Diese Wetziker Rotbuche verdrängt gern andere Bäume
Baumserie – dritter Teil
Nach einer Linde und einem Mammutbaum beleuchtet der dritte Artikel unserer Baumserie die Geschichte einer Wetziker Rotbuche. Sie ist rund 150 Jahre alt und wurde einst als «Hofbaum» für die Fabrikantenvilla Weber-Büeler gepflanzt.
Die Rotbuche oder Fagus sylvatica gehört zur Familie der Buchengewächse. Das Holz hat meist einen rötlichen Ton und unterscheidet sich von der eher verbreiteten Weissbuche (Hagebuche). Daher selbstredend ihr Name. Als europäische Baumart würde sie den Hauptteil unserer Wälder bilden, hätten die Förster sie nicht weitgehend durch die Rottanne ersetzt.
Durchschnittlich erreicht die Rotbuche eine Höhe von bis zu 50 Metern und kann bis zu 500 Jahre alt werden, sofern die äusseren Gegebenheiten dies erlauben und sie nicht vor ihrem natürlichen Ableben gefällt wird.
Starke Konkurrenz für andere Bäume
Generell gelten Rotbuchen als schnellwüchsig und sind Schattenbäume. Dies, weil sie auch unter anderen Bäumen gut wachsen und diese mit der Zeit verdrängen, da sie einen breiteren und dichteren Kronenschirm aufspannen können. Unter einer Rotbuche erreicht schliesslich nur noch ein Prozent des Sonnenlichts den Boden. Somit macht sie das Leben der anderen Bäume um sich herum ziemlich unangenehm. Sie gilt deshalb als unsere konkurrenzfähigste Baumart.

Nicht so positiv, wie es beispielsweise bei der Linde der Fall ist, sieht die Biodiversitätsskala der Rotbuche aus. Bei dieser liegt ihre Punktzahl nämlich nur bei 3,6 von 5. Der Grund dafür ist, dass Rotbuchen erst im hohen Alter und speziell in der Zersetzungsphase als Totholz äusserst wertvolle Lebensräume und Nährstoffe für seltene Käferarten bieten. Insgesamt gibt es zirka 240 verschiedene Käferarten, die sich im Stamm und auf den Blättern einer Buche einnisten.
Einziges Überbleibsel
Das Exemplar an der Bahnhofstrasse 205 ist derzeit rund 150 Jahre alt und hat eine Höhe von 35 Metern mit einem Stammdurchmesser von 1,4 Metern erreicht. Die Geschichte der Rotbuche in Wetzikon beginnt in den Jahren 1876/1877. Zu dieser Zeit liess der Stickereibesitzer Heinrich Weber-Büeler ein stattliches Wohnhaus an der Bahnhofstrasse errichten, wo zur selben Zeit gerade eine neue Bahnlinie mit günstigen Transportbedingungen im Bau war.
Die Familie Weber-Büeler hat mit ihrer «Sticki» einst einen entscheidenden Impuls dafür gegeben, dass sich Wetzikon zu einem Stickereizentrum im Kanton Zürich entwickeln konnte. Die Rotbuche war für den kleinen Park der Fabrikantenvilla Weber-Büeler gepflanzt worden und gehörte zu einem Ensemble von anderen Bäumen. Nun ist der Baum als einziger Zeitzeuge übrig geblieben. Seit 50 Jahren ist er im Natur- und Landschaftsinventar der Stadt Wetzikon eingetragen und gilt als schützenswertes Objekt mit dem Prädikat «äusserst wertvoll».
Etwas schutzbedürftig
«Die Buche prägt mit ihrer grossen, weit ausgreifenden Krone den Abschnitt der Bahnhofstrasse zwischen Binzacker und dem Restaurant Havanna», sagt der Landschaftsplaner Uwe Scheibler. Nach der Aufteilung des Grundstücks vor 20 Jahren und einer Teilüberbauung seien einzelne grosse Äste ausgetrocknet, weshalb ein Eingriff in die Baumkrone notwendig geworden sei.
«Um die verbleibenden alten Äste vor einem Sonnenbrand zu schützen, wurden diese mit einem weissen Kalkanstrich versehen.» Deswegen seien einige Äste der Baumkrone nun weiss angemalt. Dies diene als Sonnenschutz, da die dünnborkige Buche empfindlich auf die starke Besonnung im Sommer reagiere.

Die weisse, reflektierende Farbmischung besteht aus Tonmineralien, Kalk, Gesteinsmehl, natürlichen Haftmitteln und Spurenelementen. «Ohne einen solchen Schutzanstrich würde die Rinde aufreissen, und es könnten sich Bakterien und Pilze einnisten, was den Baum stark beschädigen würde», erklärt Scheibler.
Schon im Herbst 2018 habe sich ein Vitalitätsverlust des Baums bemerkbar gemacht. Dies allerdings, weil in unmittelbarer Nähe des Baums Bauarbeiten im Gange gewesen seien. Kurz darauf seien viele Äste ausgetrocknet.
Sie «bewohnen» die Rotbuche

Dieser Käfer namens Schrot-Zangenbock (Rhagium mordax) ist äusserst selten und lebt auf dem frischen Totholz von Buchen.

Auch der Balkenschröter (Dorcus parallelipipedus), der zur Familie der Hirschkäfer gehört, mag Buchenholz als Lebensraum. Allerdings erst, wenn das Gehölz schon richtig am Zerfallen ist.
Regelrechter Baumliebhaber
Neben dem Fachmann Uwe Scheibler von der Arbeitsgruppe Stadtbäume des Naturschutzvereins Wetzikon-Seegräben gibt es in Wetzikon auch noch weitere «Baumfreunde». So zum Beispiel den gelernten Schneider und ehemaligen EDV-Fachmann Erwin Franken, der bereits stolze 90 Jahre alt ist. Er bezeichnet sich zwar nicht als fachkundig, doch er ist genauso von Bäumen begeistert. Deshalb sowie aus gesundheitlichen Gründen spaziert er täglich in der Umgebung von Ettenhauserstrasse und Bachtelstrasse.
Dabei begutachtet er stets den Zustand der Bäume in der Umgebung und freut sich über deren Vielfalt. «Ich wohne nun seit 40 Jahren in Wetzikon und habe den rasanten Wandel vom ehemaligen Dorf zu einer Stadt miterlebt», sagt Franken.
Obwohl immer mehr gebaut werde und über die Jahre unzählige Häuserblöcke dazugekommen seien, freue er sich besonders daran, dass dennoch genügend Platz für die unzähligen Arten von Bäumen geblieben sei. Diese sind für ihn stets die Hauptattraktion auf seinem täglichen Rundgang in seiner Wohngegend, weshalb er sie vor allem bei schönem Wetter gerne mit seiner Kamera einfängt.
