Eine ukrainische Unternehmerin will in Wald Fuss fassen
Von Kiew ins Oberland
In Kiew hatte sie sich eine sichere Existenz als selbständige Unternehmerin. Dann nahm der Krieg Taisa Stadnichenko alles , was ihr lieb und teuer war.
In der Ukraine war sie eine erfolgreiche Unternehmerin in der Kommunikationsbranche. Seit Beginn dieses Jahrs lebt die 49-jährige Taisa Stadnichenko in der 10’000-Seelen-Gemeinde Wald und muss mit 539 Franken pro Monat über die Runden kommen.
Die Kosten für die Untermiete bei einem in Wald wohnhaften Architekten, den sie aus früheren Zeiten kennt, sind durch die Gemeinde gedeckt.
Trotz der Dankbarkeit, welche Taisa Stadnichenko gegenüber der Schweiz empfindet, die sie und ihre Landsleute mit offenen Armen empfangen hat, hadert sie damit, dass sich die finanzielle Unterstützung in den Kantonen unterscheidet.
Man könnte vom berüchtigten «Kantönligeist» sprechen. Denn eine gute Bekannte von Taisa Stadnichenko, die noch vor ihr in die Schweiz geflüchtet ist und in Basel lebt, erhält monatlich 700 Franken Unterstützung.
«Ich möchte nicht klagen, denn ich weiss, dass es genügend Schweizer gibt, die nicht verstehen, dass wir Unterstützung bekommen.»
Sie habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass ihr Leute vorwurfsvoll entgegneten: «Hier hast du es doch ohnehin besser als in der Ukraine – ihr habt doch alle nur darauf gewartet, von da wegzukommen.» Ein angeblich weitverbreiteter Irrglaube.
Mehr als Überleben geht nicht
In ihrer Heimat Kiew führte Taisa Stadnichenko noch bis vor einem Jahr ein mehr als nur angenehmes Leben. Dies hatte sie ihrem Willen und Ehrgeiz zu verdanken.
«Ich war schon immer eine Macherin.» Dass ihr nun die Hände gebunden seien und sie abgesehen vom täglichen Deutschunterricht nicht viel tun könne, schmerze sie sehr.
«Ich hatte zu Hause ein Pferd und habe mich neben meiner Agentur auch darauf spezialisiert, Pferdeliteratur ins Russische zu übersetzen.» Kurz vor Kriegsbeginn sicherte sie sich die Rechte für den alleinigen Vertrieb von Pferdeliteratur nach Russland.
Neben der PR-Agentur baute sie seit 2017 einen Verlag auf, der sich auf Reitfachliteratur in russischer Sprache spezialisiert und diese überwiegend in Russland verkauft hat.
Stadnichenko hatte die Verkaufserlöse ins Wachstum investiert, sodass bei Kriegsausbruch Tausende von veröffentlichten Büchern in einem russischen Lagerhaus standen.
Es ist offen, ob sie je davon profitieren wird. Derzeit führt sie ein Leben, als ob sie noch nie gearbeitet und sich noch nie etwas erarbeitet hätte.

Dennoch fühle sie sich im Vergleich zu anderen ihrer Landsleute nach wie vor privilegiert. «In einem ehemaligen Altersheim hier in Wald leben rund 60 Leute auf engstem Raum, die sich eine Küche und zwei Kühlschränke teilen müssen.» Bald sollen noch mehr Flüchtlinge hinzukommen.
In diesem Zusammenhang erwähnt sie einen weiteren Missstand, der in anderen Kantonen dank Vorschriften gar nicht möglich wäre: In Wald leben in den ehemaligen Bauten der Stiftung Drei Tannen beispielsweise ein 30-jähriger Ukrainer und seine 50 Jahre alte Mutter in einem Zimmer.
Normalerweise werden Familienmitglieder ab einem bestimmten Alter nicht mehr zusammen in demselben Zimmer untergebracht. Zumindest nicht, wenn sie unterschiedlichen Geschlechts sind.
Ein Wechsel des Standorts sei ihnen erst erlaubt, wenn sie einen Job gefunden hätten und so nicht mehr auf Unterstützung angewiesen wären.
Vielseitig engagiert
Trotz vielen Schwierigkeiten lässt sich Stadnichenko nicht entmutigen und glaubt fest an eine «neue» Zukunft für sie und ihre Landsleute. Den Kopf in den Sand stecken sei keine Option. Selbstaufgabe kam für die Unternehmerin schon beim Ausbruch des Kriegs am 24. Februar 2022 nicht infrage.
Zunächst stellte sie sich die Frage, ob sie selbst kämpfen könnte – getan hätte sie es. Diese Idee verwarf sie allerdings ziemlich schnell. Sie entschied sich, ihre Kräfte dort einzusetzen, wo sie am besten von Nutzen wären.
Als Pferdeliebhaberin organisierte sie gemeinsam mit einer ukrainischen Stiftung eine Grossaktion für die Rettung von Pferden.
