Hier ist doch was falsch?
Umgang mit Demenz in Rüti
Das Migros-Restaurant als Experimentierort: Rütnerinnen und Rütner konnten sich hier in die Lage von Demenzerkrankten versetzen.
Im Migros-Restaurant in Rüti waren am Mittwoch plötzlich Zahnbürsten im Besteckfach oder Pommes Chips im Kühlregal zu finden. Mit solchen Irritationen wollte die Altersbeauftragte von Rüti, Lara Kissling, gemeinsam mit der Institution Alzheimer Zürich auf spielerische Art und Weise auf die Problematik und den Umgang mit der Demenz hinweisen.
Sie ist eines der zentralen Themen, die im Rahmen der «Altersstrategie 2030» noch stärker an die Öffentlichkeit gebracht werden sollen. «Gemeinsam mit Alzheimer Zürich wollen wir ein starkes Zeichen setzen und so die Inklusion von Demenzerkrankten fördern», erklärt Kissling.
Was soll das?
Jene Passanten, die zum Einkauf oder für einen Restaurantbesuch in die Migros Rüti strömten, hielten vielleicht bereits beim Info-Mobil von Alzheimer Zürich vor dem Eingang kurz inne, um sich über Demenz zu informieren. Obwohl sich die Krankheit stets weiter verbreitet, ist sie für viele, Betroffene und Angehörige, noch immer ein Tabuthema.
Andere wiederum passierten den Eingang des Restaurants, ohne etwas zu merken, und fragten sich erst beim Getränkeregal, wieso plötzlich eine Packung Pommes Chips neben dem Mineralwasser und dem Eistee zu finden war. «Mit diesen kleinen Tricks weisen wir die Kundschaft auf eine Problematik hin, die immer mehr Menschen betrifft», sagt Kissling.
Oder ganz einfache Fragen, welche die Altersbeauftragte beim Info-Mobil stellte, wie: «Haben Sie heute auch schon etwas vergessen oder Ihr Handy verlegt?» Natürlich sei dies noch kein Hinweis auf eine allfällige Demenzerkrankung. Und doch würden Betroffene meist viel zu spät feststellen, dass sie die Demenz früher oder später einholen könnte.
Der Treffpunkt
Es mag wie ein Vorurteil klingen, und doch entspricht es in vielen Fällen der Wahrheit: Ältere Menschen treffen sich gerne im Migros-Restaurant. In Rüti sowieso, da es direkt im Ortszentrum liegt. «Einen besseren Ort, um auf die Demenzproblematik hinzuweisen, hätten wir uns nicht wünschen können», sagt die Beraterin Nina Wolf von Alzheimer Zürich.
Deshalb hat sie mithilfe von Lara Kissling und dem Geschäftsleiter Peter Nauer das Migros-Restaurant für einen ganzen Tag zu einem Ort der Irritation umgewandelt. So finden sich plötzlich Pflaster neben dem Pulver für die Ovomaltine, oder direkt neben der Kasse liegen bunte Socken in einem Körbchen. Nebenan sind Bananen, daneben steht geschrieben: «Gelbe Dinger, die krumm wachsen.» Oder das Brotbuffet ist mit dem Schriftzug versehen: «Braunes Zeugs, das Brösmeli macht.»
Auf die Frage, ob ihr im Selbstbedienungsbereich etwas aufgefallen sei, erwidert eine ältere Dame nur scherzhaft: «Es ist alles teurer geworden!» Die bewusst platzierten Verkaufsartikel seien ihr hingegen gar nicht aufgefallen.
Sensibilität ist gefragt
Auf Demenz hinzuweisen, ist nicht einfach und erfordert Fingerspitzengefühl. Deshalb hat sich die Gemeinde Rüti gemeinsam mit Alzheimer Zürich bewusst dafür entschieden, die Besucher mit Gegenständen zu irritieren, die sich am falschen Ort befinden. «Demenz findet nicht in der stillen Kammer statt, und doch erkennen sie nur wenige frühzeitig», erklärt Wolf.
Plötzlich fänden sich Leute im Alltag nicht mehr zurecht und würden versuchen, mit der Krankenkassenkarte zu bezahlen. «Obwohl es so viele Erkrankte und Angehörige gibt, wird die Krankheit zu sehr tabuisiert», meint Wolf.
Auch deshalb könne man nicht mit Aufdringlichkeit agieren, sondern müsse sensibel vorgehen. Schliesslich würden sich zu viele Betroffene schämen, wirklich offen über die Demenz zu sprechen. «Wer möchte sich schon eingestehen, dass man sich im Alltag nicht mehr zurechtfindet?»
Als Warnzeichen von Demenz gelten: Vergesslichkeit, Probleme mit der Sprache, Orientierungslosigkeit, unangemessenes Verhalten, Wahnvorstellungen, fehlender Antrieb oder Schwierigkeiten mit einfachsten Alltagsaufgaben.
Aktuell leben in der Schweiz zirka 150'000 Menschen mit Demenz. Jährlich kommt es dabei zu 32'200 Neuerkrankungen, was bedeutet, dass alle 16 Minuten jemand neu an Demenz erkrankt. 66 Prozent der Menschen mit Demenz sind Frauen. Die Gemeinde Rüti möchte sich weiterhin als «altersfreundliche Gemeinde» für Demenzerkrankte und deren Angehörige einsetzen. Deshalb veranstaltet sie am 26. Oktober um 19 Uhr im «Löwen»-Saal die Podiumsdiskussion «Demenz aus Sicht verschiedener Generationen».