So will der Erlebnisraum Tösstal die «guten» Ausflügler anlocken
Besucherdruck im Tösstal
Neue Angebote, die nur anständige Besucher ins Tösstal ziehen: ein Widerspruch? Nicht für die Verantwortlichen des Erlebnisraums.
Herr Hutzli, der neu gegründete Verein Erlebnisraum Tösstal plant diverse Themenwege in der Region. Bereits jetzt ist das Tösstal aber an schönen Tagen gut besucht. Löst man damit nicht noch einen grösseren Andrang aus?
Michael Hutzli: Unser Ziel ist es, den sanften Tourismus zu fördern, von dem vor allem die Leute aus der Region, aber natürlich auch Auswärtige profitieren können. Wir wollen so wenig wie möglich Neues bauen, sondern die bestehende Infrastruktur modernisieren, neu inszenieren und dabei respektvolle Besucherinnen und Besucher ansprechen. Deshalb ist auch deren Lenkung ein grosses Anliegen unseres Projekts.
Das klingt immer so einfach. Doch wie kann man eine grosse Anzahl an Leuten lenken?
Das ganze Projekt des Erlebnisraums ist erst in der Planung. Konkrete Antworten kann ich zu diesem Zeitpunkt also noch keine geben. Aber wir könnten uns etwa vorstellen, Ranger an der Töss patrouillieren zu lassen. Diese würden die Menschen an die Regeln erinnern und aufklären. Denn vor allem entlang der Töss ist der Andrang schon heute sehr gross – und dort sind auch die Probleme am grössten. Zuweilen sieht man Liegestühle im Wasser und Abfall am Ufer. So geht das nicht.
Serie Besucherdruck
Die Bevölkerungszahlen steigen und mit ihnen der sogenannte Besucherdruck auf beliebte Ausflugsziele in der Region. An den Wochenenden sind diese regelmässig überfüllt. Wir haben nachgefragt, wie die verschiedenen Interessengruppen damit umgehen.
Im Rahmen dieser Serie sind bereits erschienen:
Menschen strömen an den Greifensee – er sorgt für Ordnung
Hier herrscht am Wochenende riesiger Andrang
Wie der Tourismus nach Corona lokale Bergwirte herausfordert
Deshalb fühlen sich die Ausflügler im Tösstal wohl
Die Ranger werden also zu Töss-Polizisten?
Ranger sollen vor allem vermitteln, wie wichtig es ist, der Natur Sorge zu tragen. Natürlich sind sie keine Polizisten. Aber wir können auch nicht die Polizei entlang der Töss patrouillieren lassen. Und auch die Gemeindearbeiter sind schon stark ausgelastet.
Sie sollen aber die unliebsamen Besucher fernhalten.
Wir können und wollen niemandem verbieten, ins Tösstal zu kommen. Doch wer hier ist, der soll sich an die Regeln halten und sich anständig verhalten. Das sollen die Ranger vermitteln. Mit den Angeboten des Erlebnisraums wollen wir keinen Halli-Galli-Tourismus fördern.
Der Erlebnisraum

Den Trägerverein des Erlebnisraums Tösstal bilden die Gemeinden Bauma, Wila, Fischenthal, Wald und Turbenthal. Das Ziel des Vereins ist es, die Region für Besuchende attraktiver zu gestalten. Dafür sieht er ein breites Angebot vor, das die Themenbereiche Aktivitäten, Natur, regionaler Genuss sowie Industriekultur umfasst.
Er will den Erlebnisraum Tösstal modular gestalten. Jeder der geplanten Themenwege ist ein Modul. So zum Beispiel der Genussweg oder der Erlebnisweg Wasserkraft. Letzterer ist als Velo- und Fussgängerroute von Wila bis Sennhof geplant.
Wiederkehrende Treffpunkte zwischen Wald und Sennhof sollen das Angebot abrunden. Einer davon könnte auf dem Platz des Sticki Kaffees in Turbenthal entstehen. Direkt nebenan befindet sich das Turbinenhaus.
