Das Christchindli, das bin ich
Tösswegs
Ich kann mich noch gut an Weihnachten in meiner Kindheit erinnern. Nervös musste ich mit meiner Schwester und meiner Mutter im Schlafzimmer warten, bis mein Vater mit dem Glöckchen klingelte.
Das bedeutete: Das Christchindli war da. Ob es auch die passenden Geschenke gebracht hatte, diejenigen, die auf dem Wunschzettel standen? Ich konnte nur hoffen und mit pochendem Herzen zum Christbaum marschieren.
Dann aber folgte das Schlimmste: Wir mussten zuerst singen. Diese Tortur! Bei dieser Tradition waren meine Eltern sehr strikt. «Schliesslich geht es bei Weihnachten nicht um Geschenke», betonten sie jeweils.
Pah! Die hatten doch keine Ahnung.
Und ich musste dann immer die schön eingepackten Geschenke anschauen und dazu «Das isch de Stärn vo Betlehem» zum Besten geben. Und natürlich noch «Stille Nacht» und «O du fröhliche».
Fröhlich, das war ich eindeutig erst bei der Bescherung. Darauf bin ich nicht stolz, aber es war halt so.
Immerhin waren meine Eltern meistens grosszügig, was den Schmerz der Sing-Folter wieder wettmachte. Den kleinen Bruder, den ich mir aus unerklärlichen Gründen einmal gewünscht hatte, habe ich zwar vom Christchindli nicht erhalten. Zum Glück, wie ich heute sagen muss. Aber meistens trafen die Chef-Einkäufer meinen Geschmack.
Dieses Jahr wurde ich an Weihnachten etwas sentimental und habe mich an die Zeiten zurückerinnert, in denen ich noch mit grosser Vorfreude den Wunschzettel fürs Christchlindli geschrieben habe.
Und dann musste ich mit Schrecken feststellen: Das Christchindli, das bin jetzt ich. Und ich arbeite das ganze Jahr.
Die meisten der kleineren materiellen Wünsche kann ich mir selbst erfüllen. Eine neue Schallplatte der amerikanischen Sängerin Taylor Swift, einfach zur Dekoration, da ich gar keinen Plattenspieler besitze? Kein Problem, ab in den Warenkorb damit. Ein paar Tage später steht das Paket beim Hauseingang.
Ein neues Buch meiner Lieblingsautorin? Sofort bestellen. Einen Schirm für 30 Euro aus Frankreich, weil das Modell in meiner Lieblingsserie vorkommt? Ja, Sie wissen es nun, ich musste mir auch den besorgen.
Ich könnte jetzt die Moralkeule auspacken. Aber das muss ich gar nicht.
Denn einen Vorteil hat mein Christchindli-Dasein durchaus. An Weihnachten ist überhaupt nicht mehr wichtig, was sich unter dem Baum befindet.
Ich singe heute sogar freiwillig – und gerne noch etwas länger. Oder wie beschreibt es der Schweizer Kinderliedautor Andrew Bond: «Sgrööschte Gschänk vo de Wiehnacht, liit nöd under em Chrischtbaum da.»
