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Flarzhaus erzählt Geschichte einer Baumer Fabrikarbeiterin

Keine Dusche, kein Kühlschrank, kein Strom: So war Rosa Freddis Alltag bis in die Siebzigerjahre.

Hier wohnte Rosa Freddi fast 100 Jahre lang. Dank dem Lehmofen (rechts) steht der Flarz heute unter Schutz.

Fotos: PD

Flarzhaus erzählt Geschichte einer Baumer Fabrikarbeiterin

Ohne Strom und fliessendes Wasser

In einem Haus im Weiler Undalen ist die Zeit stehen geblieben: Im Flarz von Rosa Freddi kann man in das Leben vor über 100 Jahren eintauchen.

Der Flarz im Baumer Dörfchen Undalen wirkt unscheinbar. Hinter der Haustür könnten sich auch modern umgebaute Innenräume befinden. Doch beim Betreten ist es dunkel, und der Geruch von «alt» steigt einem in die Nase. Der Boden knirscht, es ist auch an diesem warmen Tag im Mai kalt.

Es scheint, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Tatsächlich ist das Flarzhaus immer noch im Zustand von 1978. In diesem Jahr ist seine Besitzerin Rosa Freddi, eine ehemalige Fabrikarbeiterin, gestorben.

Als in der Nachkriegszeit der Wohlstand um sie herum grösser wurde und die Lebensverhältnisse sich auch in ländlichen Regionen luxuriöser gestalteten, ging sie nicht mit der Zeit. In ihrem Haus gab es kein fliessendes Wasser und kein Badezimmer. Gekocht wurde zuerst mit Feuer und später mit Gas.

Der Flarz

Die typische Hausform des Zürcher Oberlands ist das Flarzhaus. Es ist ein «bäuerliches Reihenhaus», das aus der Not entstanden ist. Der Ausdruck Flarz stammt von «umeflarze». Das hat die alte mundartliche Bedeutung «kriechen, sich ducken». Sie passt zu den niedrigen Häusern mit den schwach geneigten Dächern. Flarze sind durch das Teilen, Um- und Anbauen von bestehenden traditionellen Kleinbauernhäusern entstanden. (Quelle: Zürioberland Kultur)

Bis 1975 gab es im Haus keinen Strom. «Erst als der Doktor ihr sagte, dass ihr Haus abbrennt, wenn sie mit der Petrollampe auf der Treppe stürzt, konnte sie sich dazu überwinden», erzählt Gabi Faerber. «Aber nur für die Beleuchtung.»

Faerber führt seit Jahren durch das Haus, das heute als Museum dient. Hier lebte Rosa Freddi fast 100 Jahre lang. Es steht unter Denkmalschutz und dient als Zeitzeuge für das Leben der Industrialisierung.

Geboren wurde Ida Rosa Freddi im Flarz im Jahr 1885. Sie war die Tochter einer Einheimischen und eines italienischen Wanderarbeiters. Das erklärt auch ihren fürs Tösstal untypischen Nachnamen – und ihre Religion. Sie war praktizierende Katholikin im sonst stark reformiert geprägten Oberland.

Bevor es in Bauma eine katholische Kirche gab, hatte sie am Sonntag jeweils einen 15 Kilometer langen Fussmarsch nach Wald in Kauf genommen.

Ein einfaches Leben

Rosa Freddi hatte keinen einfachen Start ins Leben: Als sie drei Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Die Tante und der Onkel zogen deshalb die drei Freddi-Kinder gross. Ihr Vater, der für den Bau der Tösstal-Linie in die Schweiz gekommen war, war als Wanderarbeiter ständig unterwegs.

Nach der Schule, im Alter von 14 Jahren, trat Rosa Freddi ihre Stelle in der Weberei Grüntal in Juckern an.

Hier sollte sie bis 1950 bleiben. 51 Jahre lang. «1948 wurde die AHV eingeführt, und Rosa Freddi war wohl eine der Ersten, die hier davon profitieren konnten», sagt Museumsführerin Faerber.

Man hat sie gerochen

Mit ihrem Einkommen aus der Textilfabrik führte Rosa Freddi ein bescheidenes Dasein. Sie unterhielt einen eigenen kleinen Garten und baute dort auch Gemüse wie Kartoffeln an.

Einen Kühlschrank sucht man in ihrem Haus natürlich vergebens. Freddi hatte dafür eine Speisekammer im gemauerten Teil des Flarzes, der auch im Sommer kühl blieb.

Statt fliessendes Wasser hatte die Textilarbeiterin einen Bottich. Als sie etwas älter wurde, füllte ein Nachbar diesen einmal pro Woche. «Man kann sich vorstellen, dass das Wasser nach einer Woche ziemlich abgestanden war», erzählt Faerber.

