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So queer übersetzen internationale Profis

Kim de l’Horizons Roman Blutbuch wurde mit dem Schweizer und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Übersetzerinnen und Übersetzer diskutieren im Übersetzerhaus den Roman «Blutbuch».

Foto: Monica Mutti

So queer übersetzen internationale Profis

Übersetzerhaus in Wernetshausen

Wie übersetzt man gendergerecht? Dieser Frage geht ein Team bestehend aus elf Übersetzerinnen und Übersetzern nach. Sie alle stellen sich der Herausforderung, Kim de l’Horizons Roman «Blutbuch» zu übersetzen.

«Pfammpfapfen» – wie übersetzt man diese Wortschöpfung, Tannzapfen kindlich ausgesprochen, ins Tschechische? Oder wie bezeichnet man eine genderneutrale Figur im Spanischen? Solche Fragen stellten sich die Übersetzerinnen und Übersetzer in Wernetshausen im Zürcher Oberland. Im Übersetzerhaus haben sie sich in einer besonderen Werkstatt zum Denken eingefunden.

Der Roman, an welchem sich die international zusammengesetzte Gruppe den Kopf zerbricht, stammt aus der Feder von Kim de l’Horizon. Eine Schweizer Person, die sich als non-binär definiert und dies im Roman «Blutbuch» literarisch gekonnt bearbeitet.

«Blutbuch» – eine Erfolgsgeschichte

Der Roman wurde mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Das Buch von Kim de l’Horizon auf einem Tisch im Übersetzerhaus
«Blutbuch» ist bereits ins Spanische übersetzt worden.

Kim de l'Horizon und das «Blutbuch» sind eng miteinander verknüpft. Die Erzählfigur in «Blutbuch» identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem Schweizer Vorort, lebt sie nun in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im non-binären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Dann erkrankt die Grossmutter an Demenz, die Vergangenheit holt die Figur ein, doch die Erinnerung an die eigene Kindheit lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Die Erzählfigur wehrt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der weiblichen Blutslinie.

Verständnis schärfen in der Übersetzungswerkstatt

Geschnitzt und gehämmert wird in der Übersetzungswerkstatt mit Hirn, Stift und der Computertastatur. Die Gruppe sitzt mit der Autorenperson im grossen Wohnraum. An der Wand sind mehrere Papiere in Weltformat mit Fragen angebracht, die es zu klären gilt. Seite für Seite arbeitet sich die Gruppe durch das Buch, Übersetzerinnen und Übersetzer fragen nach Erklärungen von Begriffen, über welche sie gestolpert sind.

Es taucht die Frage auf, was das Wort «abläschele» bedeutet. «Zum Beispiel, wenn du jemandem sagst: ‹Oh, das ist aber eine schöne Vase, die brauchst du doch gar nicht.› Dann ist das ‹abläschele›. Es geht dabei um eine höfliche Form des Abschwatzens», erklärt Kim de l’Horizon.

Männer und Frauen sitzen in einer Stube im Kreis.
In dieser Stube diskutieren die Übersetzerinnen und Übersetzer angeregt mit Kim de l’Horizon.

Was genau ist ein «Spätzli-Blitz?», fragt eine Person aus der Runde. «Das ist ein Gerät von Betty Bossy, einer Schweizer Firma. Am besten googelt ihr das, dann seht ihr, was es ist», erklärt de l’Horizon.

Es dominieren komplexere Diskussionen, die sich manchmal auch um Details drehen. So erklärt Kim de l’Horizon die Schreibweise von «Bergbauern*». «Viele weibliche Personen bezeichnen sich auch als Bauer. Die Bäuerin ist diejenige, die im Haus ist, die den privaten Garten des Hofs pflegt.» Darum würden viele weibliche Personen von sich sagen, sie seien ein Bauer. «Ich wollte nicht einfach Bauer schreiben, aber auch nicht Bäuerin. Darum habe ich eine Version mit Sternchen gewählt. Ich bin aber nicht zu 100 Prozent glücklich damit.»

Viel Hirnpower im Übersetzerhaus – Zimmer mussten dazu gemietet werden

Im Übersetzerhaus Looren mit Blick auf den Obersee finden Übersetzerinnen und Übersetzer aus der ganzen Welt einen Platz zum Arbeiten.

Das Übersetzerhaus gibt es schon seit 18 Jahren, die aktuelle Übersetzungswerkstatt sei aber ein ganz spezieller Anlass, sagt die Geschäftsleiterin Gabriela Stöckli. Fünf Tage lang tauschen sich die Teilnehmenden aus elf verschiedenen Ländern unter der Leitung der Übersetzerin Iryna Herasimovich aus. Kim de l’Horizon arbeite an drei Tagen ebenfalls intensiv mit. «Alle Zimmer im Übersetzerhaus sind besetzt, wir mussten sogar noch Räume im Dorf dazu mieten», erklärt Stöckli.

