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Gesellschaft

Ustermer «Tomate» blüht vor dem Abriss nochmals auf

Die hundertjährige Gaststätte in der Nähe des Ustermer Zeughausareales ist dem Tode geweiht. Als Schlüssel Bar bleibt sie bis dahin aber der italienischen Küche treu – und lässt den alten Namen wieder aufleben.

Zwei stadtbekannte Gastronomen prägen die neue «Schlüssel Bar» (von links) Roth Ly und Filippo Vijayakumar., Der Barbereich mit dem gemütlichen Brockenhaus-Mobiliar wird von strengen Fischaugen (an der Wand) beobachtet. , Die zum Bartresen aufgepimpte Buffet lädt zum Plaudern ein. , Der Name ist nicht ganz neu: Der «Schlüssel» vor 1968 war eine Soldatenschenke mit Metzgete und bekannter Beizenfasnacht.

Foto: Stadtarchiv Uster & Paul-Kläui-Bibliothek

Ustermer «Tomate» blüht vor dem Abriss nochmals auf

Der Pizzaofen im Restaurant Tomate an der Winterthurerstrasse in Uster wurde diesen Sommer abgestellt. Die Pächter konnten sich mit den Besitzern der Abbruchliegenschaft nicht über die nötigen Investitionen für eine Fortsetzung des Betriebs einigen. 

Seit einigen Tagen arbeitet wieder ein Pizzaiolo im Lokal beim Zeughaus. In edlen Grautönen aussen aufgepimpt, wird es als «Schlüssel Bar» am Samstag in geschlossener Gesellschaft eröffnet. 

«Im ‹Schlüssel› war es jahrzehntelang grün, einfach grün», erinnert sich der einstige Besitzer der Liegenschaft Hans Peter Bucher, Brauerei Uster. Nicht politisch grün – feldgrün muss man für die Jüngeren präzisieren.

Im «Schlüssel» trat das Bier der Brauerei Uster seinen ihm vorbestimmten Weg durch die durstigen Kehlen der Wehrmänner und Zeughäusler an, in ihren tannigen Waffenröcken oder grauen Zwilchhosen. Ob General Guisan von der Wand in die Gaststube blickte?

Maskottchen Kugelfisch

In der gediegenen «Schlüssel Bar» blickt Kugelfisch Max von der Wand. «Max dominiert mit seinen Fischaugen den Barbereich. Er ist hier Max, das Maximum. Niemand sonst in diesem Raum soll sich aufblasen», erklärt Architekt Remo Gasche die Wahl der Tapete.

Bar interieur mit plüsch-Mobiliar.

Da in drei bis vier Jahren der Abbruch der Liegenschaft bevorsteht, beschränkte man sich auf eine ressourcenschonende Erneuerung. «Mit etwas Farbe, Teppichen, Stühlen, Tischen und Sesseln aus dem Brockenhaus schufen wir ein einladendes Ambiente.»

Begegnungsort für Uster

Für das Pop-Up-Restaurant mit Bar zeichnet Roth Ly verantwortlich. Ihn in Uster vorzustellen, hiesse Essstäbchen nach Peking tragen.

«Das Restaurant Schlüssel Bar ist nun mein zehntes Lokal.»
Roth Ly, Pächter der 
Schlüssel Bar

An der Seite seines Vaters begann der Kambodschaner mit chinesischen Wurzeln vor 40 Jahren seine Gastro-Karriere. Auf dem Herbstmarkt im Stedtli Grüningen verkauften sie Frühlingsrollen.

In Uster eröffnete 2004 der Schweizerbürger aus Grüningen das China-Restaurant Suan Long und acht Jahre später das «Ichiban». «Das Restaurant Schlüssel Bar  ist nun mein zehnter Streich», erklärt der Selfmade-Man beim Fototermin, «es soll ein Begegnungsort für Uster werden.»

Pizza und Pasta bei Filippo

Links vom Eingang erstreckt sich zwischen dem runden Stammtisch in der Ecke und dem schon von der «Tomate» genutzten Pizza-Ofen das Speiselokal mit bis zu 50 Plätzen mit italienischer Karte.