«Dank einer Datenbank, die gefährliche Zonen prüfte, konnten wir so insgesamt 6000 Pferde retten», sagt sie stolz. Auch Hunde und Katzen habe sie zwischen den Beschusszeiten, wenn möglich, in sichere Obhut gegeben.
Und auf diese Weise kam sie auch zu ihrem derzeitigen Begleiter, den sie in Kiew auf einer Strasse fand. Eine schwarze Dogge, die damals gerade einmal noch 22 Kilogramm wog.
«Nun geht es ihr mit einem mehr als doppelt so hohen Körpergewicht von 50 Kilogramm wieder recht gut.»
Ereignisreiche Flucht
Dass der Krieg in der Ukraine überhaupt ausbrach, war für Stadnichenko fast noch weniger zu akzeptieren als ihr Leben während der ersten Kriegsmonate.
Wie die gesamte Welt dachte auch sie, es werde zwar ein schlimmer, aber kurzer Krieg. «Leider war dem bekanntlich nicht so.»
Sie habe die meiste Zeit in ihrem Auto in einer relativ sicheren Tiefgarage verbracht. Zum Schlafen kam sie eigentlich nie.
Und sobald sie einmal ihr Handy einschaltete und Zugang zum Internet hatte, waren da wieder Dutzende neue Nachrichten von Bekannten, die sie völlig aus dem Konzept brachten. «Es war ganz gut, dass ich die meiste Zeit kein Internet hatte», stellt sie rückblickend fest.
Es war ganz gut, dass ich die meiste Zeit kein Internet hatte.
Tania Stadnichenko über die erste Zeit während des Krieges
Zunächst wollte sie nicht wie viele «einfach» fliehen. Ein weiterer, eher pragmatischer Grund zum Bleiben war, dass durch die Fluchtwelle so viel Stau entstand, dass man zwei Tage brauchte, um überhaupt aus Kiew herauszukommen.
Und dann war da auch noch ihre stolze 74-jährige Mutter, die Kiew um keinen Preis verlassen wollte. «Ich bin dann mit einem Nachbarn aus Kiew zunächst ins westliche Lwiw geflohen, wo es deutlich sicherer war.»
Dort blieb sie bis zu Beginn dieses Jahrs, während die meisten Geflüchteten das Land schon viel früher verlassen hatten und zunächst ins benachbarte Polen strömten.
Bevor sie von Lwiw in die Schweiz floh, konnte sie zwischenzeitlich auch ihre Mutter zu einer Flucht überreden. Mittlerweile lebt sie im ziemlich sicheren Lwiw, während ihre Tochter bis nach Wald weitergezogen ist.
Mehr Bremsklotz als Unterstützer?
Seit dem 3. Februar in Wald angekommen, möchte Stadnichenko wie in ihrem ehemaligen Leben auch hier möglichst schnell Fuss fassen. Hierbei braucht sie aus nachvollziehbaren Gründen Hilfe, auf die sie bisher nie angewiesen war.
«Man fühlt sich schon etwas hilflos in einem fremden Land und weiss nicht recht, wo es was gibt und welche Knöpfe man drücken soll.»
Neben der von der Gemeinde bezahlten Miete und dem Betrag über 539 Franken, der für Essen, Kleidung und Medikamente reichen soll, sind ihre Möglichkeiten ziemlich beschränkt.
«In der Ukraine gibt es keine Pflicht für eine Hundeschule.» Nun seien plötzlich viele Ukrainerinnen und Ukrainer in der Schweiz, die einen oder gleich mehrere Hunde mitgebracht hätten.
Diese müssten sie registrieren lassen und stellten dabei fest, welch hohe Kosten auf sie zukämen. Speziell die Hundeschule könnten sich die meisten nicht leisten.
Das Amt kommt einem kaum entgegen und zeigt wenig eigene Initiative.
Tania Stadnichenko über den Austausch mit der Asylorganisation des Kantons
Dass solche Kosten nicht übernommen würden, sollte von der Asyl-Organisation Zürich (AOZ) kommuniziert werden, findet sie. Die hiesigen Gegebenheiten machen ihr zu schaffen. «Das Amt kommt einem kaum entgegen und zeigt wenig eigene Initiative.»
Sie fühle sich meist wie in einem luftleeren Raum. Und wenn sie ein Anliegen habe, wie kürzlich den Kauf eines kleinen Möbels, fürchte sie sich fast, beim Amt nachzufragen, ob dieses die Kosten dafür tragen werde. Mit einer Zusage sei ohnehin nicht zu rechnen.
«Ich weiss von einem Fall, wo eine Frau sich darüber beklagte, dass sie wegen ihres Hustens nicht mehr schlafen könne und einen Arzt brauche.» Eine kuriose und schockierende Antwort der AOZ sei gefolgt: «Man sagte ihr, sie hätte wohl psychische Probleme, also brauche sie einen Psychiater, eine normale ärztliche Behandlung würde man ihr aber nicht bezahlen.»
