Olga Meyers Anneli gibt den «Fädlikindern» eine Stimme
Kinderarbeit in der Region
Bernadette Zemp hat ein Buch über Kinderarbeit in der Schweiz geschrieben. Darin spielt auch die Kinderbuchfigur Anneli aus Turbenthal eine wichtige Rolle.
Bernadette Zemp hat ein Faible für Historisches. Sie besitzt eine alte Mühle in Seon im Kanton Aargau, die sie nun für Events wie Hochzeiten vermietet. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie den Entschluss gefasst, ein Buch über die Kinderarbeit in der Schweiz zu schreiben.
«Ich habe bereits ein Buch über unsere Mühle geschrieben und dieses einer Kundin vorbeigebracht, die mich auf das Thema Kinderarbeit beziehungsweise ‹Fädlikinder› aufmerksam machte», erinnert sie sich. So bezeichnet Zemp Kinder, die in Spinnereien arbeiteten. «Und zu diesem Thema wusste ich noch nicht allzu viel.»
Schwierige Quellensuche
In ihrer Freizeit stürzte sich die Unternehmerin in die Recherche. «Ich stellte schnell fest, dass es nicht viele Quellen gibt, welche die Situation dieser Kinder gut darlegt.»
Bei ihrer Suche stiess Zemp auf einmal auf «Anneli», das Buch der Autorin Olga Meyer (1889-1972) aus dem Jahr 1918. Die Geschichte basiert auf den Erlebnissen von Olga Meyers Mutter.
Anneli wächst als eines von acht Kindern Mitte des 19. Jahrhunderts in Turbenthal auf. Da der Vater früh stirbt, müssen seine Kinder in der Spinnereifabrik arbeiten, damit die Familie überleben kann.
Draussen die wunderschöne Landschaft und dann die Spinnerei, in der auch Kinder arbeiten mussten.»
Bernadette Zemp
Autorin
Zemp war von der Geschichte vom Anneli sofort angetan. «Es war aber gar nicht so einfach, das Buch zu finden», erzählt sie. Heute wird es nicht mehr aufgelegt. Est in einem Antiquariat wurde sie fündig.
Gegensätze im Tösstal
Für ihre Recherche hat Zemp auch das Tösstal besucht. Die Gegend kannte sie bisher noch nicht. Dabei hat sie auch die Spinnerei der Boller Winkler AG in Turbenthal, wo Olga Meyers Mutter arbeiten musste, von aussen angeschaut.
Ebenso stattete sie dem Textimuseum Neuthal einen Besuch ab. «Es war ein so starker Gegensatz da», erinnert sich Zemp. «Draussen die wunderschöne Landschaft und dann die Spinnerei, in der auch Kinder arbeiten mussten.»
Für Zemp ist die Geschichte von Anneli mehr als nur eine Erzählung basierend auf wahren Gegebenheiten. «Das Buch ist ein wichtiges Dokument für Kinderarbeit in Schweizer Spinnereien im 19. Jahrhundert. Anneli war eben auch ein ‹Fädlikind›», sagt sie.
Weiter betont sie: «Wir alle wissen, dass es Kinderarbeit gegeben hat. Aber über die Kinder, die tagein, tagaus in den Fabriken arbeiten mussten, wissen wir nur ganz wenig. Sie haben keine Stimme.»
«Solide, Ordnung liebende Familie» für die Fabrik
Damit die ‹Fädlikinder› in Zemps Buch über Kinderarbeit trotzdem ihre Stimme erhalten, ist Olga Meyers Geschichte vom Anneli ein wichtiger Bestandteil. Die Erlebnisse des jungen Tösstaler Mädchens begleiten die Leserschaft durch das Buch.
Bebildert werden diese Abschnitte mit den Zeichnungen von Rahel Henn, die mit der Schabkarton-Technik gestaltet sind. Henn, die in Rämismühle aufgewachsen ist, hat sich 2004 in ihrer Maturaarbeit mit den Erzählungen von Olga Meyer befasst.
Doch Zemp beschränkt sich nicht auf eine Nacherzählung von Olga Meyer. Die Geschichte vom Anneli ist in ihrem Buch verflochten mit informativen Passagen, die mit Fotos oder Zeitungsausschnitten ergänzt werden.

So zum Beispiel mit einem Stelleninserat aus dem «Anzeiger von Uster» aus dem Jahr 1870. Darin sucht «eine hiesige Feinspinnerei eine solide, Ordnung liebende Familie mit arbeitsfähigen Kindern.» Ganz in der Nähe der Fabrik gebe es auch eine schöne und billige Wohnung, steht weiter.
Die «Fädlikinder» heute
Erst 1877 wird Kinderarbeit in der Schweiz im Fabrikgesetz verboten. «Und damit endet auch für viele das Wissen über Kinderarbeit», meint Zemp.
Heute haben wir es mit vielen unserer Kaufentscheide in der Hand, ob wir Kinderarbeit tolerieren oder nicht.»
Bernadette Zemp
Autorin
Doch die Kinderarbeit habe die Schweiz geprägt, ist sie überzeugt. «Ohne die arbeitenden Kinder in den Textilfabriken hätte sich unser Land während der Industrialisierung wohl anders entwickelt.» Umso wichtiger sei es, dass diese Kinder und ihr Schicksal wieder stärker ins Bewusstsein rückten.
Vor allem, weil Kinderarbeit auch heute noch existiert. «160 Millionen Kinder müssen weltweit arbeiten», sagt Zemp. Auch diese heutigen «Fädlikinder» werden im Buch erwähnt.
Die Autorin schlägt so den Bogen ins Hier und Jetzt: «Denn heute haben wir es mit vielen unserer Kaufentscheide in der Hand, ob wir Kinderarbeit tolerieren oder nicht.»
Das Buch «Fädlikinder – Wie Kinder um ihre Kindheit betrogen wurden» ist im Selbstverlag erschienen. Es kann unter anderem auf der Website des Mühlerama Seon bestellt werde.