Schlüsselbar Uster

In der warmen Jahreszeit lädt die Terrasse als Biergarten für drei Dutzend Gäste zum Verweilen ein. Bayrisches Bier in Flaschen und dreierlei Usterbräu vom Zapfhahn kann hier genossen werden.

Vollblut «Italiener» Filippo, den Ustermern wohlbekannt vom «Molino», bringt die Pizza Tonno mit Usterbräu in die Oktoberkühle der Terrasse. Ein unverhofftes Wiedersehen, das Freude macht.

Exklusive Eröffnung mit Tanja Dankner

Was dem «Central» nicht gelang, scheint Roth Ly zu glücken. Zur Eröffnungsfeier am Samstag wird vor den geladenen Gästen die Jazz-Sängerin Tanja Dankner auftreten. Mit dieser exklusiven Feier beginnt aber die Geschichte eines divers geführten Treffpunkts in der Inklusionsstadt Uster.

Schlüsselbar Uster

«Ich hatte Glück», erklärt Roth Ly auf die derzeitige Personalsituation im Gastro-Bereich angesprochen, «wir haben seit einigen Tagen eine schleichende Öffnung, damit das Team bei der Eröffnungsfeier die Abläufe beherrscht.» So geht es an der Winterthurerstrasse reibungslos italienisch weiter. 

Zeuge der Ustermer «belle Epoque»

Es war der italienische Maurermeister Giovanni Allemandi, der das Lokal 1899 an der Winterthurerstrasse ins Grüne baute. Erst wohl nur für durstige Fuhrhalter auf der staubigen Kantonsstrasse.

Die Kundschaft vermehrte sich, als die kleinen Villen der Garten- und Paulstrasse sich füllten. Der Textilunternehmer Paul Sigrist brachte hier die Familien seiner leitenden Angestellten unter.

Das Restaurant Schlüssel in den frühen 60er Jahren mit Limousine Schiff und VW-Käfer davor.

Ab 1915 bescherte das neue Bezirksgerichtsgebäude weitere Gäste. In den «wilden Zwanzigern» erweiterte Arnold Tobler 1928 den Schlüssel um eine Kegelbahn.

Auch « Schlüssel Bar »  bleibt bodenständig

Wie lange noch gekegelt wurde? Es kam die grosse Krise der Dreissiger Jahre. Die Übernahme des Zeughausareals durch das Schweizer Militär 1938 brachte jenes Grün in die Gaststube, das Brauer Hans Peter Bucher erinnert.

«Es hatte stets bodenständige Wirte.»
Ruedi Gysi, Ustermer Verseschmied

Das Lokal wechselte öfter Namen, Wirte und auch Besitzer. Die Kegelbahn wurde abgerissen. Am 25. September 2005 war auf dem Zeughausareal «uustrinkete». Das Militär trat ab, es kamen die Kreativen auf die Militärbrache.

«Es hatte stets bodenständige Wirte», urteilt Ruedi Gysi, ehemaliger Ustermer Stadtpolizist, der sich auch an üppige Metzgeten und Fasnachtsdekorationen erinnert.

Wie lange die Schlüssel Bar die Veränderungen auf dem Zeughaus- und Gerichtsareal begleiten wird, bleibt offen. Es wird wohl ein Lokal bleiben, «das auch in polizeilicher Hinsicht nie grosse Probleme macht», resümiert der reimende Polizist.

Gerade wenn sich hier weiterhin neben Handwerkern und Kulturfreunden – auch politisch grünen! –  Richterinnen, Staatsanwälte und Gerichtsschreiberinnen mittags an italienischen Gerichten stärken.

Die Öffnungszeiten

Dienstag, Mittwoch 11.00-14.00 Uhr & 17.00-23.00 Uhr
Donnerstag, Freitag, Samstag 11.00-14.00 Uhr, 17.00-24.00 Uhr
Sonntag, 17.00-23.00 Uhr

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