Duschen konnte Freddi nicht. «Es gab zwischendurch eine Katzenwäsche, das musste reichen. Leute, die Rosa Freddi noch gekannt haben, erzählen, dass man sie riechen konnte.»

Zum Flarz gehört auch ein Ziegenstall, die Güllengrube liegt gleich unter dem Boden beim Hauseingang. «Es ist unklar, wie lange hier Ziegen lebten, aber auch das hat natürlich für einen feinen Körperduft nicht geholfen», meint Faerber.

Alles aufbewahrt

Von Rosa Freddis Bescheidenheit zeugt bis heute die Einrichtung im Flarz. Immer noch findet man hier ihr Geschirr, ihre Kleider und Hüte. Kreuze und religiöse Bilder an der Wand und auf der Kommode zeugen von ihrem tiefen Katholizismus.

Zahlreiche Anekdoten

Über Rosa Freddi sind bis heute verschiedene Anekdoten aus ihrem Leben bekannt. Gut möglich, dass hin und wieder etwas hinzugedichtet wurde.

So soll einst ein Briefträger das Haus von Rosa Freddi betreten haben. Da niemand öffnete, trat er in den Flarz, der stockdunkel war. Er dachte, er habe die Treppe erreicht, wollte hochsteigen und stiess den Kopf an. Da öffnete Rosa Freddi die Tür und fragte ihn, was er genau mache. Er stand nicht etwa auf der Treppe, sondern auf dem Herd.

In der Küche stehen neben dem Herd auch noch der Wasserbottich und das Waschbrett. Zeitlebens hat Freddi ihre Kleider von Hand gewaschen.

Als Freddi 1978 starb, war das Haus aber fast von oben bis unten mit Gegenständen vollgestopft. «Sie hat alles aufbewahrt», erzählt Faerber. «Nicht, weil sie ein Messie war, sondern, weil sie wohl nicht wusste, was sie eines Tages noch gebrauchen kann.»

Angst vor einem neuen Leben

In den vielen Unterlagen fanden sich auch Teile eines Briefwechsels mit einem nach Amerika ausgewanderten Luxemburger. Mit ihm unterhielt Rosa Freddi bis 1929 fast zehn Jahre lang einen regen Briefverkehr. «Eingefädelt hatte dies eine Frau aus dem Dorf, die nach Upstate New York ausgewandert war.»

Ihr Brieffreund wollte ihr das Leben und die Ehe in den USA schmackhaft machen. Zweimal hat er ihr das Geld für die Überfahrt nach Amerika geschickt. «Doch sie ist hiergeblieben, sie wollte nicht weg», erzählt Faerber. «Den genauen Grund kennt man nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass sie Angst hatte.»

So blieb Freddi ihr ganzes Leben unverheiratet und kinderlos. Vereinsamt war sie aber nicht. Sie pflegte auch viele weitere Brieffreundschaften. Davon zeugen die unzähligen Postkarten, die im Freddi-Haus bis heute aufbewahrt werden. «Auch in Chor und Kirche war sie bestens vernetzt», sagt Faerber.

Erinnerung nicht verlieren

Verwandte hatte sie allerdings wenige. Es gab keinen Erben für das Haus.

Da in ihm noch ein alter Lehmofen – der einzige im Kanton – steht, wurde es unter Denkmalschutz gestellt. Heute gehört das Haus denn auch dem Kanton, der den Unterhalt bezahlt. Die Gemeinde Bauma ist für die Organisation von Führungen verantwortlich.

In den letzten Jahren hat das Interesse am Haus abgenommen. Faerber und die drei anderen Museumsführer wollen das wieder ändern. Neu gibt es auch offene Sonntage, an denen man es besuchen kann (siehe Box). Faerber sagt: «Es ist wichtig, dass wir die Erinnerung an diese Zeit nicht verlieren.»

Offene Sonntage

Neu kann man in diesem Sommer auch an drei offenen Sonntagen in das Leben der Rosa Freddi und dasjenige von vielen anderen Textilarbeitern und -arbeiterinnen ihrer Zeit eintauchen. Am 4. Juni, 2. Juli und 10. September (die kantonalen Denkmaltage) öffnet das Freddi-Haus an der Undelstrasse 31 von 10 bis 16 Uhr die Türen.

In Undalen gibt es nur wenige Parkplätze. Deshalb empfiehlt es sich, mit dem ÖV (Postauto bis Saland, Dillhus) oder mit dem Velo anzureisen. Der Eintritt kostet fünf Franken. Es gibt ausserdem eine kleine Festbeiz. Mehr Informationen finden sich auf der Website von Kultur in Bauma.

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