«Ich bin nicht fit genug, um gegen die schnellsten Männer anzutreten»
Schlatter Motocrosserin Sandra Keller
Am Wochenende findet das zehnte Motocross Schlatt statt. Die einheimische Fahrerin Sandra Keller hat sich dafür ein hohes Ziel gesetzt.
Frau Keller, am Wochenende starten Sie am Motocross Schlatt im Swiss MX Women Cup. Warum fahren Sie nicht bei den Männern mit?
Sandra Keller: Ich fahre sehr gerne gegen Männer. In meiner Jugend war es vollkommen normal, dass ich mit den Buben gefahren bin. Aber es gibt einfach körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die kommen auch beim Motocross zum Tragen. Da ich in diesem Jahr einiges weniger trainiere, bin ich körperlich nicht fit genug, um gegen die schnellsten Männer anzutreten. Ausserdem fühlen sich viele Fahrerinnen wohler, wenn sie in einer eigenen Kategorie starten können. Dann gibt es mehr Teilnehmerinnen. Es ist also gut, gibt es eine eigene Frauenkategorie, und das soll auch so bleiben.
Sie wohnen in Schlatt, das Motocross findet also direkt vor Ihrer Haustür statt. Ist da die Nervosität grösser, oder geniessen Sie den Heimvorteil?
Vor dem Rennen in Schlatt ist die Nervosität immer anders. Ich weiss, dass ganz viele Freunde und meine Familie zuschauen werden. Das macht das Rennen speziell. Ausserdem ist das Motocross Schlatt diese Saison eines meiner Highlights. Der MX Women Cup ist Teil der Schweizer Meisterschaft in der Frauenkategorie, die aus insgesamt neun Rennen besteht.
Motocross
Das Wort Motocross setzt sich aus den beiden Begriffen Motorcycle (Motorrad) und Cross Country (Geländefahrt) zusammen. Die Rennen finden traditionell draussen statt. Auf den angelegten Pisten gibt es verschiedene Hindernisse, wie zum Beispiel steile Hügel und Abfahrten oder enge Kurven.
Und Ihr Ziel ist es, am Ende der Saison die Beste zu sein?
Natürlich! Ich will den Women Cup nach 2019 und 2021 dieses Jahr zum dritten Mal gewinnen. Ich fahre in dieser Saison keine WM-Rennen mehr. Darum hat die Schweizer Meisterschaft einen viel höheren Stellenwert.
Wieso haben Sie sich vom Weltmeisterschaftszirkus verabschiedet?
Das hat vor allem finanzielle Gründe. Wer an der WM teilnehmen will, muss zahlreiche Rennen fast auf der ganzen Welt besuchen. Es ist in der Schweiz aber schwierig, die nötigen Sponsoren zu finden. Ausserdem ist die Infrastruktur hier nicht optimal. In anderen Ländern ist das einfacher.
Sie konnten also nicht genügend trainieren?
In der Schweiz gibt es kaum Strecken, auf denen wir regelmässig trainieren können. Vor allem solche, die mit dem WM-Niveau vergleichbar sind. Seit letztem Frühling bin ich auch wieder berufstätig. Ich arbeite 80 Prozent als Gestalterin Werbetechnik.
Wie viel Zeit verbringen Sie jetzt noch auf dem Töff?
Unter der Woche sitze ich tatsächlich fast nicht mehr auf dem Töff. Es gibt kaum Gelegenheit dazu. Das hat aber nicht nur mit meinen Arbeitszeiten zu tun, sondern eben auch mit der fehlenden Infrastruktur.
Um Motocross zu fahren, braucht es sicher auch gute Fitness?
Ja, das braucht es. Aber wenn ich neben der Arbeit 30 Minuten bis eine Stunde am Tag Sport treiben kann, bin ich schon zufrieden. Es ist kein Vergleich mehr zu früher, als ich noch Vollzeit Motocross gefahren bin.
Wenn man den Rennkalender auf Ihrer Website ansieht, sind aber auch dieses Jahr Rennen in Spanien oder den USA geplant. Können Sie es doch nicht ganz lassen, auch international Rennen zu bestreiten?
Das ist aber nicht Motocross, sondern der neue E-Xplorer World Cup mit Elektrotöffs. Dieser wird auch vom Motorradweltverband durchgeführt.
Und wie sind Sie dazu gekommen?
Per Zufall. Als ich letzte Saison gesagt habe, dass ich keine WM mehr fahre, wurde ich vom Verband angefragt. Vielleicht musste es so kommen. Der E-Xplorer World Cup ist aber nicht mit der Intensität der WM zu vergleichen. Auch die Rennen sind anders.
Inwiefern?
Es sind Staffelrennen, an denen zwölf Teams teilnehmen. Immer ein Mann und eine Frau zusammen. Ausserdem geht es mehr um Technik und Geschicklichkeit.
Sie haben ja schon sehr wenig Zeit fürs Motocross-Training. Wie schaffen Sie es da noch, Elektrotöff zu fahren?
Das ist viel einfacher. Man kann auch gut am Abend noch ein paar «Ründeli» drehen. Der Elektrotöff macht ja keinen Lärm.
Am Wochenende sitzen Sie aber auf Ihrem normalen Töff. Haben Sie einen ganzen Fuhrpark und müssen jetzt die richtige Maschine finden?
Nein, in meiner Garage stehen genau drei Töffs. Zwei für Motocross und ein Elektrotöff. Fürs Rennen in Schlatt vertraue ich auf meine 125er-Yamaha Zweitakt.
Zur Person: Die Schlatterin Sandra Keller (25) sass im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal auf einem Motorrad.
