Das Selbstwertgefühl von Kindern stärken
Vortrag in Wila
Die reformierte Kirchgemeinde Turbenthal-Wila organisierte ein Referat für Erziehende im Pfarrhaus Wila. Sonja Affolter, Fachfrau für Erziehung, gab praktische Tipps für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls von Kindern.
Pfarrerin Isabel Stuhlmann freute sich über das Interesse am TreffPUNKT-Abend zu Erziehungsfragen im Pfarrhaus Wila. «Vielleicht hegen die einen oder anderen Vorbehalte gegenüber Erziehungstipps seitens der Kirche, weil in der Bibel von Züchtigung mit dem Stock die Rede ist», stellte sie fest. Deshalb ging sie einleitend darauf ein, dass diese Aussagen im zeitlichen Kontext der Bibel zu lesen seien und nicht als wörtliche Handlungsanweisung für heute.
Stabilität durch gesundes SelbstwertgefühlDie Referentin Sonja Affolter, Fachperson für Erziehung, vertrat gestützt auf den Familientherapeuten Jesper Juul die Grundhaltung «Beziehung statt Erziehung» im Umgang mit Kindern. Dies bedeute, die Kommunikation auf Augenhöhe zu gestalten, den Blick auf die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse der Kinder zu richten und Verantwortung vorzuleben, statt eine Autoritäts- und Gehorsamkeitskultur in der Familie zu installieren.
Es gibt einen gewichtigen Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstvertrauen.
Sonja Affolter
Referentin
Da das Selbstwertgefühl gemäss Juul ein wichtiger Pfeiler unserer psychischen Existenz sei, fokussierte Affolter ihren Erziehungsinput auf dessen Stärkung. «Es gibt einen gewichtigen Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstvertrauen», erklärte die ehemalige Oberstufenlehrerin und vierfache Mutter.
Sie veranschaulichte das anhand eines Kinderspielzeug-Ringturms: Während die farbigen Ringe das Selbstvertrauen auf Grund verschiedener erlernter Fähigkeiten darstellen, verkörpere das gesunde Selbstwertgefühl die innere Säule, die alles zusammenhalte. «Ohne dieses innere Ja zu sich, das Selbstverständnis wertvoll für sich selbst und andere zu sein, fällt der ganze Turm bei Schwierigkeiten schnell in sich zusammen», demonstrierte Affolter mit einem kleinen Schubs gegen die Ringe ohne innere Stütze.
Kinder als vollwertig anerkennen
Eine gute Möglichkeit, diese innere Säule zu stärken, bestehe darin, die Gleichwürdigkeit anzuerkennen. Dies, indem die Erziehenden die Kinder als vollwertig behandeln, sie und ihre Bedürfnisse altersgerecht und ehrlich interessiert in Planungen mit einbeziehen. «Natürlich muss man einen Wunsch nicht sofort umsetzen. Wenn sie eine Idee später aufgreifen und würdigen, fühlt sich ihr Kind gesehen und ernst genommen und diese Stärkung geht direkt in die innere Säule».
Betreffend Lob gab sie zu bedenken, dass dies auch abhängig machen könne und es zentral sei, das Kind dafür zu lieben, was es ist und nicht für das was es tut, beziehungsweise, es nicht weniger zu lieben, weil es nicht gerade tut, was man will.
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Das sei kontraproduktiv für das Selbstwertgefühl. «Förderlich ist, wenn Sie ihr Kind immer wieder selbst entscheiden lassen und ihm dabei Vorschussvertrauen geben: ‹Du machst das sicher gut›», erklärte Affolter.
Für ein gutes Aufwachsen der Kinder sei es wichtig, dass die Erwachsenen ihre persönliche Verantwortung vollumfänglich tragen. Deshalb sollten sie den Kindern vorleben, wie man seine Grenzen wahrt und seine eigenen Bedürfnisse wahrnimmt.
«Wenn ich mich nur noch verleugne und zum Eltern-Automat mutiere, werde ich zur tickenden Zeitbombe, weil meine Säule bei Konflikten schnell ins Wanken kommt», führte Affolter aus.
Spürbar und sich selbst sein
Ein wichtiges Instrument, um authentisch und greifbar für die Kinder zu sein, bestehe darin, die eigenen Gefühle mit einer klaren, persönlichen Sprache zu benennen, keine Maske zu tragen, sondern das eigene Denken, Handeln und Fühlen im Einklang zu halten.
«Sie dürfen auch mal laut werden und ihre Überforderungsgefühle benennen. Worte können verletzen, Gefühle nicht. So lernt das Kind, dass alle Gefühle Raum haben dürfen und es sich ebenfalls frei äussern darf», betonte die Referentin.
Wenn Erwachsene klar «Nein, das will ich nicht!» sagen, wenn sie Nein meinen, verstehe das ein Kind und könne diese wichtige Fähigkeit von ihnen lernen. Und wenn ein Kind sich unwohl fühle, könne man es unterstützen: «Ist das wirklich in Ordnung für dich, ihm jetzt deine Schaufel zu überlassen?»
Widerstand als Erfolg sehen
Abschliessend erinnerte Affolter daran, dass Kinder die meiste Zeit des Tages kooperieren, weil sie das gern täten, aber das dürfe nicht ausgenutzt werden. «Und wenn sie mal im Widerstand sind, können Sie sich freuen, denn ‹Ungehorsam ist der erste Schritt zur Integrität›, wie Jesper Juul so schön sagt», verkündete sie schmunzelnd.
Das Kind gewichte jetzt das, was es selbst wolle, höher als das, was sein Gegenüber von ihm wolle. Das sei zwar unpraktisch für die Eltern, aber wichtig für die Entwicklung des Kindes.
Deshalb sei es wichtig, regelmässig Zeiten einzuplanen, wo «Nichts» sei, über die eine Kind frei verfügen und lernen könne, Langweile aus der eigenen Kreativität heraus zu überwinden, sich zu spüren und herauszufinden, was ihm jetzt guttun würde.
Daten für Kurse, Vorträge und familylab-Elterngruppen von Sonja Affolter auf www.familienwege.ch. Start nächste Elterngruppe: 14. März 2023.
