Arzt erklärt chaotischen Start des Ärztezentrums Turbenthal
Frust bei Patienten
Ein Arztwechsel ohne Ankündigung und administratives Chaos: Der Start des neuen Ärztezentrums Turbenthal war turbulent. Doch Hausarzt Thomas Haehner gelobt Besserung.
Seit vielen Jahren besucht Karin Müller (Name geändert) die Arztpraxis an der Tösstalstrasse 72 in Turbenthal. Ihr Hausarzt dort war Peter Flachsmann: «Aber im Sommer haben wir auf einmal erfahren, dass er Turbenthal verlässt», erinnert sie sich.
«Wir Patientinnen und Patienten wurden nicht darüber informiert, wer die Praxis übernimmt.» Statt dem Namen Flachsmann stand plötzlich «Ärztezentrum Turbenthal» auf dem Klingelschild.
Anfang Oktober hätte Müller dann einen Termin beim neuen, ihr noch unbekannten Arzt gehabt. Als Diabetikerin ist sie auf eine regelmässige Kontrolle angewiesen.
«Ich stand vor verschlossener Tür», erinnert sie sich. Dort war ein Blatt angebracht, dass die Praxis aus gesundheitlichen Gründen geschlossen bleibe.
Ärger auf Facebook und Leserbriefen
Da Müller zu dieser Zeit auch noch ein lästiger Husten plagte, suchte sie Hilfe in einer anderen Tösstaler Arztpraxis, wo sie notfallmässig behandelt wurde. «Es stellte sich heraus, dass ich eine Lungenentzündung hatte.» Den Hausarzt hat die Turbenthalerin in der Zwischenzeit gewechselt.
Müller ist nicht die einzige, die sich im Herbst über die neue Praxis wunderte. In der Facebookgruppe «Mir vo Turbi» wurde heftig diskutiert. Und in diversen Leserbriefen im «Tößthaler» machten Patienten ihrem Unmut über den stillen Abgang von Peter Flachsmann Luft.
Ende Oktober wurde mindestens ein Geheimnis gelüftet: Das Ärztezentrum Turbenthal teilte offiziell mit, dass die Praxis weitergeführt werde. Die ärztliche Leitung übernehme neu Thomas Haehner.
Gemäss Grundbuchamt gehört das Haus weiterhin Peter Flachsmann. Die neue Praxis ist dort eingemietet.
Eine Arztpraxis-Firma
Haehner ist in der Hausarzt-Welt kein Unbekannter. Seine Firma Medium Salutis betreibt diverse Praxen in der ganzen Deutschschweiz, vor allem auf dem Land.
Wie Recherchen des «Tages-Anzeigers» aus dem Frühjahr 2021 zeigen, hatte er bereits an anderen Standorten vergleichbare Problem. So zum Beispiel in Niederweningen. Patienten beklagten sich über chaotische Zustände oder ständig wechselndes Personal.
Haehner bestätigte damals die Probleme gegenüber dem «Tages-Anzeiger», und gelobte Besserung. Das Gleiche tut er nun auch in Turbenthal.
Dass der Start der neuen Praxis nicht optimal verlaufen ist, daraus macht er keinen Hehl. Für die plötzliche Praxisschliessung Anfang Oktober hat er aber eine einfache Erklärung: «Das ganze Team war krank wegen Corona. Es wäre unverantwortlich gewesen, die Praxis zu öffnen.»
Nachfolger unbekannt
Es seien turbulente Zeiten gewesen. «Ursprünglich hätte ein anderer Arzt die Arbeit hier in Turbenthal aufnehmen sollen», erklärt Haehner. Doch dieser sei kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen. Haehner betont, dass Peter Flachsmann die Übergabe der Praxis gut unterstützt habe.
Seinen Vorgänger nimmt er deshalb in Schutz: «Peter Flachsmann konnte seine Patienten gar nicht informieren, weil so viele Dinge noch ungeklärt waren.»
Diese Darstellung bestätigt Flachsmann in einer schriftlichen Stellungnahme. Er arbeitet in der Zwischenzeit in einem anderen Kanton. «Ich konnte die Patientinnen und Patienten nicht informieren, wer die Praxis übernimmt, weil ich es nicht wusste.»
Kurz vor der Übernahme sei ein Name im Raum gestanden, der auch kommuniziert wurde. «Der Arzt konnte aber wegen schwerer Erkrankung die Arbeit nie richtig aufnehmen.»
Eine Praxis bleibt
Und so sprang Haehner in die Bresche. Er betont im Gespräch sofort, wie wichtig seine Aufgabe sei.
«Vor allem auf dem Land fehlt es an Hausärzten.» Gerade auch deshalb sei es ihm ein Anliegen gewesen, die Praxis in Turbenthal weiterzuführen.
Wir hatten am Anfang die Ressourcen nicht, um den Anforderungen gerecht zu werden.
Thomas
«Wir haben viele ältere Patientinnen und Patienten hier, die regelmässig auf eine Kontrolle beim Hausarzt angewiesen sind.»
Und es gefällt ihm in Turbenthal: «Die Mentalität der Tösstaler ist eine eigene. Ich arbeite sehr gerne hier.»
Haehner übt Selbstkritik
Trotzdem gibt sich der Arzt selbstkritisch: «Wir hatten am Anfang die Ressourcen nicht, um den Anforderungen gerecht zu werden», gibt er zu. «Es war hier mehr zu tun als erwartet.»
Das Vertrauen der meisten Patienten aber sei wieder da: «Ich musste sehr viele Gespräche führen und die Sache erklären», so der Arzt.
Viele hätten sehr verständnisvoll reagiert. Nur wenige Patientinnen und Patienten hätten die Praxis laut Haehner ganz verlassen: «Und es sind viele neue dazugekommen.»
Kritik auf Google
Scheinbar sind diese Erklärungen aber noch nicht bei allen angekommen. Die Arztpraxis hat ausschliesslich Bewertungen mit einem Stern auf Google – und nicht nur aus dem Herbst. So schreibt zum Beispiel kürzlich eine Userin: «Chaos pur, anders kann man es nicht sagen! Warte immer noch auf den Eintrag als Hausarztmodell.»
Es scheint aber generell so, als würden beim Online-Riesen vor allem unzufriedene Patientinnen und Patienten bei Arztpraxen Bewertungen hinterlassen.
Zum Vergleich: Die Gemeinschaftspraxis Wilacare in Wila hat ebenfalls nur 2,4 Sterne. Etwas höher sind die Bewertungen für die Tösstal Praxis mit Standorten in Kollbrunn und Turbenthal, nämlich 3,7 und 4,4 Sterne.
Viel neues Personal
Auch bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich sind Meldungen über die neue Turbenthaler Praxis eingegangen. «Das Amt für Gesundheit geht diesen nach», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Weitere Informationen gibt das Amt nicht.
Haehner betont, dass sich die Zustände in der Praxis verbessert haben. Auch anfängliche Probleme in der Administration seien behoben. «In der Zwischenzeit arbeiten sechs medizinische Praxisassistentinnen hier», so der Arzt.
Ich will, dass wir in Turbenthal eine gute ärztliche Versorgung haben.
Thomas Haehner
Arzt
Das seien gesuchte Fachkräfte. «Wenn die Zustände in der Praxis so schlecht wären, würden wir kein Personal finden», ist er überzeugt.
Ausserdem arbeiten nun insgesamt drei Ärzte in der Praxis. «Wir können damit auch neue Patienten aufnehmen.»
Langfristige Pläne
In Turbenthal will Haehner sich nun beweisen. «Konstanz ist mir wichtig», betont er. So will er die Praxis technisch auf den neusten Stand bringen.
«Ich will, dass wir in Turbenthal eine gute ärztliche Versorgung haben.» Es sei unbefriedigend, wenn Patientinnen und Patienten in die Permanence nach Winterthur ausweichen müssten.
Ob auch die Patientinnen und Patienten der neuen Praxis auf die Dauer das Vertrauen schenken, wird sich zeigen.