Von der Fotografin zur «Tößthaler»-Geschäftsführerin
Annette Carlin aus Wila
Annette Carlin hat in der Buchdruckerei Tösstal eine steile Karriere hingelegt. 2010 kam es zum Bruch. Für eine Ausstellung schwelgt sie nun nochmals in Erinnerungen.
Ob ein Flugzeugabsturz in der Nähe des Schauenbergs, ein Tanzfest oder ein Konzert des Jodlerchors: Vieles, was zwischen 1978 und 2003 im Tösstal geschah, hat Annette Carlin vor ihre Linse bekommen und für die Lokalzeitung «Der Tößthaler» fotografiert.
Dabei wollte sie eigentlich gar nie Pressefotografin werden. «Ich hatte in der Versicherungsbranche gearbeitet und habe als Hobby fotografiert.» Deshalb hat sie sich auch eine Ausrüstung zugelegt.
Als sie sich einen teuren Vergrösserungsapparat zulegte, fragte sie bei der örtlichen Papeterie nach, ob sie Schwarz-Weiss-Filme entwickeln könne – um damit ihre Anschaffung zu finanzieren. «Man sagte mir, ich solle doch beim ‹Tößthaler› anklopfen, der brauche ja die Bilder sofort.»
So geschah es, dass sie zur Lokalzeitung gelangte. «Die interessierten sich auch sofort für schnelle und gute Qualität meiner Bilder, und so konnte ich mich dort jahrelang beschäftigen. »
Zwei Kinder, eine Fototasche
Zuerst arbeitete Carlin als Freelancerin für das Lokalblatt. Nebenher war sie weiterhin für eine Versicherung tätig. 1980 stellte die Buchdruckerei Turbenthal AG die damals 27-jährige gebürtige Baumerin als Fotografin und Stenotypistin an.
Ihr Job bestand fortan nicht mehr nur darin, zu fotografieren. Sie war auch dafür zuständig, dass Texte für den Druck erfasst wurden. Damals noch mit einer speziellen Schreibmaschine auf Lochband.
Als sie 1984 Mutter eines Mädchens wurde, kündigte Carlin ihre Stelle. Knapp zwei Jahre später kam ihr Sohn zur Welt. Doch auch mit zwei kleinen Kindern zu Hause war sie weiterhin als Fotografin für die Lokalzeitung im Einsatz.

Wenn Carlin ausrücken musste, konnte ihre damalige Schwiegermutter manchmal die Kinderbetreuung übernehmen. «Ab und an kam auch spontan ein Telefon mit einem Auftrag.»
Als ihre Kinder noch klein waren, packte sie ihren Nachwuchs dann in Babytragen und nahm ihn mit an den Ort des Geschehens. «Ein Kind vorne, eines hinten und die Fototasche in der Hand.»
Homeoffice in den Neunzigern
Carlin blieb bis 1993 freiberufliche Fotografin. Dann trennte sie sich von ihrem Mann. Als alleinerziehende Mutter war sie nun auf ein grösseres Einkommen angewiesen. Sie nahm eine Stelle an, wieder bei der Buckdruckerei Turbenthal. «Es war der ideale Arbeitsort, ich wohnte gleich nebenan.»
Erneut erfasste sie vor allem Texte, jetzt aber auch mit einem Computer, der in ihrer neuen Wohnung stand. Was heute völlig normal ist, war damals eine Seltenheit. Carlin arbeitete oft zu Hause. Sie war also eine regelrechte Homeoffice-Pionierin.
«Anfangs fing ich um 5 Uhr in der Druckerei an, arbeitete zwei Stunden. Dann machte ich Zmorge für die Kinder und schickte sie in die Schule», erinnert sie sich. Danach konnte sie wieder weiterarbeiten, bis sie um 11 Uhr das Mittagessen vorbereiten musste.
Verwaltungsratspräsidentin oder Mädchen für alles
Ihre Kinder wurden grösser, und in der Buchdruckerei Turbenthal konnte Carlin allmählich mehr Verantwortung übernehmen.
Als ihr damaliger Lebenspartner Hans Dieter Lang, Chef der Buchdruckerei, im Jahr 2000 starb, übernahm sie die Verantwortung für den Betrieb.
Unsere Maschinen waren völlig überaltert, es brauchte Veränderungen.
Annette Carlin, ehemalige Geschäftsführerin Buchdruckerei Turbenthal AG
Sie wurde Hauptaktionärin, Präsidentin des Verwaltungsrats und Co-Geschäftsführerin. Was nach glamourösen Ämtern klingt, war in der Realität ein Knochenjob.
«Ich machte die Buchhaltung, stand am Schalter und habe in der Druckerei ausgeholfen, wenn es nötig war.» Zum Fotografieren kam sie kaum mehr – sie war als Mädchen für alles eingespannt.

Es seien gute Jahre für das Unternehmen und den «Tößthaler» gewesen, erinnert sich Carlin. Doch die Blütezeit war langsam, aber sicher vorbei. «Unsere Maschinen waren völlig überaltert, es brauchte Veränderungen, um weiterhin bestehen zu können», gesteht sie ein.
«Auch ich musste einsehen, dass wir mit der Zeit gehen müssen.» So erwarb das Unternehmen beispielsweise die Druckerei Kunz aus Elgg.
Ausserdem gab es Verhandlungen mit anderen Druckereien und Verlagen, unter anderem mit dem «Landboten». Dieser wurde damals noch von der Ziegler Druck- und Verlags-AG herausgegeben. «Aber es hat sich nichts ergeben.»
Nur noch mit dem Handy
2009 entschied Carlin, dass die Zeit reif ist für einen Wechsel im Unternehmen. Sie verkaufte ihre Aktien und blieb noch bis im Juni 2010 Geschäftsführerin. «Ich habe mich dann frühpensionieren lassen. Es war der richtige Zeitpunkt, um zu gehen.»
Der Nervenkitzel fehlt, der nach dem Entwickeln da war. Immer die Frage: ‹Sind die Aufnahmen gelungen?›
Annette Carlin, ehemalige Geschäftsführerin Buchdruckerei Turbenthal AG
Nun hatte sie wieder mehr Zeit für sich. Auch, um sich der Fotografie zu widmen? Carlin, die seit 2005 in Wila wohnt, verneint. Die Digitalfotografie wurde zum Standard, und damit kann sie nach wie vor nichts anfangen. «Jeder kann einfach abdrücken und Fotos machen, das passt mir nicht.»
Es sei nichts Spezielles mehr. «Der Nervenkitzel fehlt, der nach dem Entwickeln da war. Immer die Frage: ‹Sind die Aufnahmen gelungen?›»
Heute macht sie nur noch privat Fotos. Eine teure Kamera besitzt sie nicht mehr. «Ich mache alles mit dem Handy.»
Trotzdem hat sie über die Jahre ihre gut 30’000 Fotos von den Negativen auf den Computer geladen. Rund 500 davon zeigt sie ab dem 14. Mai in einer Ausstellung im Ortsmuseum Turbenthal.
«Ich musste dafür eine Auswahl treffen, und das war gar nicht so einfach», sagt Carlin. Stundenlang ist sie ihre Bilder durchgegangen. «Ich habe schon sehr viele Fotos gemacht und viel erlebt. Ich musste einige Male schmunzeln.»
Die Ausstellung «Presseaufnahmen; das war einmal» findet am Sonntag, 14. Mai, zwischen 14 und 17 Uhr im Ortsmuseum Turbenthal an der Tösstalstrasse 20 statt. Der Eintritt ist frei, ein Unkostenbeitrag ist willkommen. Mehr Informationen findet man auf der Website des Museumsvereins.