im Tösstal für Aufruhr sorgten: Vergangenen Freitag bildete sich vor dem Ärztezentrum Turbenthal eine lange Schlange bis aufs Trottoir. Dutzende Patientinnen und Patienten waren gekommen, um Rezepte und Patientenakten abzuholen.
Und viele, die nur ihre Akten abholen wollten, gingen wieder mit leeren Händen nach Hause.
Jetzt hat sich auch die Gemeinde eingeschaltet. Auf einem grossen Aushang auf dem Platz vor dem Gemeindehaus, einem Zettel an der Praxistür und auf der Gemeindewebsite steht: «Die Gemeinde Turbenthal unterstützt das Ärztezentrum Turbenthal bei der Herausgabe der Patientenakten.»
200 Akten pro Woche
Wer seine Akten beziehen will, kann sich neu bei der Gemeinde melden. Diese sammelt die Anmeldungen und leitet sie ans Ärztezentrum weiter. Die betroffenen Personen werden per E-Mail oder Telefon informiert, wann die Patientenakten bezogen werden können.
«Wir haben uns am Mittwoch zu diesem Vorgehen entschieden», sagt Gemeindepräsident René Gubler (FDP). «Uns ist es ein Anliegen, dass Patienten geordnet zu ihren Akten kommen.»
Wir konnten einfach nicht länger zuschauen.
René Gubler (FDP), Gemeindepräsident von Turbenthal
Dazu habe man Rücksprache mit Ärztin Brigitte Rutz und dem Praxisteam genommen. Sie würden etwas Vorlauf brauchen, um die Akten vorzubereiten, erklärt Gubler.
Kanton zahlt für Arbeit
Deshalb sammelt die Gemeinde die Anmeldungen. «Wir glauben, dass die Praxis auf diesem Weg rund 200 Patientendossiers pro Woche herausgeben kann», sagt der Gemeindepräsident. Der Kanton sei über dieses Vorgehen informiert. «Wir konnten einfach nicht länger zuschauen.»
Das Amt für Gesundheit unterstützt die Praxis bei der Herausgabe der Patientenakten. «Im Rahmen dieser Unterstützung werden Praxisangestellte vom Amt für Gesundheit entschädigt», sagt Kommunikationsverantwortliche Laura Gialluca.
Das legt die Vermutung nahe, dass die Angestellten in Turbenthal keine Löhne mehr erhalten. Offiziell bestätigen will dies jedoch niemand.
Keinen Kontakt mit Haehner
Rutz und das Praxisteam sind vorderhand jeweils am Mittwoch und Freitagnachmittag im Ärztezentrum, um Rezepte auszustellen. Ansonsten ist die Praxis, wie bereits seit Anfang letzter Woche, geschlossen.

Von Inhaber Thomas Haehner, der die Praxis letzten Herbst übernommen hat, fehlt seither jede Spur. Er war auch am Donnerstag nicht erreichbar. Die Gemeinde hat ebenfalls keinen Kontakt mit ihm.
Haehner steht seit Recherchen von SRF Investigativ unter Druck. Dem Deutschen gehören über ein Dutzend Praxen in der Deutschschweiz. In vielen von ihnen herrschen angeblich chaotische Zustände. Zudem werfen ihm verschiedene Krankenkassen vor, unnötige Leistungen abgerechnet zu haben. Haehner bestreitet diese Vorwürfe.
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Arztpraxis weitergeführt wird.
René Gubler (FDP), Gemeindepräsident
Diverse seiner Praxen sind im Moment geschlossen, so zum Beispiel in Niederweningen oder in Oberglatt. Die Praxis in Rafz konnte in letzter Sekunde durch eine Übernahme gerettet werden.
Wie es mit dem Ärztezentrum Turbenthal weitergeht, das weiss Gemeindepräsident René Gubler nicht. «Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die Arztpraxis weitergeführt wird», betont er. Aber wie und vor allem unter welcher Leitung, darauf könne die Gemeinde keinen Einfluss nehmen.
Das Vorgehen
Wer seine Akten beziehen will, meldet sich per E-Mail info@turbenthal.ch oder unter Telefon 052 397 26 34. Angegeben werden müssen Name, Vorname, Geburtsdatum, Wohnadresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse (sofern vorhanden). Falls jemand anderes die Akten abholen soll, ist eine Vollmacht notwendig. Die Gemeinde informiert, wann die Unterlagen abholbereit sind.