Von Jugendlichen aus dem Altersheim Drei Tannen hörte sie gar von einer fragwürdigen Ermahnung. «Wie junge Menschen so sind, verbringen sie am Wochenende gerne mal einen Abend draussen und trinken vielleicht einmal ein Bier zu viel», meint Stadnichenko.
Dabei seien die Jugendlichen zu laut geworden, worauf die AOZ sie mit einem offiziellen Brief ermahnt habe. «Man sagte ihnen, ihr seid künftig still, oder wir streichen euch eure gesamten Monatsbeträge.»
Allein von Gesetzes wegen wäre ein solches Vorgehen nicht konform. Denn es gebe keine Information, dass die AOZ solche Massnahmen durchsetzen dürfe.
Nach kantonalem Recht
Von der AOZ berät ein Sozialarbeiter die rund 100 Personen mit Schutzstatus S in der Gemeinde Wald. Insgesamt betreut die AOZ rund 3700 Personen aus der Ukraine in über 30 Gemeinden im ganzen Kanton.
Auf die Lage in Wald angesprochen, weist die AOZ die nicht auf diesen Fall spezifizierten Vorwürfe, die Stadnichenko erhebt, generell zurück.
Es sei eine ausserordentliche Leistung gewesen, die grösste Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg zu bewältigen und die Personen mit dem Schutzstatus S in die Asylsozialhilfe aufzunehmen.
Generell richten sich die Leistungen der Asylsozialhilfe nach dem jeweiligen kantonalen Recht. «Der Bund vergütet den Kantonen die Kosten für die Sozialhilfe mit Pauschalbeträgen.
Die Pauschale für die Sozialhilfekosten der Asylsuchenden im Kanton Zürich beträgt aktuell 1697,46 Franken pro Monat», erklärt Martin Reichlin von der AOZ. Für den Kanton Basel-Stadt sind es 1681,46 Franken.
Jederzeit ansprechbar
Auch die Kommunikation sei gewährleistet: Der zuständige Berater sei grundsätzlich an jedem Wochentag telefonisch, per E-Mail oder Chat erreichbar.
«Er bietet zudem wöchentliche Sprechstunden vor Ort an, die spontan oder nach Verabredung genutzt werden können», sagt Reichlin.
Es kann bei knappem Wohnraum unter Umständen zu einer Belegung kommen, die nicht dem optimalen Wert entspricht.
Martin Reichlin, Asylorganisation Kanton Zürich (AOZ)
Die Website der AOZ stelle zudem ausführliche Informationen auch auf Russisch und Ukrainisch zur Verfügung. Hinzu komme eine Ukraine-Hotline.
Für die Zuteilung des Wohnraums sei allerdings nicht die AOZ, sondern die jeweilige Gemeinde zuständig. «Es kann bei knappem Wohnraum unter Umständen zu einer Belegung kommen, die nicht dem optimalen Wert entspricht.»
Ausreichend Platz?
Der Gemeindeschreiber der Gemeinde Wald, Martin Süss, beschreibt die Infrastruktur für Geflüchtete als ausreichend. «Im ehemaligen Altersheim Drei Tannen sind momentan rund 45 Geflüchtete untergebracht, wobei der frühere Altersheimbetrieb für 60 Personen gedacht war.»
Zudem seien die Ausstattung und die Ausrüstung des Gebäudes in den letzten Monaten immer wieder ergänzt und optimiert worden.
«Wald hat neben dieser Kollektivunterkunft schon vor längerer Zeit ein leer stehendes Mehrfamilienhaus vorübergehend zur Miete erhalten», sagt Süss. Dort sind inzwischen verschiedene Flüchtlinge untergebracht.
Mit dem neuerlichen Zustrom und der Erhöhung der Aufnahmequote im Kanton Zürich auf 1,3 Prozent werde die Unterbringung in zusätzlichen Wohnungen und in einem ehemaligen Firmengebäude bald erfolgen.
Das hiesige System der Asylsozialhilfe ist komplex. Je nachdem, wohin Flüchtlinge zugewiesen werden, bekommen sie unterschiedlich hohe Unterstützungsbeträge. Die Gemeinden entscheiden selbst über die Höhe der Hilfeleistungen. Eine Vorgabe des Kantons, die alle Gemeinden zu einem einheitlichen Betrag verpflichtet, gibt es nicht. So ist es möglich, dass in einer Gemeinde 30 Prozent eines üblichen Sozialhilfebeitrags für den nötigen Grundbedarf entrichtet werden und in einer anderen bis zu 70 Prozent. Für einen Einpersonenhaushalt wird mit 1000 Franken (ohne Mietkosten) gerechnet, was für Geflüchtete mit dem Schutzstatus S 300 bis 700 Franken ergibt. (lda)
