Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Schon wieder stehen Patienten vor verschlossener Tür

Im Ärztezentrum Turbenthal kehrt keine Ruhe ein: Ein Blatt an der Tür informiert über die Praxisschliessung. Inhaber Thomas Haehner widerspricht.

Die Tür ist geschlossen: Ein Aushang informiert die Patienten, dass im Moment niemand in der Praxis arbeitet.

Foto: Bettina Schnider

Schon wieder stehen Patienten vor verschlossener Tür

Hausarztpraxis in Turbenthal

Im Ärztezentrum Turbenthal kehrt keine Ruhe ein. Ein Aushang informiert über die Schliessung der Praxis. Der Inhaber beschwichtigt. Trotzdem bereitet sich die Gemeinde auf den Notfall vor.

Wer am Montag einen Termin im Ärztezentrum Turbenthal hatte, der war vergebens gekommen. «Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir zurzeit in der Praxis nicht arbeiten», war auf einem Aushang an der verschlossenen Glastür zu lesen.

Unterzeichnet wurde er vom MPA-Team und Ärztin Brigitte Rutz, die ebenfalls in der Praxis tätig ist. Ein Name fehlte hingegen auf dem Aushang: derjenige vom ärztlichen Leiter Thomas Haehner. Dieser steht nach einer Recherche von SRF Investigativ unter Druck.

Seit geraumer Zeit steht Hausarzt Thomas Haehner mit seinen Unternehmen Medium Salutis GmbH und Viamedica AG massiv in der Kritik. Recherchen des SRF-Investigativteams zeigten: In vielen der von ihm übernommenen Praxen herrschen demnach chaotische Zustände. Ehemalige Mitarbeitende berichteten zudem von finanziellen Problemen. Des Weiteren soll Haehner systematisch unnötige ärztliche Leistungen abgerechnet haben – insbesondere während der Corona-Pandemie. Dieses sogenannte Überarzten verstösst gegen das Krankenversicherungsgesetz (KVG). Mehrere Krankenkassen beäugen die Vorgänge in den Arztpraxen kritisch. So hat die Helsana eine Untersuchung gegen die Praxen eingeleitet und prüft alle Leistungen auf ihre Rechtmässigkeit. Haehner seinerseits dementiert sämtliche Vorwürfe und versichert, dass bei besagten Untersuchungen «nichts herauskommen wird». Er sieht sich als Opfer eines «besonders schweren Falls von Wirtschaftskriminalität» und befürchtet, man wolle ihn und seine Firmen in den Konkurs treiben. (nos)

Dem Deutschen gehören über ein Dutzend Arztpraxen in der Deutschschweiz – und in vielen von ihnen herrschen chaotische Zustände.

Das Team des Ärztezentrums Turbenthal äussert sich in dem Schreiben an der Tür nicht zu den Gründen, wieso in der Praxis derzeit nicht gearbeitet wird. Die Patienten werden aber informiert, dass sie am Freitag zwischen 14 und 17 Uhr ihre Akten und Rezepte abholen können.

Bleiben Sie auf dem Laufenden und erfahren hier die neuesten Entwicklungen rund um diesen Fall.

Das erweckt den Anschein, dass die Praxis bis auf Weiteres geschlossen bleibt. Inhaber Thomas Haehner widerspricht. «Die Praxis ist nur am Montag zu», sagt er am Telefon. Seine Stimme klingt dabei nervös und angespannt.

«Am Dienstag ist sie wieder normal geöffnet», verspricht er. Dass der Aushang eine andere Botschaft vermittelt, darauf geht Haehner nicht ein.

Bildkombo vom Hausarzt Thomas Haehner vor dem Ärztezentrum Turbenthal.
Die Praxis von Thomas Haehner war nicht zum ersten Mal unerwartet geschlossen.

Gegen Montagmittag war das Schreiben denn auch wieder verschwunden. Telefonisch war die Praxis trotzdem nicht erreichbar. Anrufer hörten nicht etwa, wie eigentlich zu erwarten wäre, den Telefonbeantworter. Sondern lediglich den Hinweis: «Auf dieser Nummer sind momentan keine Anrufe möglich.»