Die Kosten des Projekts sind im Moment noch offen. Aktuell arbeiten die Verantwortlichen an elf verschiedenen Vorprojekten. Deren Vernehmlassung durch die Gemeinden, die Grundeigentümer und die Amtsstellen ist auf den Frühling 2024 geplant, die ersten Umsetzungen auf Anfang 2025. (bes)
Wir haben bisher nur von der Töss gesprochen. Das Tösstal hat aber für Ausflügler weit mehr zu bieten. Braucht es auch Ranger auf den übrigen Wanderwegen?
Nein, denn Probleme haben wir vor allem an der Töss. Ich glaube, es ist ein universelles Prinzip: Je weiter der nächste Parkplatz oder der nächste Bahnhof entfernt ist, umso weniger Probleme hat man. Das gilt für das Berner Oberland genauso wie für das Tösstal. Wer Kilometer lang wandert, der nimmt seinen Abfall auch wieder mit. Wir brauchen die Ranger dort, wo die meisten Leute sind.
Noch mehr Parkplätze an der Töss wollen Sie also bestimt nicht?
Nein, das Parkplatzangebot an der Töss reicht aus. Wir wollen deshalb keine weiteren grossen Parkplätze im Gebiet nahe der Töss, denn genau das würde einen weiteren Ansturm verursachen. Der Erlebnisraum Tösstal soll stark an das ÖV-Netz angebunden sein, damit die Besucherinnen und Besucher klimafreundlich mit dem Zug anreisen können.
Sie sind nicht nur Leiter des Projektausschusses des Erlebnisraums, sondern auch Gemeinderat in Wila. Die Bevölkerung hat teilweise eher verhalten auf die Idee des Erlebnisraums reagiert. Das zeigten etwa Leserbriefe im «Tössthaler». Wollen die Tösstaler überhaupt Tourismus?
Ich nehme selber zwei Fraktionen wahr. Wir Tösstaler sind stolz auf das, war wir hier haben. Die einen sind bereit, dies Personen aus anderen Regionen zu zeigen. Und dann gibt es jene, denen die Tagestouristen ein Dorn im Auge sind – vor allem jene, die sich eben nicht an die Regeln halten.
Und was entgegnen Sie den Skeptikern?
Ich kann nur immer wieder betonen, dass wir uns mit den Ideen des Erlebnisraums an respektvolle Besucherinnen und Besucher richten wollen. Der Erlebnisraum soll auch ein Qualitätslabel sein. Unsere Wege sind gut unterhalten und beschildert. Damit wollen wir sicherstellen, dass wir auch unser Zielpublikum anziehen.
Die Meinungen sind gespalten
Eine kurze Umfrage im Zentrum Wilas zeigt: Die Tösstalerinnen und Tösstaler sind sich nicht einig, wenn es um Tourismus in ihrem Gebiet geht. «Es ist einfach schade: Am Mittwoch oder am Wochenende kann ich mit den Kindern nicht an die Töss, es hat keinen Platz», meint eine junge Mutter. Sie wollte wie die anderen Befragten nicht mit Namen hinstehen. «Abseits gibt es noch einige schöne Plätze. Ich hoffe, die bleiben weiterhin geheim.»
Auch ein älterer Mann findet, es habe an der Töss zu viele Leute. «Und vor allem stösst man immer wieder auf Abfall, das kann doch nicht sein.» Das Problem sieht er aber nicht nur bei auswärtigen Besuchern. «Man sieht es ja bei jedem Schulhaus, viele junge Leute haben keinen Anstand mehr», meint er wertend.
Auch eine andere Wilemerin pflichtet ihm bei. «Der Abfall ist schon ein grosses Problem.» Doch das ist für sie keine Tourismus-, sondern eine Gesellschaftsfrage. Sie störe es nicht, wenn der Andrang an der Töss gross ist. «Ich gehe mit meinen Kindern manchmal ja auch an einen schönen Ort ausserhalb oder in die Ferien. Und dann bin ich froh, wenn man uns dort auch nicht wie eine Plage wahrnimmt.»