Es sei zehn Jahre her, dass man etwas Vergleichbares gemacht hätte. «Es gibt kaum Schweizer Bücher, die gleichzeitig in so viele Sprachen übersetzt werden.» Der Roman «Blutbuch» bringe die notwendige Komplexität mit, dass sich die intensive Arbeit an der Übersetzung anbiete. Dabei ist das Verständnis des Originals nur der erste Schritt: Die kreative Arbeit beginnt bei der Suche nach möglichen Entsprechungen, die in jeder Zielsprache zwangsläufig unterschiedlich ausfallen.

«Finanziert wird das Haus hauptsächlich durch eine private Stiftung. Der Kanton Zürich und Pro Helvetia beteiligen sich ebenfalls an den Kosten», erklärt Stöckli.

«Wir setzen uns dafür ein, dass die Übersetzerinnen und Übersetze eine Stimme haben und sichtbar werden.» Dies könne beispielsweise dadurch geschehen, dass sie ihre kreativen Entscheidungen und ihre Übersetzungsstrategie in einem Vorwort vorstellen.

Kim de l’Horizon hat ambivalente Gefühle im Oberland

Kim de l’Horizon spaziert in der Pause draussen an der ungemähten farbigen Wiese entlang und lüftet den Kopf. «Es ist sehr schön hier, ich war schon oft in Wetzikon, weil ich hier einen Freund habe. Ich habe auch schon Touren auf den Bachtel gemacht.» Doch in der Idylle kommen auch gemischte Gefühle auf. «Ueli Maurer wohnt hier. Mein Gefühl ist ambivalent, weil ich es hier sehr schön finde. Gleichzeitig ist es eine Gegend, in der konservative Politik sehr dominant gelebt wird.»

Kim de l’Horizon auf der Wiese beim Übersetzerhaus
Kim de l’Horizon spaziert über die farbige Wiese beim Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen.

Kim de l'Horizons Haltung ist auf eine Äusserung Ueli Maurers zurückzuführen. Dieser sagte bei seiner Rücktrittsankündigung über seine Nachfolge: «Solange es kein ‹Es› ist, geht es ja noch.»

«Seine Aussage war ein Schlag ins Gesicht», findet Kim de l’Horizon.

Auf dem Weg zu einer weiteren Runde mit den Übersetzerinnen und Übersetzern erklärt die Autorenperson: «Einer der Gewinne ist für mich, dass beim Übersetzen noch eine weitere ‹Agency› dazukommt. Wenn die Übersetzer*innen auch eigene Entscheidungen treffen, finde ich das einen Gewinn.» Diese Arbeit müsse natürlich immer im Buch deklariert werden, erklärt Kim de l’Horizon. «Es gibt eine Weiterschreibung des Romans. Das Buch ist wie ein Hexenkessel, der sich entfaltet. Das Spiel bringt sich selbst ins Spiel.»

Die Arbeit an der Grenze der Sprache

«Es geht darum, die Grenze der Sprache zu erweitern», findet Ibon Zubiaur, der den Roman ins Spanische übersetzt hat.

Übersetzer im Übersetzerhaus
Ibon Zubiaur diskutiert in der Übersetzungswerkstatt über den Roman «Blutbuch».

Für die Übersetzung habe er beispielsweise den Begriff des Kindes besprechen müssen: «Im Spanischen erfordert die Grammatik viel mehr Binarität, aber in Absprache mit Kim entstand daraus ein Gewinn: Das Kind wird nun genderfluid in einer Form, die auf Deutsch nicht möglich wäre.»

Ute Neumann, die den Roman ins Norwegische übersetzt, sagt: «Das Übersetzen der gendersensiblen Sprache in ‹Blutbuch› lehrt mich, dass auch die norwegische Sprache nicht so progressiv ist, wie ich dachte.» Die Probleme würden nicht an den gleichen Stellen wie im Original auftreten, aber es zeige sich, dass Diskriminierung an unerwarteten Stellen versteckt sein könne.

Ditte Hermansen übersetzt «Blutbuch» ins Dänische. Es sei der schwierigste Text, mit welchem sie sich bisher auseinandergesetzt habe. «Normalerweise ist es bei der Übersetzung wichtig, dass man konsequent bleibt – und genau das werde ich bei ‹Blutbuch› oft nicht tun können.» Manchmal werde sie die selbst gemachten Wörter von Kim de l’Horizon übernehmen, manchmal nicht, manchmal werde sie versuchen, den Dialekt zu übernehmen, und manchmal nicht.

Der komplexe und queere Text fordert die Übersetzenden heraus, Sprache muss erweitert gedacht werden, und Grenzen werden gesprengt. Die Übersetzerinnen und Übersetzer werden selbst auch zu kreativen Mitdenkenden, und sie erweitern den Inhalt. Wenn durch die Übersetzung etwas verloren geht, soll die Leerstelle mit etwas Neuem gefüllt werden. Im Übersetzerhaus in Wernetshausen wurde der Grundstein gelegt für verlustfreie Übersetzungen.

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