Farben gegen Schwermut – Ustermer Künstlerin leidet an Long Covid
Covid mag für viele Menschen in der Vergangenheit liegen, nicht so für Alexandra Feusi: Die Künstlerin leidet seit März 2022 unter Long Covid. Die 30-Jährige hatte sich im Februar angesteckt. Jetzt zeigt sie die Bilder, die seit damals entstanden sind. Für die Zeit der Ausstellung ist Feusi aus Wien angereist und wohnt bei ihren Eltern in Uster, wo sie auch aufgewachsen ist.
«Hier als Erstes meine Visitenkarte.» Die Malerin Alexandra Feusi legt schmunzelnd einen kleinen Aufkleber mit einer gezeichneten, schlappen Gurke auf den Balkontisch. Es ist Oktober und die Sonne brennt sich kraftvoll durch die beiden aufgestellten Sonnenschirme hindurch.
Die Gurke hingegen wirkt müde und schlaff, obwohl das gezeichnete Gesicht des Gemüses immerhin verkrampft lächelt. «Ich als Gurke» heisst das Bild. Genauso, wie sie sich gefühlt habe und sich auch acht Monate nach Covid leider noch immer fühle: Kraftlos.
Feusi hat die kleine Farbstiftzeichnung während ihrer Zeit in der Rehaklinik in Österreich gezeichnet. Sie merkte einen Monat nach ihrer Ansteckung, dass es mit Covid noch nicht vorbei war.
«Ich war mit einer Kollegin Zuhause am Quatschen und merkte plötzlich, dass ich mich sofort hinlegen muss.»
Alexandra Feusi, Künstlerin
Sie hatte sich etwas übernommen und fühlte sich aus heiterem Himmel schlapp. «Ich war mit einer Kollegin Zuhause am Quatschen und merkte plötzlich, dass ich mich sofort hinlegen muss», erzählt sie. Danach liess sie sich von vielen Fachärzten untersuchen und ging in die Rehabilitation.
In der Rehaklinik keine Zeit für Kreativität
Dort sei der Tagesablauf sehr vollgepackt gewesen mit Krafttraining und Atemübungen. «Ich hatte wenig Zeit und auch wenig Energie, um kreativ zu sein», dennoch seien da verschiedene kleine Bilder entstanden. «Ich habe mich zuweilen in verschiedene Dinge hineinversetzt: In einen Käfer, eine Katze oder auch in eine Gurke», sagt sie.
«Ich finde diese immer perfekten, überglücklichen Instagram-Bilder langweilig.»
Alexandra Feusi, Künstlerin
Wenn sie zeichne, dann wolle sie vor allem Gefühle zeichnen. Auch die Unangenehmen. «Ich finde diese immer perfekten, überglücklichen Instagram-Bilder langweilig und möchte auch anderen Emotionen Platz einräumen», meint die 30-Jährige. Deswegen sei die Kunst ja so schön und frei.
An eines ihrer frühesten Bilder erinnere sie sich sehr gut, da es jahrelang am Kühlschrank der Familie Feusi gehangen hat. «Es zeigt eine Geisterbahn aus meiner Sicht als zirka Vierjährige. Wir waren am Ustermer Märt in der Geisterbahn, dieses Erlebnis hat mich schwer beeindruckt», erzählt sie.
Lieber Malen als Schreiben
Als Vierjährige habe sie kaum einen Stift halten können, aber sie habe in kräftigem rot, blau und schwarz ein abstraktes Bild gezeichnet. Schon früh habe sie anstelle von Tagebuch führen lieber gemalt und das sei auch ihren Lehrpersonen positiv aufgefallen. «Mir selber war nicht bewusst, dass ich Talent habe.»
«Früher habe ich von der Malerei Muskeln bekommen.»
Alexandra Feusi, Künstlerin
Feusi studiert abstrakte Kunst in Wien an der Akademie der bildenden Künste. Sie hat auch einen eigenen Atelierplatz, wo sie normalerweise zwei Meter grosse Leinwände bemalt. «Früher habe ich von der Malerei Muskeln bekommen. Auf so grossen Flächen zu malen braucht Energie.» Diese Kraft hat sie, seit sie an Covid erkrankt ist, leider nicht mehr.
Kleine Bilder
Acht Monate lang sei sie nicht in ihrem Atelier gewesen. «Ein einziges Mal war ich für drei Stunden dort, da habe ich mich auf den Boden gesetzt und ein kleinformatiges Bild gemalt.» Momentan zeichnet sie mit Farbstift oder Ölkreide Figürliches in kleinen Formaten. Das grösste Bild, welches sie in Rapperswil in der Einzelausstellung aufhängen wird ist 70 auf 50 Zentimeter gross.
Sie nimmt ein Bild hervor, worauf eine Frau in der Hocke zu sehen ist – sie sitzt auf einem gekachelten Boden. Der Strich ist kräftig geführt, wenn nicht sogar aggressiv.
«Ich war so wütend, als ich dieses Bild gemalt habe.»
Alexandra Feusi, Künstlerin
«Dieses Bild heisst Wut in Kompressionsstrümpfen. Und ich war so wütend, als ich es gemalt habe.» Sie empfindet es als unfair, dass sie die ganze Zeit so müde sei. «In der Akademie, wo ich studiere, bringe ich teilweise nicht mal die Türe auf. Ich bin erst 30 und fühle mich wie ein alter Mensch. Ich hoffe wirklich, dass es bald aufhört.»
Long Covid als Belastung
Feusi leidet zusätzlich an Vergesslichkeit, im Gehirn wabern manchmal neblige Wolken herum. «Einmal legte ich gedankenverloren mein Handy in den Kühlschrank und suchte es danach den halben Tag lang.» Sie schmunzelt, aber man merkt, es belastet sie. Sie spürt bezüglich ihrer Krankheit Long Covid auch manchmal ein Unverständnis der Gesellschaft. «Man wird als Simulant abgestempelt, als faul oder als depressiv, dabei liebe ich das Leben sehr», sagt sie.
Wer Feusis Output betrachtet, merkt, dass sie trotz Long Covid alles Andere als auf der faulen Haut gelegen haben kann. «An die Ausstellung in Rappi nehme ich 181 Bilder mit. Davon werden wir 150 zeigen.» Die definitive Auswahl wird sie diese Woche gemeinsam mit dem Kurator treffen.
Die Vernissage «Es sitzt ein Baum auf meinem Vogel» findet am 21. Oktober um 18 Uhr in der IG Halle #2 im Kunst(Zeug)Haus, Tor 13, in Rapperswil statt. Die Ausstellung dauert vom 21. bis zum 23. Oktober. Samstag und Sonntag ist die Ausstellung von 11-17 Uhr geöffnet und die Künstlerin Alexandra Feusi anwesend. Mehr INfos unter www.ighalle.ch