Ähnliches Szenario in anderen Haehner-Praxen

Die Informationen an der Tür lassen durchaus Schlimmeres vermuten: Vergangene Woche hat das Team des Ärztezentrums im thurgauischen Felben-Wellhausen die Arbeit niedergelegt. Grund dafür war, wie der «Blick» berichtete, dass der Lohn des vergangenen Monats nicht überwiesen wurde. Auch diese Praxis gehört Thomas Haehner.

In Freidorf TG hingegen kämpfen Patientinnen und Patienten seit Monaten darum, dass sie ihre Patientenakten erhalten. Diese hat der Kanton in der Zwischenzeit eingezogen.

Auch in Niederweningen ist eine Praxis aus dem Firmenkonstrukt von Haehner im Moment geschlossen. Die Patienten wurden dort ebenfalls per Aushang darüber informiert.

Bereits Chaos im Herbst

Und auch die Turbenthaler Hausarztpraxis scheint nicht zur Ruhe zu kommen. Thomas Haehner übernahm letzten Sommer die Praxis von Peter Flachsmann, der heute in der Ostschweiz tätig ist.

Bereits kurz nach der Übernahme gingen die Wogen ein erstes Mal hoch. Patienten beklagten sich über chaotische Zustände. Im Januar entschuldigte sich Haehner und gelobte Besserung.

Wir haben bereits viele Patienten übernommen.

Praxis Wilacare

Doch Ruhe kehrte nicht ein: Nachdem die Vorwürfe von SRF publik geworden waren, schloss die Praxis in Turbenthal zwischen Auffahrt und Pfingsten «aufgrund der aussergewöhnlichen Ereignisse in letzter Zeit», wie ebenfalls auf einem Aushang stand. Haehner sprach derweil von «Betriebsferien».

Keine Kapazität in Wila

Viele Patientinnen und Patienten haben anscheinend die Geduld verloren. Sie suchen einen neuen Hausarzt – im Tösstal kein leichtes Unterfangen. «Die Anfrage ist gross, und wir haben bereits viele Patienten übernommen», schreibt die Gemeinschaftspraxis Wilacare.

«Deshalb haben wir keine Kapazität mehr.» Es würden nur noch neue Patienten aus Wila aufgenommen.

Einzelne Patienten, die sich über die chaotischen Zustände im Ärztezentrum Turbenthal nerven, haben sich bereits an die Gemeinde gewandt. Doch ihr sind die Hände gebunden. «Wir stehen aber im engen Austausch mit der Gesundheitsdirektion», sagt Gemeindepräsident René Gubler (FDP).

Gemeinde bereitet sich vor

Nachdem Gubler von den Praxisschliessungen im Kanton Thurgau erfahren hat, will er vor allem verhindern, dass es in Turbenthal zu einem vergleichbaren Chaos kommt. «Geht die Praxis tatsächlich zu, ist es wichtig, dass es eine geordnete Übergabe der Patientendossiers gibt.»

Das Amt für Gesundheit hat Kenntnis und steht mit der Gemeinde im Austausch.

Laura Gialluca, Amt für Gesundheit

Doch selbst dann würden weitere Probleme drohen, sagt Gubler. Wer kann dann die Patienten übernehmen? Ihm sei bewusst, dass die anderen Arztpraxen in der Region ausgelastet seien.

«Vor allem ältere und betagte Patienten sind auf eine Versorgung vor Ort angewiesen», betont der Gemeindepräsident. Eine Lösung sei schwer zu finden.

Die Gesundheitsdirektion äussert sich bisher zurückhaltend. «Das Amt für Gesundheit hat Kenntnis und steht mit der Gemeinde im Austausch», schreibt die Kommunikationsverantwortliche Laura Gialluca. «Patientinnen und Patienten, die eine dringende ärztliche Behandlung benötigen, können sich in Abwesenheit ihres Hausarztes an das Ärztefon wenden.»

Das Ärztefon ist 24 Stunden am Tag als Helpline für nicht lebensbedrohliche medizinische und zahnmedizinische Notfälle unter Telefon 0800 33 66 55 verfügbar. Bei akuter Lebensgefahr kontaktiert man sofort die Notrufnummer 144.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns