Seit 1770 – wie eine Linde in Wetzikon den Zeiten trotzt
Stumm, stark und alt
Meist läuft man ohne jegliche Beachtung an ihnen vorbei – den Bäumen. Dabei sind sie für uns unentbehrlich. So auch die über 250 Jahre alte Linde an der Hinwilerstrasse vis à vis vom Wetziker Restaurant Ochsen.
Die Linde, oder Tilia wie sie wissenschaftlich genannt wird, gehört zu den beliebtesten Bäumen. Sie kommt sowohl in Volksliedern als auch in Mythen vor. Strassen und Gasthöfe sind im Oberland nach ihr benannt. Die Blüten des Baumes läuten jedes Jahr den Sommer ein.
Dies manchmal über mehrere hundert Jahre. Genauso wie die schätzungsweise 250 Jahre Jahre alte Linde an der Hinwilerstrasse in Wetzikon. Diese steht in unmittelbarer Nähe vom Gasthof Ochsen und direkt neben der Volg-Filiale in Kempten.
Der Reformator Martin Luther sagte einst: «Unter den Linden pflegen wir zu singen, trinken und tanzen und fröhlich zu sein, denn die Linde ist uns Friede- und Freudebaum.»
Ein Gedicht vom österreichischen Schriftsteller Alfons Petzold (1882-1923) lautet:
Gesät von einem Winde,
Der ihren Samen einst verlor,
Strebt eine junge Linde
Aus dunklem Grund hervor.
Der Erde Muttergüte
Betreute sie so lieb und bang,
Bis daß die erste Blüte
Aus ihrem Leibe sprang.
Wie sie nun breit ausladet
Ihr goldig blühendes Geäst,
Steht sie von Gott begnadet
Im Leben stark und fest.
O Erde, liebe Erde,
Mach mich der jungen Linde gleich,
Du liebe Seele werde
Wie sie so blütenreich!
«Äusserst wertvoll»
Die Bepflanzung der Sommerlinde an der Hinwilerstrasse dürfte im Jahr 1770 erfolgt sein, wie Uwe Scheibler vom Naturschutzverein Wetzikon-Seegräben, erklärt. «Wahrscheinlich wurde die Linde etwa 10-jährig vom damaligen Hofbesitzer als Strassenbaum angepflanzt», so der Landschaftsplaner. Das älteste Luftbild, das die Linde zeigt, stammt aus dem Jahr 1946. Es wurde bei einem Überflug der US-AirForce aufgenommen.
Inzwischen gehört die Parzelle, auf der die Linde steht, der Vorsorgeversicherung Swisslife. Mit einer Verfügung vom September 2000 wurde sie vom Stadtrat geschützt. Im Inventar von 2014 wird sie als «äusserst wertvoll» bezeichnet. «Allerdings ist der Standort seit ein paar Jahrzehnten sehr ungünstig, was die Lebenserwartung der Linde deutlich verkürzen dürfte», meint Scheibler.
Im besten Fall kann eine Linde nämlich 1000 Jahre alt werden, wobei Linden ab dem 150. Altersjahr oft von innen her zu faulen beginnen und die Lebensringe für eine exakte Altersbestimmung deshalb fehlen. «Dieser Vorgang beeinträchtigt allerdings, entgegen landläufiger Meinung, weder die Vitalität der Bäume noch ihre physikalische Stabilität.»
Aber dadurch, dass rund um den Baum mittlerweile alles versiegelt und überbaut ist, stehe die Linde sozusagen in der «Wüste», ergänzt Scheibler. Würde die Linde an der Hinwilerstrasse gefällt, so müssten gemäss seiner Analyse etwa 200 zehnjährige Jungbäume gepflanzt werden. Erst dann wäre das fast schon antike Exemplar hinsichtlich der Stadtökologie gleichwertig ersetzt.
Klimatisch und biologisch wichtig
In stadtökologischer Hinsicht funktionieren alle Bäume mehr oder weniger gleich in Abhängigkeit von der Grösse und der Blattfläche. Dies betrifft unter anderem:
die Luftfilterungdie Luftkühlung den Lebensraum für Vögel und Insekten (insbesondere Bienen)die Interzeption (verzögerter Oberflächenabfluss bei Niederschlägen)die Schatteneinwirkung im Sommer sowie die Lärmdämpfung.
Was die genaue Bewertung betrifft, so spricht Scheibler die in Fachkreisen benutzte Skala 1-5 an, die Bäume nach ihrer stadtökologischen Bedeutung kategorisiert. «Die Linde erreicht einen Wert von 4,5 und wird nur von der Stieleiche übertroffen.»
Auch in kultureller Hinsicht hätten nicht nur Linden, sondern alle Stadtbäume positive Auswirkungen. Sie seien optisch wohltuend (die Farbe Grün entspannt), bieten Spielmöglichkeiten und verändern sich den Jahreszeiten entsprechend.
Vielseitig verwendbar
Linden sind von historischer Bedeutung. Bereits die Pfahlbauer nutzten die Vorteile zähen Gewebes zwischen dem Holz und der Baumrinde zum Binden von Werkzeugen oder zum Flechten von Matten.
Heute schätzen Drechsler und Bildhauer das Holz. Mitunter wird es zum Schnitzen von Altären verwendet. Aber auch Holzspielzeuge, Instrumente, Kuckucksuhren oder Schachfiguren werden allesamt aus Lindenholz gemacht.
Der Naturschutzverein Wetzikon-Seegräben (NVWS) hat kürzlich eine eigene Arbeitsgruppe (AG Stadtbäume) gegründet. Über zehn Aktive engagieren sich darin. Sie wollen sich einerseits direkt für den Erhalt bestehender Bäume, für Standortverbesserungen und Neupflanzungen, andererseits aber auch für eine bessere Information der Bevölkerung und für eine bessere Ausbildung all jener, die sich mit Grünflächen- und Baumpflege befassen, einsetzen. In der AG sind sowohl Fachleute (Forstwirtschaft, Dendrologie, Landschaftsplanung) als auch engagierte Stadtbewohner und Künstler vertreten.
